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Einmal Pilger – immer Pilger?

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Leipzig, 8. Januar 2023

Ende letzten Jahres hat sie mich wieder erwischt, die Wanderlust. Ganz leise, ohne Vorwarnung, so wie man morgens in der Herberge merkt, dass der Nachbar schon packt und man selbst eigentlich auch losmüsste.

Eigentlich hatte ich mir etwas anderes ausgemalt: mit Antje den Camino Portugués entlang der Küste gehen. Den Weg, den ich 2018 allein gegangen bin, diesmal zu zweit. Aber ich konnte sie nicht davon überzeugen, im Mai mit mir aufzubrechen. Die Gründe liegen auf der Hand. Oder sitzen bei uns am Tisch. Nun ja. Ich verstehe sie. Antje hatte in den letzten Monaten gesundheitlich einiges auszuhalten, und ihre größte Sorge ist, dass sie den Strapazen einer Pilgerreise nicht gewachsen ist. Zumal mit Rucksack. Ich glaube, sie würde es schaffen. Zumindest den Portugiesischen. Aber das muss sie selbst so sehen, nicht ich.

Und trotzdem komme ich von dem Gedanken nicht los, dieses Jahr noch einmal loszuziehen.

Als ich letztes Jahr auf dem Camino del Norte unterwegs war, hätte ich bei Villaviciosa ins Landesinnere abbiegen können, nach Oviedo und weiter auf den Camino Primitivo. Ich bin an der Küste geblieben. Vor allem, weil ich Angst hatte, dass die Zeit nicht reicht, und weil ich wettertechnisch nicht gut genug ausgestattet war. Im Nachhinein war das sicher zu vorsichtig. Aber bei genauerer Betrachtung habe ich mir damit einen Weg offengehalten. Einen, den ich noch gehen möchte.

Und weil Antje dieses Jahr noch nicht pilgern will, hat sich bei mir die Idee festgesetzt: Dann eben der Primitivo. Laut allem, was ich bisher gelesen habe, ist er der älteste und zugleich der schwerste Pilgerweg. Sagte man das nicht auch über den Norte? Jedenfalls ist es ein Weg, den ich mit Antje nicht gehen könnte. Nicht als Einstieg in die Pilgerei.

Und dann ist da noch Hagen. Ihm geht es schlecht. Den Norte konnte er schon letztes Jahr nicht mehr mit mir gehen.

Die Zahlen lesen sich jedenfalls beeindruckend. Rund 300 Kilometer, insgesamt etwa 6.000 Höhenmeter. Auf die Strecke gerechnet ist das gar nicht so weit weg vom Norte, der auf seinen rund 820 Kilometern ungefähr 18.800 Höhenmeter hat. Nur sind die Anstiege auf dem Primitivo wohl steiler, und es geht höher hinauf, bis auf rund 1.100 Meter. Was den Weg zusätzlich anstrengend macht: Es geht nicht einfach nur bergauf. Es geht danach auch fast jedes Mal wieder genauso weit bergab. Was das bedeutet, habe ich letztes Jahr ziemlich schmerzhaft gelernt. Meine Knie können ein Lied davon singen, und es ist keine Ballade.

Abschrecken lasse ich mich trotzdem nicht. Die wichtigste Lehre wird sein: das Gepäck. Da muss ich diesmal sehr genau hinschauen und noch viel drastischer aussortieren, was mitkommt. Jedes Gramm, das ich nicht einpacke, muss ich nicht den Berg hinauftragen. Klingt banal. Ist es auch. Hat mich bisher trotzdem nie davon abgehalten, zu viel einzupacken.

Jetzt habe ich erst einmal meinen Urlaub beantragt und warte ab, ob er genehmigt wird. Wenn alles seinen Gang geht, kann ich demnächst den Flug buchen und mit der Planung anfangen. Dazu gehört diesmal auch eine ernsthaftere körperliche Vorbereitung. Dank HanseFit kann ich an ganz unterschiedlichen Orten trainieren. Und das muss ich diesmal auch.

Einmal Pilger, immer Pilger? Sieht ganz so aus.

Wissenswertes

  • Der Camino Primitivo gilt als der älteste Jakobsweg. Im 9. Jahrhundert soll König Alfons II. von Asturien von Oviedo aus zum gerade entdeckten Apostelgrab nach Santiago gezogen sein. Er gilt deshalb als erster Pilger.
  • Von Oviedo bis Santiago sind es je nach Quelle rund 300 bis 320 Kilometer. Die letzten beiden Etappen ab Melide teilt sich der Primitivo mit dem Camino Francés.
  • Der höchste Punkt der Hauptroute ist der Puerto del Palo mit gut 1.100 Metern.
  • Seit 2015 gehört der Primitivo als Teil der Nordwege zum UNESCO-Welterbe.