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Tag 14 – 12. Etappe – Ankunft in Santiago de Compostela

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Teo – Milladoiro – Santiago de Compostela, 27. Juni 2018

Ich bin in Santiago de Compostela. Gelaufen. Nicht gefahren.

Ich habe meinen Weg aufgezeichnet, und laut Aufzeichnung waren es insgesamt rund 308 Kilometer zu Fuß, in zwölf Etappen. Für eine bekennende Couch-Potato bin ich darauf ein kleines bisschen stolz. Na gut. Ziemlich stolz.

Heute bin ich nicht ganz so früh gestartet wie an den letzten Tagen. Aufgestanden erst um halb sieben, in Ruhe gepackt, fertig gemacht, und gegen Viertel nach sieben losgelaufen. Der Stein an der Straße zeigte 13,5 Kilometer. In gut zwei Stunden sollte das zu schaffen sein. Es war, als wollte ich diesen letzten Morgen nicht hetzen. Ein bisschen so, wie man das letzte Stück Kuchen langsamer isst.

Was mich besonders freute: Es regnete nicht. Der Himmel war weitgehend wolkenlos, über den Hügeln lag ein rosa Morgenlicht, und ich musste nicht mit Regen rechnen.

Auch heute führte der Weg viel durch Wälder, über alte Wege und durch Siedlungen, die mittelalterlich anmuteten. Hohe Bäume, Farn am Wegrand, Licht, das durch die Blätter fiel. Der Camino gab sich auf den letzten Kilometern noch einmal von seiner schönsten Seite. Als wüsste er, dass ich ihn vermissen werde.

Die letzten Kilometer ging es stetig bergauf, aber längst nicht so steil wie damals hinter Vigo, und es störte mich nicht weiter. Ich genoss die Ruhe und suchte jeden Wegstein, um zu sehen, dass ich mich Santiago wirklich näherte. 9 Komma irgendwas. 8 Komma irgendwas. Ich zählte mit wie ein Kind vor Weihnachten.

Etwa sechs Kilometer vor Santiago lag Milladoiro, der erste Ort, der deutlich moderner wirkte als alles davor. Breite Straßen, moderne Geschäfte, neue Wohnblöcke, die allerdings sehr viel besser aussahen als die Betonbauten der Siebziger in Vigo. Und dann, am Wegrand, eine kleine alte Kapelle, die mich wieder daran erinnerte, wo ich war. Drinnen kniete eine Frau vor dem Altar, durch ein bunt verglastes Fenster fiel Licht auf eine Heilige, und an der Wand stand eine kleine Figur des heiligen Josef mit dem Jesuskind auf dem Arm. Ich blieb einen Moment. Ganz leise.

Hinter Milladoiro sah ich sie zum ersten Mal: Santiago de Compostela. In der Ferne, über den Bäumen, gut zu erkennen. Das Ziel war nah. Zum ersten Mal wirklich greifbar. Ich blieb stehen und schaute. Dreihundert Kilometer, und da lag es.

Am Rande noch eine lustige Entdeckung. Vor Milladoiro zeigte der Wegstein noch rund 7,6 Kilometer bis Santiago. Als ich hinter Milladoiro wieder in den Wald kam, stand auf dem nächsten Stein 7,1 Kilometer. Dazwischen war ich aber deutlich mehr als zwei Kilometer gelaufen. Offenbar wurde die Strecke irgendwann neu vermessen, weil eine Autobahn gebaut wurde, die man umständlich umlaufen muss. Es ist also gut möglich, dass sich die Entfernung wieder einmal geändert hatte. Aber das war ja nichts Neues. Auf dem Camino sind Kilometer eine Frage der Auslegung.

Es ging noch ein paarmal bergauf und bergab, über alte Pfade, durch die ersten Straßen am Stadtrand, und plötzlich stand ich in Santiago de Compostela. Völlig unspektakulär. Kein Torbogen, keine Fanfare, kein Schild „Herzlichen Glückwunsch“. Einfach eine Straße, die in eine andere Straße übergeht. Zwei Wochen lang hatte ich auf diesen Moment hingelaufen. Und dann war er einfach da.

Mein Quartier lag auf dem Weg zur Kathedrale, also ging ich zuerst dorthin, um zu duschen und mich umzuziehen. Zum Glück war das völlig unkompliziert, und ich konnte trotz der frühen Uhrzeit schon aufs Zimmer. Ich erholte mich ein bisschen und machte mich dann auf den Weg in die Stadt, um die Kathedrale zu sehen und mir die Compostela zu holen.

Santiago selbst ist faszinierend. Vor allem die Altstadt: alte Häuser aus grauem Granit, schmale Gassen, Arkaden, und immer wieder, irgendwo im Hintergrund, die Türme der Kathedrale. Als ich sie erreichte, erst einmal ein Schreck. Eine riesige Schlange von Menschen stand an, um hineinzukommen. Wartezeit: locker zwei Stunden.

