O Burgo de Negral – Ferreira – Merlán – Hospital das Seixas – Sierra del Careón – Vilouriz – Vilamor – Melide, 28. Mai 2023
Nach einer erholsamen Nacht bin ich relativ spät aufgestanden. Ich konnte morgens noch einmal duschen und packte dann in Ruhe meine Sachen zusammen. Um 7:20 Uhr sollte es Frühstück geben. Aber ich hatte inzwischen gelernt, dass Uhrzeiten in Spanien eher als grobe Richtwerte zu verstehen sind, und am Ende war es mir auch egal. Ich hatte alles beisammen und brauchte nur noch eine Flasche Wasser, um meinen Wasserschlauch aufzufüllen. Gegen 7:45 Uhr öffnete dann auch die Bar, ich bekam einen Kaffee und mein Wasser. In der Nacht hatte es stark geregnet, die Luft war frisch und kühl, und über den Feldern hing noch eine Menge Nebel.
Mit meinem Kaffee setzte ich mich auf die Terrasse und kam mit Luisa ins Gespräch. Sie ist Restauratorin, stammt aus Naumburg, hat ihren Master in Wien gemacht und arbeitet dort heute in einem Museum als Expertin für die Arbeit mit Papier und dessen Erhalt. Es war ebenfalls ihr dritter Camino, und weil wir beide nicht allein gehen wollten, brachen wir gemeinsam auf.

Mit meinem linken Fuß hatte ich schon seit dem Vortag Probleme. Die Sehne am Knöchel tat weh und war leicht geschwollen. Mit einer Ibuprofen ließ sich das unterdrücken, und das musste ich auch, wenn ich Melide erreichen wollte. Bis dorthin waren es ungefähr 26 Kilometer.
Der Weg selbst war ziemlich unspektakulär. Auch auf diesem Abschnitt gab es nicht viele Möglichkeiten zum Ausruhen. Aber wir fanden eine Handvoll Cafés und Bars, sodass zumindest die Grundversorgung gesichert war. Wir nutzten jede Gelegenheit, tranken Kaffee und unterhielten uns über das Leben in Wien, über Politik und Kultur. Mit jemandem zu gehen, der etwas ganz anderes macht als man selbst, ist eine der schönsten Seiten des Camino.




Unterwegs trafen wir auch Simona, eine Italienerin aus Neapel. Es war schon das zweite Mal, dass mir auf dem Jakobsweg eine vollkommen aufgedrehte Italienerin begegnete. Genau wie 2022 auf dem Norte war auch diese völlig überdreht, lachte viel und verstand es, die unterschiedlichsten Gruppen zusammenzubringen. Auch wenn sie kein Gespräch lange durchhielt, weil sie ständig von irgendetwas oder irgendwem abgelenkt wurde. Als wir auf eine Gruppe Amerikaner trafen, war sie schon wieder auf und davon. Nicht ohne sich vorher von allen Anwesenden die Telefonnummer geben zu lassen. Ein Wirbelwind mit Rucksack.




Weg und Zeit vergingen wie im Flug. Diesmal hatten wir deutlich weniger Asphalt, aber dafür einige anstrengendere Abschnitte, vor allem den Anstieg über die Sierra del Careón. Trotzdem erreichten wir nach einem flotten Marsch von 26 Kilometern gegen 15 Uhr Melide. Hier trifft der Primitivo offiziell auf den Camino Francés. Ab jetzt würde ich nicht mehr nur „meinen“ Weg gehen, sondern den, auf dem die meisten Pilger nach Santiago unterwegs sind.


Für den Abend waren wir alle verabredet, in die Pulpería zu gehen. Die tägliche Feier stand an, wir wollten auf das Erreichte anstoßen. Es wurde ein langer Abend, auch weil uns ein Gewitter eine Weile an Ort und Stelle festhielt. Später zogen wir noch durch die Bars, und gegen Mitternacht verabschiedeten wir uns. Am nächsten Tag sollte es ja weitergehen. Geplant hatte ich, bis Arzúa zu gehen, eine kleine Stadt zwischen Melide und O Pedrouzo, dem letzten Etappenort vor Santiago. Entspannte 15 Kilometer.


Die Nacht würde kurz werden!
Wissenswertes
- Melide ist der Ort, an dem der Camino Primitivo in den Camino Francés mündet. Von hier sind es noch gut 50 Kilometer bis Santiago. Ab Melide wird es auf dem Weg deutlich voller.
- Pulpo á feira, Krake nach Markttradition, ist die Spezialität von Melide. Der Krake wird im Kupferkessel gekocht, mit der Schere in Scheiben geschnitten und mit Olivenöl, grobem Salz und Paprika auf Holztellern serviert. Dazu gibt es Brot und Ribeiro-Wein aus Keramikschalen.
- Die Sierra del Careón ist die letzte nennenswerte Erhebung auf dem Primitivo, mit gut 700 Metern. Danach geht es bis Melide fast nur noch bergab.
- Hospital das Seixas erinnert schon im Namen an ein früheres Pilgerhospital. Auf dem Primitivo begegnet man diesen Namen bis zum Schluss.
