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Tag 3 – Erste Etappe – Vila do Conde

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Matosinhos – Vila do Conde, 16. Juni 2018

Es gibt auf einem langen Weg einen Moment, an dem die Beine aufhören zu fragen und einfach nur noch mechanisch weitermachen. Heute habe ich diesen Moment mehrfach erlebt. Knapp 29 Kilometer. Und ich sage das ohne jede Koketterie: Die letzten Schritte waren die schlimmsten.

Dabei hatte der Tag so vielversprechend begonnen. Mit einer Metrofahrt.

Die ersten zwölf Kilometer, raus aus Porto bis nach Matosinhos, habe ich ausgelassen. Sonst wären es heute über 40 geworden. Wer das für Schummelei hält, war heute nicht dabei. Nach allem, was danach kam, wäre die Alternative möglicherweise mein Tod gewesen. Ich sag’s, wie’s ist.

Am Hafen von Matosinhos stieg ich aus, und da war er schon: der Wind. Erst nur ein leichtes Drücken, nach den ersten Schritten mit dem Rucksack fast angenehm. Ich zog vorsichtshalber die Jacke an. Für diese Entscheidung hätte ich mir im Nachhinein gern selbst auf die Schulter geklopft, wenn meine Arme nicht so müde gewesen wären.

Dann begann der Küstenweg, und mit ihm eine Schönheit, die man sich gar nicht erst verdienen muss. Sie ist einfach da.

Erst kam der Leuchtturm von Leça, ein langer gestreifter Turm, der aussieht, als hätte jemand eine riesige Zuckerstange in die Landschaft gerammt. Irgendwo dahinter duckte sich eine kleine Steinkapelle auf eine grüne Anhöhe, als wollte sie dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Eine kluge Kapelle. Ich hätte mich gern dazugeduckt.

Dann die Stege. Kilometerlange Holzstege, mitten durch die Dünen. Links der Atlantik, rechts Strandhafer und Kiefern, vor mir nichts als Bohlen, die irgendwo am Horizont verschwanden. Man findet auf diesen Stegen einen eigenen Rhythmus, Brett für Brett, und für eine Weile war das fast meditativ. An manchen Stellen hatte der Wind den Sand schon über die Planken geweht, als wollte er sich den Weg zurückholen. Spätestens da hätte ich ahnen können, mit wem ich es heute zu tun bekomme.

Die Strände dazwischen waren weit und an vielen Stellen vollkommen menschenleer. Schwarze Felsen im Wasser, die Brandung weiß, das Licht so klar, dass alles ein bisschen unwirklich wirkte. Der Atlantik lag da, groß und vollkommen unbeeindruckt von mir, und ich fühlte mich auf einmal sehr klein. Aber auf eine gute Art. Herrlichstes Wetter. Ich dachte: Das ist es also. Das ist der Camino.

An einem Strand ragte ein steinerner Obelisk in den Himmel, ganz allein zwischen Dünen und Meer. Er erinnert an die Landung einer Armee vor fast 200 Jahren. Ich stand eine Weile davor und dachte, dass hier schon ganz andere gegen den Wind angekommen sind. Das tröstete mich ungefähr fünf Minuten lang.

In einem der kleinen Orte am Weg kam ich an einem Haus vorbei, dessen Mauern über und über mit Kacheln, Bildern und allerlei Krimskrams geschmückt waren. Wer dort wohnt, weiß ich nicht. Aber ich bin sicher, er langweilt sich nie.

An einer Infotafel blieb ich stehen und suchte auf der Karte meinen Standort. Der Punkt, an dem ich war, und der Punkt, an dem ich hinwollte, lagen erschreckend nah beieinander. Ein Daumenbreit, höchstens. In Wirklichkeit lagen dazwischen noch Stunden.

Und der Wind legte zu. Je weiter ich nach Norden kam, desto mehr. Er kam natürlich von vorn. Wer auf dem Küstenweg nach Norden läuft, hat ihn fast immer im Gesicht. Das wusste ich damals noch nicht. Hätte ich es gewusst, wäre ich trotzdem losgegangen. Nur mit weniger guter Laune am Morgen. Auf den letzten zehn Kilometern hatte er eine Stärke erreicht, bei der ich mich hätte dagegenlehnen können. Und er hätte mich eine Weile gehalten.

