O Pedrouzo – Amenal – San Paio – Lavacolla – Vilamaior – Monte do Gozo – San Lázaro – Santiago de Compostela, 30. Mai 2023
Der Morgen in O Pedrouzo begann sehr früh. Wir wollten gemeinsam Richtung Santiago aufbrechen und im Idealfall noch den Sonnenaufgang erleben. Das hieß: um 5:30 Uhr aufstehen, packen und allerspätestens um 6:30 Uhr los. Bis Santiago waren es ja trotz allem noch rund 20 Kilometer.

Luisa war schon unten und startbereit. Ich musste noch meinen Rucksack sortieren, aber das war schnell erledigt. Simona wirkte noch sehr müde, Mischa wollte nachkommen, und Pedro war zwar schon unten, schien sich aber noch sortieren zu müssen. Wir beschlossen, schon einmal aufzubrechen und einen Kaffee zu suchen. Dort wollten wir auf die anderen warten. Gesagt, getan. Das Café in O Pedrouzo öffnete schon um 6 Uhr, und einem ordentlichen Start in den Tag stand nichts im Weg.
Dann ging es los. Es bildeten sich kleine Grüppchen, die zusammen gehen wollten. Luisa und ich hatten uns in den letzten Tagen immer sehr gut unterhalten, also gingen wir beide gemeinsam. Simona wechselte immer wieder hin und her und blieb schließlich bei einem ihrer Landsleute. Mischa setzte sich ab. Er wollte allein sein. Auch das gehört dazu.

Hatten wir in den letzten Tagen eigentlich immer Gesprächsstoff gehabt, liefen wir an diesem Tag über weite Strecken schweigend nebeneinander her. Jeder war in seine Gedanken versunken. Durch Eukalyptuswälder, vorbei an Amenal und am Flughafen, durch Lavacolla mit seinem kleinen Fluss. Ich näherte mich dem Ziel und damit einem meiner Gründe für diese Reise: Hagens Schnürsenkel nach Santiago zu bringen.
Das war für mich dann doch emotionaler als gedacht. Ich hatte Hagen noch gar nicht so viele Jahre gekannt, aber in relativ kurzer Zeit war daraus eine sehr gute Freundschaft geworden. Wir mochten uns. Dass er auf so unfassbar unfaire Weise so früh sterben musste, macht mich immer noch sprachlos. Und es zeigt mir, wie wertvoll das Leben ist und wie gnadenlos die Zeit. Man darf nichts aufschieben. Die Zeit wartet nicht auf einen, und ob der „richtige“ Moment jemals kommt, weiß man nie!
Als ich den markanten Grenzstein kurz vor Santiago erreichte, den Stein, der die Gemeindegrenze der Stadt markiert, war es Zeit, Abschied zu nehmen. Ich hatte die ganze Zeit überlegt, wie ich das mit den Schnürsenkeln am besten machen sollte. In den letzten Tagen war die Idee gereift, Karl zu nutzen, meinen Wanderstab: die Schnürsenkel um ihn wickeln und ihn dann dort abstellen.

Und so habe ich es gemacht. Karl war in den letzten Tagen meine Stütze und mein Begleiter gewesen. Ich wickelte Hagens Schnürsenkel um ihn und lehnte ihn an den Stein. Zwei Begleiter, die ich an diesem Stein zurückließ. Ich verabschiedete mich von Hagen und ging weiter. Nach Santiago.
Luisa hatte ein paar Meter weiter gewartet. Den Rest des Weges unterhielten wir uns wieder über alles Mögliche. Über den Monte do Gozo ging es hinunter in die Stadt. Gleichzeitig nahm jetzt die Zahl der Santiago-Touristen mit leichtem Tagesrucksack spürbar zu. Und das war wirklich anstrengend. Massen von Menschen, die irgendwo von einem Bus abgesetzt worden waren, von Hotel zu Hotel wanderten und sich den Koffer hinterherfahren ließen, verstopften den Weg, hörten laut Musik und plapperten in voller Lautstärke. Es war wie eine Kaffeefahrt. Mit Pilgern hatte das nichts mehr zu tun. Diese Gruppen belegen die Pensionen, sind laut und treten das, was die Pilgerschaft ausmacht, im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen.
Wir regten uns kurz auf, überholten dann aber jeden der Trupps zügig und gingen weiter Richtung Kathedrale. Gegen halb zwölf erreichten wir den Platz vor der Kathedrale. Wir hatten noch Sekt besorgt, und als wir ankamen, ließen wir den Korken knallen. Geschafft! Nach und nach tauchten auch all die anderen auf. Wir saßen noch lange zusammen, machten Fotos und holten uns schließlich die Compostela.

