O Cádavo – Pradeda – Vilabade – Castroverde – Souto de Torres – Vilar de Cas – Gondar – Lugo, 26. Mai 2023
Die heutige Strecke sollte etwas mehr als 29 Kilometer lang sein. Allerdings glaube ich den Angaben inzwischen nicht mehr. Eigentlich hatte ich Zeit, denn meine Unterkunft in Lugo war schon gebucht. Hinter O Cádavo ging es noch einmal spürbar bergauf, und gleich danach wieder bergab. Und der Weg bergab war deutlich länger als der hinauf. Da war klar: Jetzt verlasse ich die Berge.




Es ging hinunter durch kleine Weiler aus grauem Stein, vorbei an Wiesen, auf denen noch der Morgendunst lag. Kein Geröll mehr, keine Pfade am Abgrund. Die Landschaft wurde weicher, und meine Knie haben es mir gedankt.




Erstes Ziel war Castroverde. Der Ort liegt etwa neun Kilometer hinter O Cádavo und sollte meine erste Rast werden. Castroverde ist klein und überschaubar. Weil ich mich auf der Hauptstraße verfranzt hatte, landete ich in einer der einfacheren Bars. Der Kaffee hat trotzdem geschmeckt. An der Hauswand hing ein großes Werbeplakat mit einem Satz von Antonio Machado: „Caminante, no hay camino, se hace camino al andar.“ Wanderer, es gibt keinen Weg, der Weg entsteht beim Gehen. Ausgerechnet auf einer Bierwerbung. Aber recht hat er trotzdem.




Nachdem ich mich in den letzten Tagen immer wieder mit sehr steilen Auf- und Abstiegen herumgeschlagen hatte, kam mir der heutige Tag extrem leicht vor. Die Kilometer flogen nur so dahin, über Souto de Torres, Vilar de Cas und Gondar, und in Windeseile hatte ich die heutigen Wegpunkte hinter mir. Kurz vor Lugo führte der Weg an einem Fluss entlang, unter Trauerweiden hindurch. In Lugo kam ich schon um halb vier an. 31 Kilometer in 7:30 Stunden, Pausen eingerechnet. Und nur noch rund 100 Kilometer bis Santiago.





Ich spazierte noch ein bisschen durch die Stadt, entlang der römischen Mauer, über die Plaza Mayor, trank ein Estrella und kaufte mir etwas fürs Abendessen. Eine meiner Mitpilgerinnen hatte recht: Lugo ist nicht so groß, dass man es nicht in zwei Stunden besichtigen könnte.





Für morgen hatte ich mir vorgenommen, etwas kürzer zu gehen. Mal sehen, ob ich mich daran halten kann.


Wissenswertes
- Die römische Stadtmauer von Lugo stammt aus dem 3. Jahrhundert. Sie ist rund 2 Kilometer lang und hat noch heute 85 Türme. Sie gilt als einzige vollständig erhaltene römische Stadtmauer der Welt und gehört seit 2000 zum UNESCO-Welterbe. Man kann sie auf ganzer Länge oben auf der Mauerkrone umrunden.
- Die Kathedrale von Lugo hat ein besonderes Privileg: Dort ist das Allerheiligste ständig ausgestellt, Tag und Nacht. Der Kelch mit der Hostie im Wappen Galiciens wird gern mit diesem Privileg in Verbindung gebracht.
- Lugo liegt gut 100 Kilometer vor Santiago. Wer die Compostela, die Pilgerurkunde, bekommen will, muss zu Fuß mindestens die letzten 100 Kilometer gehen. Deshalb starten viele Pilger auf dem Primitivo erst hier.
- „Caminante, no hay camino“ stammt aus einem Gedicht von Antonio Machado aus dem Jahr 1912. Auf dem Camino begegnet man dem Satz ständig: auf Mauern, Schildern, T-Shirts und offenbar auch auf Bierwerbung.
- In Vilabade, kurz vor Castroverde, steht die gotische Kirche Santa María. Wegen ihrer Größe wird sie auch die „Kathedrale von Castroverde“ genannt.
