Nach dem gestrigen Ruhetag war ich heute Morgen tatsächlich so etwas wie erholt. Um 7 Uhr stand ich auf, packte meinen Rucksack mit der mittlerweile vertrauten Routine und trat hinaus in den Morgen. Der Körper meldete sich zwar wie immer zu Wort – aber leise, nicht fordernd. Ein gutes Zeichen.

Der heutige Tag sollte nochmal entlang der Küste verlaufen. Ab Vigo würde ich mich ins Landesinnere wenden, und das bedeutete: Abschied von der Küste. Diesem endlosen, mal sanften, mal tosenden Streifen zwischen Land und Atlantik, der mich seit Porto begleitet hatte. Ich wollte die letzten Eindrücke bewusst sammeln – nochmal das Meer sehen, nochmal den Wind spüren, bevor der Weg mich in eine andere Landschaft entlässt.



Der Küstenweg ist in diesem Abschnitt nur sehr spärlich ausgewiesen. Die vertrauten Pfeile ließen mich anfangs im Stich, und ich musste wieder zur Navigation greifen – zumindest um in die richtige Richtung zu laufen. Es ist ein eigenartiges Gefühl, nach Tagen des vertrauensvollen Pfeilen-Folgens plötzlich wieder auf das Handy angewiesen zu sein. Als hätte man kurz das Vertrauen in den Weg verloren.



Die ersten Kilometer führten entlang touristisch geprägter Strände und wenig einladender Ecken. Baiona hatte in diesem Bereich nicht viel zu bieten – zumindest nichts, wofür man stehenbleiben wollte. Erst als ich die Stadt hinter mir gelassen hatte, veränderte sich das Küstenbild und wurde einladender. Was mir jedoch durchgehend auffiel – und das ist keine Kleinigkeit – war der allgegenwärtige Geruch nach Urin. Scheinbar gilt in Spanien jede Ecke, jede Mauer, jeder Gebüschstreifen als geeigneter Ort zur Erleichterung. In Portugal war mir das nirgends aufgefallen. Auch die öffentlichen Toiletten wirkten dort im Vorbeigehen deutlich gepflegter. Ich erwähne das nur der Vollständigkeit halber.
Was mir heute positiv auffiel: Das Laufen fällt mir merklich leichter als noch vor wenigen Tagen. Die Füße schmerzen nach einer Weile nach wie vor – das wird wohl nie ganz aufhören – aber es sind Schmerzen, die ich inzwischen einordnen und ignorieren kann. Bevor ich wirklich anhalten muss, habe ich in der Regel bereits mehr als fünfzehn Kilometer hinter mir. Das ist ein echter Fortschritt. Ich merke auch, dass sich mein optimales Tagespensum zwischen zwanzig und dreißig Kilometern einpendelt. Über vierunddreißig komme ich langsam an meine Grenzen, unter zwanzig fühlt sich der Tag eher wie ein Spaziergang an. Der Körper hat seinen Rhythmus gefunden.
Irgendwann tauchten endlich wieder Pfeile auf. Der Weg zeigte sich in den attraktiveren Abschnitten von seiner besten Seite – aber diese Abschnitte waren rar gesät. Was es gab, hatte es jedoch in sich.



Vigo näherte sich langsam. Die Stadt ist lang, industriell geprägt an den Rändern, und zieht sich wie ein müdes Band am Wasser entlang. Ich bog auf eine alternative Route ab, die mich eher durch Grünflächen als durch endlose Stadtstraßen führte. Eine gute Entscheidung – zumindest bis zu dem Moment, der diesen Tag in eine andere Richtung lenkte.


Gegen 12:30 Uhr legte ich eine kurze Pause in einem kleinen Restaurant ein. Etwas trinken, die Füße kurz hochlegen, durchatmen. Ich setzte mich, bestellte Wasser – und machte einen Fehler, der mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Mein Portemonnaie hatte mich beim Sitzen gestört, also legte ich es unter meinen Hut auf den Tisch. Fünfzehn Minuten saß ich dort, ruhig, entspannt, arglos. Dann stand ich auf, um kurz Hände waschen zu gehen. Keine zwei Minuten.
Als ich zurückkam, war das Portemonnaie offen. Das Geld – rund 150 Euro – verschwunden. Natürlich hatte niemand etwas gesehen. Mir lief der Schweiß, ich durchwühlte alles, was ich dabeihatte. Zum Glück – und das war das einzige Glück in diesem Moment – hatte ich meine Karten bereits in Porto tief in meinem Rucksack verstaut. Ausweis und Führerschein waren noch da. Nur das Bargeld war weg. Ich hatte mein Wasser bereits bezahlt – also stand ich auf, zog an, und lief weiter.
Den Weg zur Polizei konnte ich mir sparen. Ich hatte vor einigen Tagen gelesen, dass Taschendiebstahl unter 400 Euro in Spanien nicht strafrechtlich verfolgt wird. Eine Information, die ich lieber nie gebraucht hätte. Sauer, müde und mit den Nerven am Ende erreichte ich gegen 13:45 Uhr mein Hotel.
Manchmal lehrt einem der Camino Demut. Manchmal lehrt er einem Achtsamkeit. Und manchmal lehrt er einem beides gleichzeitig – auf die unangenehme Art.
mein Fazit des Tages:
- Nicht jeder Streckenabschnitt ist überwältigend – manchmal hat es der Mensch einfach nur versaut 🙂
- Große Städte zu durchqueren ist anstrengend und nicht immer schön – zumal einen die Einheimischen angucken, als ob man nicht ganz dicht sei
- Ich mag Portugiesen – Spanier sind nett aber die Portugiesen waren bis jetzt aber freundlicher
- Dummheit wird bestraft – sofort und gnadenlos
- Heute waren es 26 km und heute Abend werde ich wohl sparen müssen
- meine spirituelle Erleuchtung lässt auf sich warten

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