Danach verabschiedeten wir uns erst einmal, und jeder ging seiner Wege: Quartier suchen, Wäsche waschen, ein bisschen für sich sein. Am Abend trafen wir uns noch einmal, um zu feiern und zu erzählen.
Das war er also, mein dritter Camino. Er war anders als die ersten beiden. Anstrengend, aber wirklich sehr schön. Insgesamt bin ich 360 Kilometer gegangen und habe dabei 10.170 Höhenmeter überwunden. Ein Paar Schuhe ist aufgebraucht und musste unterwegs repariert werden, und mein linker Knöchel ist etwas überstrapaziert. Und was habe ich dafür bekommen? Ich war 13 Tage lang fast nur in der Natur unterwegs und habe viele Menschen getroffen. Mit manchen wollte man gern Zeit verbringen, anderen ist man lieber aus dem Weg gegangen.
Es gab wieder viele Geschichten. Die Dänin, die um ihre Mutter trauerte. Die jungen Amerikanerinnen, die zwischen Studium und Beruf noch einmal etwas Außergewöhnliches erleben wollten. Geschichten über Auszeiten, Jobwechsel und Urlaub. Alle waren interessant, und eines hatten wir alle gemeinsam: Wir haben einen anspruchsvollen Weg hinter uns gebracht, über Berge, durch Wälder und mittelalterliche Dörfer. Wir haben gelacht, gefeiert und am Ende gemeinsam ein Ziel erreicht. Den Camino Primitivo, von Oviedo bis Santiago de Compostela.

Auch für mich war wieder die eine oder andere Erkenntnis dabei. Ich konnte mir Fragen stellen, mit Menschen über Themen sprechen, die mich nicht kennen, eine neue Sichtweise einnehmen und meinen Blickwinkel ändern. Das ist viel wert. Bleibt zu hoffen, dass ich das eine oder andere davon auch umsetze.
Der Camino ist für mich jedes Mal aufs Neue ein Erlebnis! Anspruchsvoll und abwechslungsreich, bei den Menschen genauso wie bei der Landschaft. Diesmal habe ich mich noch ein bisschen mehr auf ihn eingelassen, bin an meine Grenzen gegangen und das eine oder andere Mal auch darüber hinaus. Ich habe wieder viel über mich gelernt. Und ich kann voller Stolz sagen, dass ich jeden Meter dieses Camino auf meinen eigenen Füßen zurückgelegt habe.
Hagen ist ihn mit mir zu Ende gegangen. Auf seine Art.
Wissenswertes
- Der Grenzstein der Stadt Santiago steht bei San Paio, in der Nähe des Flughafens. Der große Stein mit der eingemeißelten Jakobsmuschel markiert den Beginn des Gemeindegebiets. Viele Pilger halten hier inne, und viele lassen hier etwas zurück.
- Lavacolla verdankt seinen Namen der Überlieferung nach dem Brauch der mittelalterlichen Pilger, sich im Fluss vor der Ankunft in Santiago gründlich zu waschen. Nach Wochen auf dem Weg war das wohl auch dringend nötig.
- Vom Monte do Gozo, dem „Berg der Freude“, sahen die Pilger früher zum ersten Mal die Türme der Kathedrale. Heute verstellen Bäume und Gebäude den Blick weitgehend, aber der Name ist geblieben.
- Die Compostela stellt das Pilgerbüro in Santiago aus. Voraussetzung: mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß (mit dem Fahrrad 200), belegt durch Stempel im Pilgerausweis. Auf den letzten 100 Kilometern braucht man mindestens zwei Stempel pro Tag.
