Fünfzehn Minuten.
So viel Zeit bekam ich, um meinen Platz zu räumen. Fünfzehn Minuten für ein Kapitel, in das ich alles gesteckt hatte, was ich hatte. Die Kündigung kam eiskalt. Danach war das Kapitel Geschichte. Einfach so.
Das war 2017. Und es war, menschlich gesehen, das Schlimmste, was ich je im Berufsleben erlebt hatte. Es hat mich umgehauen. Nicht ein bisschen. Total.
Um zu verstehen, wie es so weit kam, muss ich ein Stück zurückgehen.
Erst schloss in Hamburg das Unternehmen, für das ich arbeitete. Ab August 2016 dann Karlsruhe. Gewohnt habe ich weiter in Leipzig. Ich pendelte zwischen beiden Städten, zwischen Familie und Job, fast 500 Kilometer pro Strecke. Und irgendwo dazwischen fuhren die Selbstzweifel immer mit. Die zahlen übrigens nie für ihr Ticket.
Im Dezember 2016 war klar: So geht es nicht weiter. Ich suchte nach einer Alternative und fand sie in einer Kleinstadt in Thüringen, bei einem regionalen Unternehmen, verantwortlich für den Vertrieb. Näher an zu Hause. Ein Neuanfang. Dachte ich.
Tatsächlich war ich in einem menschlichen Minenfeld gelandet. Konflikte an allen Ecken, und ich mittendrin, zerrissen zwischen der Arbeit und den Kämpfen drumherum. Mein eigener Anspruch war hoch. Zu hoch, wie sich herausstellte. Und Intrigen erkannte ich zuverlässig erst dann, wenn sie schon hochgegangen waren. Als der Geschäftsführer das Unternehmen verließ, musste auch ich gehen. Fünfzehn Minuten, siehe oben.
Danach machte ich mich selbstständig, holte nebenbei den Betriebswirt nach, schrieb Bewerbungen. Und kämpfte mit den Rückschlägen von drei Jahren, die sich anfühlten wie zehn.
Im Januar 2018 sagte ein Freund zu mir, ich müsse mal raus. Raus aus allem.
Der Jakobsweg war da noch weit weg in meinem Kopf. Wer als Erster das Wort in den Raum geworfen hat, weiß ich heute nicht mehr. Vielleicht hat sich der Weg auch einfach selbst gemeldet. Jedenfalls buchte ich einen Flug. Drei Wochen hatte ich Zeit. Meine Vorbereitung bestand im Wesentlichen aus der Buchungsbestätigung.
Ich hatte Angst. Vor dem, was mich dort erwarten würde. Und noch mehr vor dem, was mich nach meiner Rückkehr erwartete. Ich hatte keinen Job und keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
Was ich hatte, war ein Satz aus einem Film. In „Ritter aus Leidenschaft“ will ein einfacher Junge Ritter werden, obwohl seine Herkunft dagegen spricht. Sein Vater sagt ihm, ein Mann könne seine Sterne ändern.
Meine Sterne neu ordnen. Das wurde mein Motto für diesen Weg.
Am 14. Juni 2018 um 6:15 Uhr stand ich am Leipziger Hauptbahnhof. Und mein Bus kam nicht.
