2022 bis 2023
Diesmal kam das Loch. Nur nicht dort, wo ich es erwartet hatte.
In Porto hatte ich mich 2018 davor gefürchtet, und es blieb aus. In Santiago, vier Jahre später, stand ich plötzlich mittendrin, auf dem großen Platz vor der Kathedrale, umgeben von Pilgern, die sich in den Armen lagen. Ein paar Freunde vom Weg, eine lange Nacht und eine Queimada später war ich wieder draußen. Und als ich nach Hause kam, war da vor allem eines: Ruhe.
Diese Ruhe hielt eine ganze Weile. Ich nahm die Dinge, wie sie kamen. Einen Schritt nach dem anderen, wie auf dem Weg. Aber irgendwann hat er mich wieder eingeholt, der Stress. Nicht an einem bestimmten Tag, nicht mit einem großen Knall. Eher so, wie auf dem Norte der Regen kam: erst ein paar Tropfen, dann Bindfäden, und irgendwann merkt man, dass der Poncho schon lange nicht mehr dicht ist. Das Stressmonster, von dem ich im Epilog geschrieben hatte, saß wieder mit am Tisch.
Was blieb, war ein Weg, den ich nicht gegangen war.
Im April 2022, als ich an der Nordküste unterwegs war, hatte es in den spanischen Bergen noch einmal einen Wintereinbruch gegeben. Schnee auf den Pässen. Darauf war ich nicht vorbereitet, weder mit meiner Ausrüstung noch im Kopf. Das war einer der Gründe, warum ich an der Küste geblieben bin, statt bei Villaviciosa ins Landesinnere nach Oviedo abzubiegen, auf den Camino Primitivo, den alten Weg quer durch die Berge. Ich habe mir damals vorgenommen: Den gehe ich noch. Auf der Karte im Hostel in Santander war er eingezeichnet. Ich hatte ihn seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekommen.
Und dann war da Hagen.
Mein Freund, mit dem ich 2020 auf den Norte gehen wollte. Als ich 2022 endlich aufbrach, war er schon so krank, dass er nicht mehr mitkommen konnte. Der Hirntumor hatte ihm diesen Weg längst genommen.
Der Primitivo würde warten. Die Frage war nur, wie lange.