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Tag 11 – 9. Etappe von Arcade über Pontevedra

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Arcade – Pontevedra – Herberge im Grünen, 24. Juni 2018

Die Nacht war kräftezehrend. Die vermeintliche Klimaanlage entpuppte sich als Heizgerät. Einer der Italiener hatte sie vor dem Schlafengehen eingeschaltet, in bester Absicht, und sie lief und lief. Als es im Schlafsaal immer wärmer wurde, stand ich auf, um sie herunterzudrehen, und merkte dabei, dass sie heiße Luft in den Raum blies. Ich schaltete das Ding ab. Kein Wunder, dass es über 30 Grad im Zimmer hatte. Nach einem Tag mit über vierzig Grad im Freien war das die perfekte Abrundung. Wenn man auf Saunen steht.

Um fünf Uhr begann der Tag. Meine italienischen Bekannten wollten früh los, und obwohl sie sich wirklich alle Mühe gaben, leise zu sein, kam früh Bewegung in den Schlafsaal. Flüstern, Rascheln, das unverwechselbare Geräusch von Plastiktüten, die man um fünf Uhr morgens in einen Rucksack stopft. Es gibt kein leises Packen auf dem Camino. Es gibt nur Menschen, die es versuchen. Als sie fertig waren, entschied auch ich mich zu packen und duschen zu gehen.

Gegen sechs war ich so weit. Der Herbergsbesitzer wollte unbedingt noch ein Abschiedsfoto machen, ein Bild von jedem Pilger, der bei ihm übernachtet hatte. Ich stand also in der Morgendämmerung vor seiner Herberge, verschwitzt vom Vortag und verschlafen vom Heizgerät, und lächelte in seine Kamera. Irgendwo in Galicien hängt jetzt vermutlich ein Foto von mir an einer Pinnwand. Dann verabschiedete er sich herzlich, und ich stiefelte los. Über der Bucht ging gerade die Sonne auf, ein letzter Gruß des Meeres in Orange und Rosa.

Anfangs führte der Weg noch an der Straße entlang, aber hinter Arcade wurde es richtig schön. Über die alte Steinbrücke von Ponte Sampaio ging es über den Fluss, ihre Bögen spiegelten sich im stillen Morgenwasser, und dann lief ich bis Pontevedra fast nur noch über alte Römerstraßen.

Wer zum ersten Mal über eine Römerstraße läuft, ist enttäuscht, dass sie nicht aussieht wie im Asterix-Heft. Kein schnurgerades Pflaster, keine Legionäre. Stattdessen grobe Steinplatten, schief, abgetreten, von Moos und Gras gesäumt, die sich durch Wälder und Hohlwege winden. Aber wenn man darüber nachdenkt, wer hier schon alles entlanggegangen ist, Soldaten, Händler, Pilger, seit fast zweitausend Jahren, dann bekommt jeder Schritt ein anderes Gewicht. Ich lief durch schattige Wälder, an kleinen Bächen entlang, die neben dem Weg plätscherten, und immer wieder öffnete sich der Wald zu Weinbergen. Die Reben wuchsen hier an Drahtgerüsten auf hohen Pfählen, dicht und grün, und dahinter lagen die Hügel im Morgendunst.

Die Kilometer flogen nur so an mir vorbei, und ich war erstaunlich früh in Pontevedra. Was für ein Unterschied zu Vigo! Pontevedra hat seine Altstadt behalten und, noch wichtiger, gepflegt. Arkadengänge mit wuchtigen Granitsäulen, unter denen man im Schatten laufen kann, kleine Plätze, Brunnen, alte Häuser mit verglasten Balkonen. Und kaum Autos. Man hört Schritte statt Motoren, Stimmen statt Hupen. Ein Ort, an dem man gern länger bleiben würde.

Mich zog es in die große Klosterkirche. Drinnen war es kühl und dämmrig, durch die hohen gotischen Fenster im Chor fiel das Morgenlicht in schmalen Bahnen auf den Steinboden. Ich setzte mich in eine der hinteren Bänke, stellte den Rucksack neben mich und tat eine Weile gar nichts. Kein Denken, kein Planen, nur Sitzen. Das konnte ich inzwischen ziemlich gut.

Irgendwann füllte sich die Kirche, erst vereinzelt, dann immer mehr, und mir wurde klar, dass gleich ein Gottesdienst begann. Es war Sonntag. Ich hatte das völlig vergessen. Auf dem Camino verliert man die Wochentage zuerst, dann die Uhrzeit, und irgendwann bleibt nur noch die Frage, wie weit es bis zur nächsten Herberge ist.

