Valga – Padrón – Teo, 26. Juni 2018
Kaum zu glauben: Es sind nur noch 13,5 Kilometer bis Santiago. Es ist so surreal. Fast 300 Kilometer bin ich in zwölf Tagen gelaufen. Ich habe wahnsinnig schöne Ecken in zwei Ländern gesehen, Menschen getroffen, mich verlaufen, mich geärgert, mich gefreut. Und morgen Vormittag erreiche ich Santiago de Compostela, das Ziel aller christlichen Pilger. Und aller sonstigen Verrückten.
Aber der Reihe nach.
Als ich heute Morgen losging, zeigte der Wegstein noch 32 Kilometer an. Mein Plan: Padrón durchqueren und eine Herberge erreichen, die zwischen Padrón und Santiago liegt. So würde ich am zwölften Wandertag früh am Vormittag in Santiago ankommen. Ein Plan, der sich ausnahmsweise mal einhalten ließ.

Ich brach wieder früh auf. Diesmal wollte ich allein gehen, und um sechs Uhr konnte ich ziemlich sicher sein, dass mögliche Begleiter noch schliefen. Auch heute nieselte es leicht. Es störte mich nicht im Geringsten. Bemerkenswert, wie sehr man sich sonst von der Laune anderer anstecken lässt. Wenn neben dir einer über den Regen schimpft, wird der Regen nasser. Allein war er einfach nur Wetter. Für einen richtigen Wolkenbruch war ich nicht ausgerüstet, das wusste ich seit gestern, aber dieses Wetter war sogar angenehm. Ich konnte gleichmäßig laufen, ohne wegen der Hitze ständig Pause machen zu müssen.




Der Weg führte über weite Strecken durch Wälder und über alte Pfade. Hohlwege, in denen sich die Bäume über mir zu einem grünen Dach schlossen, der Boden weich von Laub, und eine Ruhe, die nur vom Vogelgezwitscher unterbrochen wurde und vom Rauschen eines Flusses, der irgendwo tiefer im Wald verlief. Ich genoss es. Jeden Meter.
Allein zu laufen hatte noch einen Vorteil: Ich musste mein Tempo niemandem anpassen. Ich hatte genug Zeit, also trottete ich einfach vor mich hin und ließ die Gedanken schweifen. Sie liefen zurück. Nach Porto, nach Vila do Conde, zur Brücke in Viana, zum Hafen in A Guarda. Und weiter zurück, nach Leipzig, zu dem Mann, der vor knapp zwei Wochen an einem Busbahnsteig stand und Angst hatte, seinen Flug zu verpassen. Ich erkannte ihn kaum wieder.



Gegen halb zehn erreichte ich Padrón. Eine eigentlich kleine Stadt südlich von Santiago, und man hatte mir erzählt, sie sei recht hübsch. Wenn man die langgezogenen, völlig hässlichen Viertel vor dem Zentrum ausklammert, stimmt das auch. Es ist, als hätte man um ein hübsches mittelalterliches Städtchen eine hässliche Stadt aus den Siebzigern gebaut. Wie ein Belagerungsring aus Beton, durch den man sich erst hindurchkämpfen muss, bevor man in den alten Kern gelassen wird.
Ich suchte mir erst einmal ein Frühstück und ruhte mich aus. Danach erkundete ich ein wenig die Stadt und fand eine Kirche, in die ich hineinging. Ein wirklich schöner Bau, innen goldene Altäre und Heiligenfiguren, die einen aus ihren Nischen ernst und geduldig ansahen. Ich blieb eine ganze Weile und hing wieder meinen Gedanken nach. Kirchen waren auf diesem Weg zu meinen Rastplätzen geworden. Nicht unbedingt zum Beten. Aber zum Ankommen.


Etwa eine halbe Stunde später brach ich auf, um die letzten Kilometer des Tages zu laufen. Es sollte leicht bergauf gehen, aber das störte mich nicht mehr. Zwei Wochen vorher hätte ich bei jedem Anstieg innerlich geflucht. Jetzt nahm ich ihn einfach mit.
Hinter den letzten Vororten von Padrón ging es wieder durch Wälder und immer wieder durch kleine Weiler, die aus einer anderen Zeit zu stammen schienen. Granithäuser mit moosbewachsenen Dächern, steinerne Maisspeicher auf Stelzen, ein alter Mann, der mir von seiner Bank aus zunickte, als hätte er schon tausend Pilger vorbeiziehen sehen. Was er vermutlich auch hatte.
Der Rest war nicht mehr weit. Rund zehn Kilometer noch, und sie fielen mir erstaunlich leicht. Gegen halb zwei erreichte ich meine Herberge und quartierte mich ein.
Der letzte Wegstein, an dem ich vorbeikam, zeigte nur noch 13,5 Kilometer. Eine Strecke, für die ich vermutlich zweieinhalb Stunden brauchen werde. Ich werde Santiago also morgen zwischen acht und neun Uhr erreichen. Und ich bin wirklich aufgeregt.
Bilanz der elften Etappe: Nur 23 Kilometer heute. Wieder ein Tag mit emotionalen Höhen und Tiefen. Ob ich nach diesem Weg erleuchtet bin, weiß ich nicht. Wer weiß das schon. Aber ich weiß, dass ich etwas erreicht habe, auf das ich stolz sein darf.
Am Abend saß ich noch lange da und dachte nach. Ich glaube, der Weg hat mir zwei wichtige Erkenntnisse geschenkt. Die behalte ich für mich. Ich bin froh und ein kleines bisschen traurig, dass dieses Abenteuer schon vorbei sein soll. Und ich freue mich riesig auf meinen Hühnerstall, meine Familie zu Hause.
Eine Erkenntnis darf ich verraten. Ich liebe meine Familie über alles, und ich bin unendlich froh, dass ich sie habe. Das ist mein wertvollstes Geschenk.
Wissenswertes
- Padrón ist laut Legende der Ort, an dem das Boot mit dem Leichnam des Apostels Jakobus anlegte. In der Kirche Santiago de Padrón liegt unter dem Altar der „Pedrón“, ein römischer Stein, an dem das Boot festgemacht worden sein soll. Von ihm hat die Stadt ihren Namen.
- Rosalía de Castro, die bedeutendste Dichterin Galiciens, lebte und starb in Padrón. Ihr Haus ist heute ein Museum.
- Die Wegsteine in Galicien zählen die Kilometer bis Santiago herunter, oft auf drei Stellen hinter dem Komma genau. Pilger fotografieren sie gern, besonders die letzten.
- Die Hórreos, steinerne Maisspeicher auf Stelzen, stehen in fast jedem galicischen Dorf. Die Stelzen halten Feuchtigkeit und Mäuse fern.
