Vigo – Redondela – Arcade, 23. Juni 2018
Es. Ist. Heiß.
Um sieben Uhr morgens zeigte das Thermometer in Vigo bereits 29 Grad im Schatten. Neunundzwanzig Grad. Um sieben Uhr morgens. Mit einem leichten Lüftchen und ohne direkte Sonne war das noch irgendwie erträglich, und der Schweiß, der sich schon nach wenigen Kilometern einstellte, sorgte immerhin für eine gewisse Abkühlung. Ich versuchte, das positiv zu sehen. Der Körper klimatisiert sich selbst. Sehr praktisch.
Vigo ist keine Schönheit. Das sage ich ohne Freude, aber mit Überzeugung. Sechs Kilometer lang begleiteten mich enge Straßen aus der Stadt hinaus, und ich meine wirklich eng, so eng, dass man sich fragt, wie hier zwei Autos aneinander vorbeikommen sollen. Dazwischen Bausünden, die man getrost in die Siebziger und Achtziger verorten darf, als offenbar die Überzeugung herrschte, Beton sei die Antwort auf alle Fragen. Fotos habe ich mir verkniffen. Hässliche Städte kennt man zur Genüge. Dabei erkennt man an den Parks und an einzelnen alten Gebäuden mit ihren verschnörkelten Balkonen, dass Vigo einmal eine Perle gewesen sein muss. Bevor jemand beschloss, sie zu verschandeln.


Auch hier suchte ich den Pilgerweg vergeblich. Gelbe Pfeile: Fehlanzeige. Ohne meinen inzwischen heiß geliebten Reiseführer, den ich vorgestern beinahe verloren hätte, wäre ich schlicht aufgeschmissen gewesen. Aber selbst mit ihm war der Einstieg schwer zu finden. Bis mich ein älterer Herr freundlich darauf hinwies, lächelte und mir ein herzliches „Bo Camiño!“ mit auf den Weg gab. Ich bog ab und hatte fast augenblicklich Ruhe. Keine Autos, kein Lärm, kein Beton. Nur der Weg.

Weil ich auf der Küstenroute unterwegs war, musste ich den zentralen Camino Portugués erst noch erreichen. In Redondela treffen die beiden Wege aufeinander, der Küstenweg mündet in den eigentlichen, historischen Camino. Ab hier würde es mehr Pilger geben, dachte ich. Zumindest heute sollte ich mich irren.
Der Aufstieg war steil. Wirklich steil. Auf kaum einem Kilometer ging es rund 150 Meter bergauf, der Rucksack lastete schwer auf den Schultern, und mein Wasser war komplett aufgebraucht, bevor ich oben ankam. Der Körper verhandelt in solchen Momenten nicht mehr. Er fordert einfach. Zwischendurch drehte ich mich um, und unter mir lag die ganze Bucht von Vigo im Dunst, die Hügel auf der anderen Seite, das Wasser silbrig in der Morgensonne. Ein letzter Blick aufs Meer, von oben diesmal.



Oben erwartete mich eine Szene, die ich so schnell nicht vergessen werde. Zwei Taxis hielten, mehrere ältere Herrschaften stiegen aus, sahen mich, schwitzend, keuchend, aber immerhin auf eigenen Beinen, und lachten. „Oh my god, we got caught!“, rief eine von ihnen. Ich grinste, wischte mir die Stirn trocken und antwortete nur: „Gotcha.“ Dann lief ich weiter. Manche Momente brauchen keine weiteren Worte.
Den Rest des Weges lief ich allein, durch Wald, durch Stille, durch das leise Rauschen des Windes in den Bäumen. An einer Stelle stürzte ein kleiner Wasserfall über bemooste Felsen, daneben ein paar Steinbänke im Schatten. Was mir außerdem auffiel: streunende Hunde, große wie kleine, manche offensichtlich krank. Ich machte jedes Mal einen großen Bogen um sie, versuchte möglichst uninteressant zu wirken und wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Es funktionierte. Meistens.


