Auftakt ins Ungewisse

Der Tag begann, wie so viele gute Pilgertage beginnen: mit einer leichten Ahnung, dass heute irgendetwas schiefgehen könnte.

Um 6:15 Uhr stand ich am Leipziger Hauptbahnhof. Die Stadt war noch im Halbschlaf, die wenigen Menschen wirkten wie Statisten in einem Film, der gerade erst anläuft. Mein FlixBus sollte um 6:30 Uhr fahren. Ein solider Plan – zumindest auf dem Papier. Doch während alle anderen Busse geschniegelt und geschniegelt pünktlich abfuhren, blieb meiner einfach aus. Natürlich. Es wäre ja auch zu einfach gewesen.

Mit jeder Minute wuchs meine innere Unruhe. Ich begann, die üblichen Katastrophenszenarien durchzuspielen: verpasster Flug, gestrandet in Berlin, der Camino abgesagt, ich zurück in Leipzig mit einer Ausrede, die niemand hören will. Kurz gesagt: Ich war ganz bei mir – also maximal unentspannt.

Gegen 6:40 Uhr rollte der Bus dann doch noch an, als hätte er sich extra Zeit gelassen, um meine Nerven zu testen. Die Fahrt selbst verlief überraschend ruhig, fast schon zu ruhig, als wollte der Tag mich nachträglich besänftigen. Ein kleiner Stau kurz vor Berlin erinnerte mich jedoch daran, dass das Schicksal gerne kleine Spitzen setzt.

Um 9:30 Uhr erreichte ich Tegel. Genug Zeit, sagte ich mir. Mein Flug sollte um 11:35 Uhr starten, Boarding um 11:05 Uhr. Ein Zeitfenster, das in der Theorie Raum für Gelassenheit lässt. In der Praxis jedoch meldete sich mein innerer Kontrollfreak bereits wieder zu Wort.

Der Check-in verlief reibungslos – fast verdächtig reibungslos. Und tatsächlich: Kurz darauf die Nachricht, dass sich der Flug verspäten würde. Neue Abflugzeit: 11:50 Uhr. Ich sah meine ohnehin knappe Umstiegszeit in Brüssel – exakt 30 Minuten – wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Die Dame am Schalter schaute mich an, als hätte ich gerade angekündigt, barfuß nach Portugal laufen zu wollen. „Diese Verbindung wird normalerweise umgebucht“, erklärte sie mir. Nach kurzer Rücksprache mit dem Ticketing stand fest: Ich solle es in Brüssel klären. Und mein Gepäck? Nun ja, das würde vermutlich ein Eigenleben entwickeln. „Na prima“, dachte ich, und beschloss, mich innerlich schon einmal von meinem Rucksack zu verabschieden.

Mit etwa 40 Minuten Verspätung hob das Flugzeug schließlich ab. Ich hatte meinen Anschluss gedanklich bereits abgeschrieben und mich darauf eingestellt, irgendwo zwischen belgischen Schaltern und müden Flughafenstühlen zu stranden. Doch dann geschah etwas, das fast schon an ein kleines Wunder grenzte: Der Pilot holte tatsächlich rund 30 Minuten wieder auf.

Plötzlich war sie da – diese zarte, fast fragile Hoffnung.

In Brüssel verwandelte ich mich in einen Pilger der besonderen Art: nicht auf staubigen Wegen, sondern auf glänzenden Flughafengängen, im Laufschritt, mit Rucksack (gedanklich zumindest) und leicht panischem Blick. Ich rannte durch gefühlt den halben Flughafen, vorbei an Menschen, die offensichtlich mehr Zeit hatten als ich.

Am Gate angekommen, machte mir der Mitarbeiter wenig Hoffnung, was mein Gepäck anging. Aber in diesem Moment war mir das egal. Ich saß im Flugzeug. Richtung Portugal. Richtung Camino.

Der Flieger landete schließlich überpünktlich um 15 Uhr Ortszeit in Porto. Während ich am Gepäckband stand, hatte ich mich bereits damit abgefunden, die erste Etappe ohne meinen Rucksack zu beginnen – eine Art unfreiwilliger Minimalismus.

Doch dann, als das Band schon fast leer war, geschah das Unerwartete: Als letztes Gepäckstück tauchte mein Rucksack auf. Unversehrt. Fast ein wenig stolz.

Ich musste lachen.

Es konnte also losgehen.

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