Ich wollte nicht stören, und einen ganzen Gottesdienst hätte ich nicht durchgehalten. Also packte ich meine Sachen und zog weiter. Über die lange Steinbrücke ging es hinaus aus der Stadt, unter mir der breite Fluss, der in der Sonne glitzerte. Ich drehte mich noch einmal um. Pontevedra hatte mir gefallen. Das kam auf diesem Weg nicht allzu oft vor.

Kurz hinter der Stadtgrenze meldete sich mein Körper und teilte mir unmissverständlich mit, dass ich mir die geplante Strecke wohl abschminken konnte. 22 Kilometer hatte ich schon hinter mir, weitere 14 würde ich nicht schaffen. Früher hätte mich das nervös gemacht. Kein Plan, kein Bett, keine Ahnung, wo ich heute schlafe. Jetzt dachte ich nur: Ich folge erst einmal den Pfeilen. Mir wird schon etwas einfallen. Mein innerer Kontrollfreak hatte offenbar irgendwo zwischen Vigo und Pontevedra Urlaub genommen. Ich hoffte, er würde ihn verlängern.

Irgendwann merkte ich, dass mir zwei Pilgerinnen dicht auf den Fersen waren. Ich wollte mich ohnehin kurz ausruhen, also setzte ich mich an den Wegrand und ließ sie aufschließen. Es waren zwei Cousinen aus der Nähe von Frankfurt, und sie steuerten die nächste Herberge an, in etwa acht Kilometern. Acht Kilometer. Das klang machbar. Und mit Gesellschaft sowieso. Der Camino hatte mal wieder entschieden, bevor ich es tun musste.

Zu dritt liefen wir weiter, mal redend, mal schweigend. Der Weg wurde wieder schöner und führte durch dichte Wälder, in denen das Licht grün gefiltert auf den Boden fiel. Bei dieser Hitze war jeder Baum ein Freund. Zumal es stetig bergauf ging, nicht steil, aber unerbittlich, so wie es Wege tun, die einem zeigen wollen, dass sie noch nicht fertig mit einem sind.

Aus den acht Kilometern wurden am Ende fast zehn. Auch das ist eine Konstante auf dem Camino: Entfernungsangaben sind Absichtserklärungen. Aber dann standen wir vor einer ziemlich coolen Herberge irgendwo im Grünen. Ein Garten mit einem großen Baum, darunter Tische aus alten Fässern, Pilger aus aller Herren Länder, Stimmengewirr in fünf Sprachen. Und: Freibier. Und ein Grillbuffet. Nach 33 Kilometern war es Zeit zu duschen, ein kühles Estrella Galicia aufzumachen und mit den anderen Pilgern zu reden, bis die Sonne unterging. Nicht mehr. Nicht weniger. Mehr braucht man nicht.

Bilanz der neunten Etappe: Es geht immer weiter, egal was kommt. Ich bin keine 30 mehr, so sehr ich mir das auch wünsche. Irgendwas ist immer, also hör auf zu jammern und nimm es, wie es kommt, dann passt das auch. Heute waren es mehr als 33 Kilometer. Am 27. erreiche ich Santiago, mir bleiben also noch drei Tage für die geistige Klarheit. Die Erleuchtung, auf die ich seit Tagen warte, hat offenbar einen ähnlich flexiblen Fahrplan wie die portugiesische Bahn. Und Freibier ist etwas Wunderbares.

In diesem Sinne: Buon Camino.

Wissenswertes

  • Ponte Sampaio bei Arcade ist eine mittelalterliche Brücke über den Río Verdugo. 1809 schlugen hier spanische Truppen und Bauern die Armee Napoleons zurück, eine der wichtigsten Schlachten des Unabhängigkeitskriegs in Galicien.
  • Pontevedra hat seine Altstadt Ende der Neunzigerjahre fast vollständig für Autos gesperrt und gilt seitdem europaweit als Vorbild für autofreie Städte.
  • Die Kirche der Pilgerin (Santuario da Peregrina) in Pontevedra hat einen Grundriss in Form einer Jakobsmuschel. Die Virgen Peregrina ist die Schutzpatronin der Pilger auf dem portugiesischen Weg.
  • Die Weinberge zwischen Arcade und Pontevedra gehören zum Anbaugebiet Rías Baixas, bekannt für den Weißwein Albariño.
  • Die Noite de San Xoán, die Nacht vor dem 24. Juni, ist in Galicien die Nacht der Feuer. Überall brennen Johannisfeuer, und wer mutig ist, springt darüber.