So lange wollte ich nicht warten, und vor allem wollte ich meine Compostela. Also fragte ich mich durch und erfuhr, dass es die gar nicht in der Kathedrale gibt, sondern in einem eigenen Pilgerbüro. Man erklärte mir den Weg, und ich machte mich auf.

In der Hoffnung, dass dort weniger los ist, betrat ich das Büro und stellte fest, dass es offensichtlich mehr Pilger gibt, als ich gedacht hatte. Ein langer Gang voller Rucksäcke, Wanderstöcke und erschöpfter, glücklicher Gesichter. Auch hier wartete ich gut eine halbe Stunde. Aber das war es mir wert.

Endlich hielt ich sie in den Händen. Meine Compostela. In Latein, mit meinem Namen in Latein: Alexandrum. Daneben die Entfernungsurkunde, ab Porto. Jeder Stempel in meinem Pilgerpass erzählte eine Geschichte, von der Kathedrale Sé in Porto über Clérigos, Vila do Conde und die Jugendherberge in Fão bis hierher.

Ich war ziemlich aufgewühlt. Auch, weil die Menschen hier so außergewöhnlich freundlich waren. In ihren Reaktionen lag Anerkennung, Freude und Respekt für das, was man geschafft hatte. Das machte mich ein klein wenig stolz auf die letzten zwei Wochen. Auch wenn es nur Laufen war.

Auf dem Rückweg zur Kathedrale wurde mir die besondere Stimmung dieser Stadt noch einmal bewusst. Eine Gruppe junger Frauen kam mir entgegen, auf dem Weg zur Kathedrale, und sie jubelten vor Freude und stimmten ein Lied an, mitten auf der Straße. Ich musste schlucken. Es war überwältigend.

Dann stand ich auf dem großen Platz vor der Kathedrale. Granit, so weit das Auge reicht, die mächtige Fassade mit ihren Türmen, an einer Seite noch eingerüstet, und überall Pilger. Manche saßen auf dem Boden, den Rücken an den Rucksack gelehnt, und schauten einfach nur hinauf. Ich verstand sie.

Überall waren Menschen, denen man die Freude und den Stolz über das Geschaffte ansah.

Am Abend ging ich in den Pilgergottesdienst. Ich habe kaum etwas verstanden, und trotzdem war es ein wunderschöner, bewegender Gottesdienst. Goldene Altäre, mächtige Säulen, das Licht hoch oben im Kirchenschiff. Ich nahm die Stimmung in mich auf, zündete Kerzen an und verbrachte fast zwei Stunden in der Kathedrale. Für wen ich die Kerzen angezündet habe, bleibt unter uns.

Für mich ging ein sehr schöner Tag zu Ende. Und auch wenn der Weg zwischendurch richtig anstrengend war, würde ich am liebsten weiterlaufen. Die Routine und der Weg hatten etwas Beruhigendes, und es ist schade, dass die Zeit so schnell vorbei war.

Bilanz der zwölften Etappe: Ich bin in Santiago. Ich bin gelaufen, und ich fühle mich gut. Heute waren es nur 16 Kilometer. Ich würde gern weiterlaufen.

Anerkennung, Freude und Stolz. Das sind Gefühle, die mir abhandengekommen waren. Und die so wichtig sind, um zu wissen, wofür man lebt. Hier habe ich sie wiedergefunden.

Ich werde wiederkommen. Ich weiß nicht wann und ich weiß noch nicht auf welchem Weg. Aber mein Pfad ist noch nicht zu Ende.

Wissenswertes

  • Die Compostela ist die Pilgerurkunde des Domkapitels von Santiago. Sie wird in Latein ausgestellt, auch der Name des Pilgers wird latinisiert. Voraussetzung sind mindestens die letzten 100 Kilometer zu Fuß. Seit 2014 gibt es zusätzlich eine Entfernungsurkunde mit der tatsächlich gelaufenen Strecke.
  • Das Pilgerbüro liegt nicht in der Kathedrale, sondern einige Straßen weiter. In der Hauptsaison stellt es an manchen Tagen mehrere tausend Urkunden aus.
  • Die Kathedrale von Santiago wurde ab 1075 über dem Grab gebaut, das man für das des Apostels Jakobus hält. Die Barockfassade zum Obradoiro-Platz kam im 18. Jahrhundert dazu. 2018 wurde sie gerade restauriert, deshalb das Gerüst auf den Fotos.
  • Der Obradoiro-Platz ist der Ankunftsort fast aller Pilger. Sein Name kommt vom galicischen Wort für Werkstatt: Hier arbeiteten die Steinmetze, die die Kathedrale bauten.