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Tag 12 – 10. Etappe über Caldas de Reis nach Valga

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Pontevedra – Caldas de Reis – Valga, 25. Juni 2018

Der gestrige Abend war feucht und fröhlich. Bier und Wein gab es gratis und reichlich, und die Grillkohle glühte bis spät. Zum Glück habe ich rechtzeitig den Absprung geschafft. Sonst wäre mir der Start am nächsten Morgen nicht ganz so leichtgefallen. Ein Pilger mit Kater ist wie ein Rucksack mit Loch: Er kommt irgendwie voran, aber es macht keinem Spaß.

Es war der erste Schlechtwettertag dieser Reise überhaupt. Was in Galicien bedeutet: ein bisschen Sprühregen, nur 23 Grad und Wolken. Nach der Hitze der letzten Tage eigentlich ideale Bedingungen. Ich suchte die Regenhülle für den Rucksack, nur um festzustellen, dass ich keine dabeihatte. Zwei Wochen lang war sie überflüssig gewesen, jetzt war sie nicht da. Also nahm ich meinen Poncho und wickelte den Rucksack darin ein wie ein Geschenk, das niemand haben will. Das musste reichen.

Ich lief mit den beiden Cousinen aus der Nähe von Frankfurt weiter. Mein Ziel war Valga, gut 22 Kilometer entfernt, die beiden wollten noch ein Stück weiter bis Padrón. Unterwegs sollte es einen Wasserfall geben, den wir uns ansehen wollten. Also liefen wir los.

Der Weg war ruhig und führte an Wiesen und Feldern entlang und durch kleine Wälder, alles in einem weichen, grauen Licht, das die Farben dämpfte und die Geräusche gleich mit. Ab und zu kam eine kleine Siedlung, ein paar Steinhäuser, ein bellender Hund hinter einem Tor. Nach vier Kilometern erreichten wir eine kleine Taverne, die förmlich zum Frühstücken einlud. Also machten wir Rast. Der Wirt sprach Deutsch, und so kam ein kleines Gespräch zustande.

Als das Frühstück vor mir stand, wurde mir wieder bewusst, wie sehr man sich über kleine Dinge freuen kann. Ein guter Kaffee, ein frisches Croissant, ein Glas Orangensaft. Dazu saubere Waschräume und freundliche Menschen. Mehr braucht es manchmal nicht. Vor zwei Wochen hätte ich über so einen Satz noch die Augen verdreht.

Gestärkt liefen wir weiter und erreichten bald den Abzweig zum Wasserfall. Etwa 500 Meter abseits des Weges, hin und zurück also ein Umweg von einem Kilometer. Auf dem Camino überlegt man sich jeden zusätzlichen Kilometer zweimal. Diesmal haben wir es nicht bereut. Über breite, glatt geschliffene Granitplatten stürzte das Wasser in Stufen hinab in ein dunkles Becken, ringsum Grün, alte Mauern und Trittsteine, die quer durch den Fluss führten. Es war still bis auf das Rauschen. Ich dachte an die Brücke in Viana, an der ich vorbeigelaufen war, ohne mich hinzusetzen. Diesmal setzte ich mich. Nur kurz. Aber ich setzte mich.

Danach ging es weiter, und Gespräche kamen kaum noch zustande. Jeder wollte für sich sein, und so trotteten wir hintereinander her, unserem Ziel entgegen. Das ist das Schöne an Weggefährten auf dem Camino: Man muss nicht reden, um zusammen zu gehen.

Es ging auf und ab, mal an größeren Straßen entlang, mal durch den Wald. Der ideale Weg, um seinen Gedanken nachzuhängen. Am Wegrand standen kleine Steintürmchen, die andere Pilger aufgeschichtet hatten, Stein auf Stein, als Zeichen, dass hier jemand vor mir vorbeigekommen war. Und die Wegweiser nach Santiago wurden immer häufiger. Die Zahlen darauf schrumpften sichtbar. Am Ende des Tages würden es noch etwa 35 Kilometer sein. Fünfunddreißig. Nach über 250, die ich schon gelaufen war. Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte.

Gegen Mittag erreichten wir Caldas de Reis. Ein kleines Städtchen, umschlossen von Flüssen und Bächen, mit einer hübschen Innenstadt und Brücken an jeder Ecke. Heute war Markt, und es war kaum ein Durchkommen. Stände mit Obst und Käse, mit Kleidung und Haushaltswaren, Händler, die ihre Preise über die Köpfe hinwegriefen, Frauen mit Einkaufstrolleys, die sich durch die Menge schoben, als gäbe es keine Pilger. Es war interessant zu sehen, wie ein Markt in Spanien so abläuft. Nämlich chaotisch und sehr laut. Ich liebte es.

Hinter Caldas wurde es wieder grün, und es ging stetig bergauf. Wir waren alle froh, dass heute die Sonne nicht brannte, denn es gab wieder viele Abschnitte ohne Schatten. In der prallen Sonne auf Asphalt zu laufen ist kein Spaß. Unter grauem Himmel ist es nur anstrengend. Ein großer Unterschied.

Gegen halb zwei erreichte ich Valga. Ich verabschiedete mich von meinen Begleiterinnen und war insgeheim ganz froh darüber. Die letzten beiden Etappen wollte ich allein gehen. Was immer da auf mich wartete, ich wollte es nicht teilen müssen.

In der Herberge wurde ich zum ersten Mal auf dieser Reise unfreundlich empfangen. Das lag allerdings nur daran, dass die Frau an der Rezeption gerade auf ihrem Handy spielte und sichtlich genervt war, dass schon um halb zwei ein Pilger vor ihr stand. Sie legte das Handy weg, schob mir frostig ein Formular hin, bewegte sich keinen Zentimeter und erklärte gar nichts. Nach zwei Wochen voller herzlicher Begrüßungen fast schon erfrischend.

Ich war trotzdem zufrieden. Ich ging duschen, wusch meine Sachen und legte mich mit einem Buch aufs Bett. Den letzten langen Abschnitt hatte ich geschafft. Nur noch zwei Tage bis Santiago de Compostela.

Bilanz der zehnten Etappe: Es gibt kein perfektes Wetter. Es gibt gute Gründe für Umwege, man braucht nur den Mut, sie zu nehmen, und die Kraft, das Ziel trotzdem zu erreichen. Auch wenn Menschen um einen sind, muss man seinen Weg selbst gehen. Manchmal helfen sie, manchmal stören sie, aber es ist immer gut, jemanden um sich zu haben. Es gibt keinen leichten Weg, jeder hat seine Tücken. Heute waren es etwas mehr als 26 Kilometer, und meine Füße geben mir leise zu verstehen, dass sie mich bis Santiago tragen werden. Danach wünschen sie sich Urlaub.

Wissenswertes

  • Die Wasserfälle des Río Barosa bei Barro stürzen über rund 60 Meter in Kaskaden über Granitplatten. Am Ufer stehen alte Wassermühlen, das Gebiet ist ein kleiner Naturpark.
  • Caldas de Reis verdankt seinen Namen den heißen Quellen, die schon die Römer nutzten, und den Königen: Hier wurde 1105 König Alfons VII. geboren.
  • Valga ist der Geburtsort von Carolina Otero, genannt „La Belle Otero“, einer der berühmtesten Tänzerinnen der Belle Époque in Paris.
  • Padrón, das Ziel der Cousinen, ist laut Legende der Ort, an dem das Boot mit dem Leichnam des Apostels Jakobus anlegte. Bekannt ist es außerdem für seine kleinen grünen Paprika.