Tag 21: Mondoñedo nach Vilalba

Die Nacht in Mondoñedo war eher unerquicklich. Im Schlafsaal lagen auch wieder die beiden älteren Damen, die ich schon aus San Martín kannte, und sie hatten ihre ganz eigene Art, einen Tag zu beginnen. Um Punkt fünf ging ihr Wecker los – und zwar so laut, dass man ihn vermutlich sogar in den Hotelzimmern darüber noch gehört hat. Kurz darauf ein Knall, dann war das Licht im ganzen Saal an. Rücksicht war offenbar noch im Tiefschlaf. Ich bin also ebenfalls aufgestanden, habe meine Sachen zusammengepackt, bin nach unten gegangen, habe die Füße versorgt und gepflegt, noch etwas getrunken, alles kontrolliert und mich dann von den beiden Damen aus dem Ruhrpott verabschiedet. Danach ging es los.

Heute wartete der Berg. Strava nennt diesen Abschnitt sehr treffend „Mondoñedo to Heaven“, und ausnahmsweise ist das keine poetische Übertreibung. Auf etwas mehr als drei Kilometern geht es von ungefähr 50 auf 700 Höhenmeter hinauf. Das klingt sportlich, und genau das ist es auch. Mein Plan war deshalb klar: möglichst vor der großen Hitze über den Berg kommen. Also marschierte ich los und arbeitete mich in aller Herrgottsfrühe den Hang hinauf, Schritt für Schritt, mit dem beruhigenden Gedanken, dass es oben immerhin irgendwann zwangsläufig wieder flacher werden muss.

Gegen 8:30 Uhr war ich in Gontán und genehmigte mir nach rund zwölf Kilometern erst einmal einen Kaffee. Danach ging es weiter Richtung Vilalba. Die App behauptete, es seien 34 Kilometer. Das nehme ich inzwischen nur noch als freundliche Schätzung zur Kenntnis. Hinter Gontán wurde der Weg deutlich flacher, was sehr willkommen war, allerdings zog die Temperatur nun spürbar an. Ich war ziemlich zügig unterwegs, denn ich hatte ein klares Ziel vor Augen: den Grill, bei dem ich vor vier Jahren schon einmal mit Ramón gegessen hatte. Wenn Essen mit Erinnerung verknüpft ist, entwickelt man plötzlich erstaunliche Reserven.

Um 11:45 Uhr kam ich dort an. Es gab mein erstes und vermutlich einziges richtiges Menü: Rippchen mit Chimichurri, danach ein Pata de Café und einen Café con leche, dazu Getränke. Ich war satt, zufrieden und für einen kurzen Moment in jenem Zustand, in dem man denkt, das Leben habe eigentlich alles ganz gut eingerichtet.

Um 12:30 Uhr ging es weiter. Weil es mittlerweile wirklich drückend warm geworden war, wollte ich mir noch ein halbes Stündchen im Schatten gönnen und meine Hängematte aufhängen. Ein schöner Plan, ein lauschiges Plätzchen war schnell gefunden. Ich spannte also meine treue Reisehängematte zwischen zwei Bäumen. Diese Hängematte begleitet mich seit vier Jahren immer wieder auf Reisen, hat tapfer durchgehalten und war mir längst mehr als nur irgendein Ausrüstungsgegenstand. Ich setzte mich hinein, der kleinere Baum gab ein winziges bisschen nach, gerade genug, damit ein darunter aufrecht stehender Ast, den ich übersehen hatte, in den Stoff stach. Es machte einmal kurz und unerquicklich ratsch – und das war’s. Komplett durch.

Da saß ich nun und konnte im ersten Moment kaum glauben, dass ausgerechnet dieses treue Ding so unrühmlich sein Ende gefunden hatte. Natürlich hatte die ganze Szene auch eine gewisse Komik, weil sie so perfekt dämlich ablief, aber der Verlust war schon sehr ärgerlich und tat mir tatsächlich ein bisschen weh. Man lacht ja über vieles auf dem Camino, aber manche Dinge wachsen einem unterwegs eben doch ans Herz. An der nächsten Gelegenheit musste ich mich dann schweren Herzens von ihr trennen.

Danach ging es ohne Mittagsschlaf, ohne Hängematte und ziemlich durchgeschwitzt weiter. Im nächsten Ort besorgte ich mir erst einmal etwas Frisches zu trinken, denn mein Wasser war inzwischen auch leer, und machte mich an die letzten acht Kilometer. Kurz nach 15 Uhr erreichte ich Vilalba – müde, stinkend und mit Waden, die so langsam deutlich machen, dass sie in die Streikphase eintreten möchten.

Jetzt liegen noch einmal zwei Tage mit ordentlich Kilometern vor mir. In drei Tagen habe ich einen sehr kurzen Abschnitt geplant, bevor die vorletzte Etappe ansteht. Mal sehen, wie sich das alles entwickelt. Morgen geht es nach Seixón da Lagua, angeblich rund 32 Kilometer. Nach heute bin ich allerdings vorsichtig geworden, denn es sollten ja auch 34 sein und am Ende waren es 37. Ich glaube diesen Angaben inzwischen ungefähr so weit, wie ich meine gerissene Hängematte werfen könnte.

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