Immer wieder kamen bewohnte Abschnitte, kleine Weiler, Stimmen hinter Gartenmauern, der Geruch von Mittagessen aus offenen Fenstern. Aber im Großen und Ganzen gehörte dieser Abschnitt mir. Mir, der Natur und der Ruhe.
Und irgendwo in diesem Wald hatte ich so etwas wie einen spirituellen Moment. Darüber reden mag ich nicht.
Gegen halb zwölf erreichte ich Redondela. Ich hatte schon überlegt, noch weiterzulaufen, und genau in diesem Moment fiel mein Blick auf ein Schild an einer Hauswand: eine Pilgerherberge kurz vor Arcade, noch acht Kilometer. Manchmal trifft der Camino die Entscheidungen für einen. Ich nahm sie an.

Was folgte, war der härteste Abschnitt des Tages. Acht Kilometer entlang einer Hauptstraße, die Sonne inzwischen direkt von oben, über vierzig Grad, kein Schatten, kein Erbarmen. Die Füße brannten auf dem heißen Asphalt, der Schweiß lief in Strömen über Gesicht und Körper und in die Augen, wo er zusätzlich brannte. Ich lief und litt und lief und litt, und die letzten zwei Kilometer quälte ich mich Schritt für Schritt voran, die Herberge irgendwo vor mir, unsichtbar, aber hoffentlich real. Isotonische Getränke mag ich eigentlich nicht. Heute trank ich sie wie Wasser.
Völlig erschöpft und durch und durch nass geschwitzt kam ich um halb vier an. Die Begrüßung war herzlich, fast überschwänglich, genau das, was man in diesem Zustand braucht. Und dann: vertraute Gesichter. Die Italiener, denen ich nun schon mehrmals unterwegs begegnet war und die ich inzwischen wirklich ins Herz geschlossen hatte. Wir sahen uns an, lachten, und für einen Moment war die Hitze vergessen.
Fast.
Bilanz der achten Etappe: 26 Kilometer, und die letzten vier fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Einsamkeit ist etwas Gutes, man kommt zum Nachdenken. Hitze ertrage ich inzwischen besser, aber bei vierzig Grad ist Schluss mit lustig. Und das Meer liegt jetzt endgültig hinter mir. Leider.
Am Abend saß ich noch lange draußen und merkte, dass mich etwas anderes viel mehr beschäftigte als die Hitze. Mein Weg nähert sich dem Ende, und das mag ich nicht so recht wahrhaben. Ich bin an einem Punkt, an dem es ewig so weitergehen könnte. Es hat etwas Beruhigendes, jeden Morgen um sechs aufzustehen und einfach loszulaufen, und jeden Tag etwas anderes zu sehen.
Ich glaube, der Camino Francés könnte mir gefallen. Prompt fiel mir eine Broschüre ein, die ich in Vila do Conde eingesteckt hatte. Darauf stand: „Einmal Camino, immer Camino.“ Vielleicht ist da was dran.
Und vielleicht geht es im Leben genau darum. Einfach loslaufen, das Leben nehmen, wie es kommt, und jeden Moment umarmen. Weitermachen, egal wie schwer es scheint und wie hoch der Berg vor einem ist. Das Leben ist wie der Camino. Der Weg ist das Ziel.
In diesem Sinne: Buen Camino.
Wissenswertes
- Redondela ist der Ort, an dem der Küstenweg in den zentralen Camino Portugués mündet. Wegen seiner zwei mächtigen Eisenbahnviadukte aus dem 19. Jahrhundert heißt der Ort auch „Stadt der Viadukte“.
- Die Bucht von Vigo hat ihre eigene Schatzlegende: 1702 sanken in der Seeschlacht von Rande die Schiffe einer spanischen Silberflotte. Jules Verne ließ später Kapitän Nemo in „20.000 Meilen unter dem Meer“ hier Gold aus den Wracks bergen.
- Arcade ist für seine Austern berühmt. Jedes Frühjahr feiert der Ort ein großes Austernfest.
- „Bo Camiño“ ist der galicische Pilgergruß. In Portugal hört man „Bom Caminho“, im übrigen Spanien „Buen Camino“.
