Der Countdown läuft: der Norte ruft

Das Bild entstand letztes Jahr auf der Brücke zwischen Irún und Hendaye, auf dem Rückweg von meiner letzten Pilgerreise. Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment, an das Gefühl in mir und an die innere Zerrissenheit, die mich damals begleitet hat.

Genau dort reifte der Entschluss, den Camino del Norte noch einmal zu gehen. Nicht aus einer spontanen Verrücktheit heraus, sondern aus der Erkenntnis, dass in mir etwas aus den Fugen geraten war — etwas, das ich wieder zurecht rücken muss.

Über die letzten zwei Jahre habe ich mich mehr und mehr in eine Situation manövriert, die mir nicht guttat, langsam an meiner Kraft zehrte und mich innerlich zermürbt hat. Und das muss klar gesagt sein: Gemeint ist nicht meine Familie, sondern meine berufliche Situation, in der ich mich jetzt seit einigen Jahren befinde.

Eine Situation, die ich verändern wollte, aber bis ich diesen einen entscheidenden Schritt wirklich gehen konnte, ist noch einmal ein ganzes Jahr vergangen.

Zuallererst haben Angst, Unsicherheit und die Hoffnung, doch noch Einfluss nehmen und die Dinge zum Guten wenden zu können, mich lange zögern lassen. Dazu kam noch die gewisse Sicherheit eines „goldenen Käfigs“, die ich in meiner bisherigen Situation gespürt habe und die es nicht leicht gemacht hat, wichtige Entscheidungen für mich und meine Zukunft zu treffen.

Doch in den letzten drei Wochen hat sich das Gefühl verfestigt, in einer Ecke zu stehen, aus der ich aus eigener Kraft nicht mehr herausfinde. Unruhe, viel Arbeit, das Empfinden, mit allem allein zu sein, und schließlich auch gesundheitliche Beschwerden haben mir deutlich gezeigt, dass dieser Zustand nicht länger tragbar war.

Also habe ich entschieden. Nicht leichtfertig, nicht übereilt, sondern nach vielen Gesprächen, nach sorgfältigem Abwägen und nach dem wiederholten Gegenüberstellen von Pro und Contra. Ausschlaggebend waren am Ende die Reaktionen meines Umfelds — beruflich wie privat — und vor allem das, was mir zunehmend fehlte: echte Resonanz.

Jetzt, mit einer Woche Abstand, fühlt sich diese Entscheidung richtig an. Für den Moment kümmere ich mich noch um meine Aufgaben und gebe dort meine Kraft hinein, solange es meine Aufgaben sind. Dazwischen aber steht nun meine Pilgerreise — als bewusster Schritt hinaus aus dem Alten und hinein in etwas, das mir wieder Luft zum Atmen geben soll.

Bald geht’s los!

Es sind nur noch wenige Wochen, bis das Abenteuer endlich beginnt. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, und der Stichtag rückt unaufhaltsam näher: Am 30. April hebe ich ab in Richtung Bilbao. Von dort aus wird mich der Bus in das gut ein bis zwei Stunden entfernte San Sebastián bringen, um meine Reise auf dem Küstenweg zu starten. Der Camino del Norte, der sich majestätisch die nordspanische Küste entlangschlängelt, wartet auf mich. Ich habe bereits einen groben Etappenplan ausgetüftelt, aber wie jeder erfahrene Pilger weiß, werden sich Pläne nach wenigen Tagen ändern oder ganz über den Haufen geworfen.

Planänderung: Der 1. Mai und die Herbergssuche

Eigentlich – und dieses Wort lernt man auf dem Camino schnell zu streichen – war mein festes Vorhaben, ganz klassisch im Grenzstädtchen Irun zu starten. Von dort aus führt die rund 27 Kilometer lange erste Etappe über atemberaubende Berge und durch das pittoreske Pasaia, wo man stilecht mit einem kleinen Boot übersetzen kann. Doch der Kalender hat mir einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Am 1. Mai feiert ganz Spanien den „Día del Trabajo“, den landesweiten Tag der Arbeit. Diese Festlichkeiten in Kombination mit dem ohnehin startenden Frühlingswetter führen dazu, dass das mondäne San Sebastián mit seiner wunderschönen Bucht La Concha restlos ausgebucht ist. Schweren Herzens musste ich also die Irun-Etappe streichen, da hier schlichtweg kein Quartier für diese kritische Nacht zu finden war, und beginne nun direkt in San Sebastián.

Rucksack-Wissenschaft und Schnupfen

Gestern habe ich das Ritual vollzogen, das jeden Pilger vor der Abreise verzweifeln lässt: das allererste Probepacken.

Jedes Ausrüstungsteil wurde begutachtet, das Gesamtgewicht überschlagen und es wurde geprüft, was für die Tour wirklich notwendig ist. Fehlende Utensilien wurden identifiziert und sind mittlerweile auch bestellt, und wenn ich in meinem Optimierungswahn nichts Essenzielles vergessen habe, steht der finale Rucksackinhalt in den nächsten Tagen fest. Die grundlegendste Entscheidung, die ich treffen muss, ist ob ich mein Haven-Tent einpacke oder doch lieber 2 KG weniger Gewicht mitnehme und darauf vertraue, immer auch ein Bett zu finden. Mich macht die Vorstellung wirklich nervös!

Dass mich ausgerechnet jetzt noch eine Erkältung erwischt hat, nehme ich mit stoischer Gelassenheit. Besser jetzt die Nase putzen und den Tee genießen, als in drei Wochen schniefend die baskischen Berge erklimmen zu müssen.

Das eigentliche Ziel: Den Kopf freibekommen

Bei all der logistischen Vorbereitung darf man natürlich nicht vergessen, warum man sich diese wunderbaren Strapazen eigentlich antut. Ziel dieser Reise ist es nicht nur, Kilometer zu fressen, sondern vor allem, den Kopf wieder richtig frei zu kriegen. Ich habe mir zwei kleine Ziele gesetzt, die ich auf diesem Weg zu erreichen versuche, über die ich hier aber noch nicht sprechen möchte. Aber viel wichtiger als das ist die Notwendigkeit, mich auf das vorzubereiten, was in den nächsten Wochen auf mich zukommt.

Ich möchte mich mental auf neue Aufgaben und Herausforderungen vorbereiten, die nun vor mir liegen, und dafür auf den einsamen Pfaden an der Küste neue und vor allem so wichtige Kraft tanken. Die neuen Aufgaben im beruflichen Alltag werden eine Menge Energie und mentale Kraft erfordern, und ich bin mir sicher, dass der Rhythmus des Gehens, das Rauschen des Atlantiks und die Einfachheit des Pilgerlebens genau die richtige Vorbereitung dafür sind.

Das Hauptziel ist es loszulassen, was mich die letzten Jahre beschäftigt hat und die Ruhe, Gelassenheit und Offenheit aufzubauen um mich für das Neue, was vor mir liegt und auf das ich mich freue, wappnen zu können!

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