Auf den letzten Kilometern nahm er dann auch noch den Strand zu Hilfe. Er hob den feinen Sand auf und schleuderte ihn mir gegen die Beine, Korn für Korn, wie Schleifpapier. Was diese Kombination aus Sonne und Sandstrahlgebläse anrichtet, sollte ich in den nächsten Stunden noch schmerzlich zu spüren bekommen.

Mit einem Rucksack von geschätzt zwölf Kilo auf dem Rücken konstant gegen diesen Widerstand anzulaufen, ist keine Wanderung mehr. Es ist ein stilles Verhandeln mit dem eigenen Körper. Meine Füße verlangten in regelmäßigen Abständen nach Pausen, und ich gab nach. Irgendwann hört man auf, sich dafür zu schämen.

Unterwegs begegneten mir auch heute wieder diese Turbo-Pilger, die den Camino offenbar als Zeitfahren verstehen. Mit einer Geschwindigkeit, die ich nicht einmal zwischen zwei Bushaltestellen aufbringen würde. Ich beobachtete sie mit einer Mischung aus Bewunderung und leichter Ratlosigkeit. Suchen die etwas? Fliehen sie vor etwas? Oder haben sie einfach kürzere Beine und gleichen das über das Tempo aus?

Irgendwann tauchte Vila do Conde auf. Erst die Häuser am Fluss, dann die Boote im Hafen. Selten habe ich mich so über ein Ortsschild gefreut.

In der Herberge wartete die Dusche. Ich hatte mich den ganzen Nachmittag darauf gefreut. Dann traf das Wasser auf meine Beine, und ich zuckte zusammen. Offenbar hatte ich mir einen ordentlichen Sonnenbrand eingefangen, frisch abgeschmirgelt obendrein. Der Wind hatte mich so beschäftigt, dass ich die Sonne glatt vergessen hatte. Sie mich nicht.

Danach gab es meine erste Pilgermahlzeit. Ich saß am Tisch, müde, verbrannt, sandgestrahlt, und als der Teller vor mir stand, war das wie ein Geschenk. Ein einfaches Essen, mehr nicht. Und doch war ich in diesem Moment vollkommen glücklich. Dass man sich über so wenig so sehr freuen kann, hat mich überrascht. Und, ehrlich gesagt, ziemlich gerührt.

Später saß ich auf der Dachterrasse der Herberge, ein Glas portugiesischen Rotwein in der Hand, und versuchte, nicht an morgen zu denken. Das gelang mäßig. Der Wein half. Die Aussicht half auch. Weniger hilfreich war die Tatsache, dass unten im Zehnbettzimmer einige Mitpilger offenbar der Auffassung waren, ein langer Wandertag entbinde von der Pflicht zu duschen. Ich blieb also an der frischen Luft. So lange wie möglich.

Nach dem Vierbettzimmer in Porto war das der erste richtige Schlafsaal. Und in mir reifte ein Gedanke: nicht jede Nacht zu zehnt. Ab und zu ein kleines Zimmer für mich allein, oder wenigstens eins ohne den Duft einer Sammelumkleide. Das Pilgerleben soll entschleunigen, nicht bestrafen.

Ich hoffte inständig, dass der Wind morgen entweder schweigt oder die Seiten wechselt. Sonst würde ich Dinge tun, die ich bereuen könnte.

Buen Camino.

Wissenswertes

  • Die Nortada ist der Nordwind, der im Sommer fast täglich an der portugiesischen Küste weht, besonders am Nachmittag. Für Pilger auf dem Küstenweg heißt das: Gegenwind, und zwar zuverlässig.
  • Der Leuchtturm von Leça (Farol da Boa Nova) bei Matosinhos ist mit seinen gestreiften Wänden einer der höchsten Leuchttürme Portugals.
  • Der Obelisk steht an der Praia da Memória bei Perafita. Er erinnert an die Landung der liberalen Truppen von Dom Pedro IV. im Jahr 1832, der Strand heißt deshalb bis heute Strand der Erinnerung.
  • Vila do Conde war über Jahrhunderte ein wichtiger Ort des Schiffbaus. Über der Stadt thront das Kloster Santa Clara, das früher über ein kilometerlanges Aquädukt mit Wasser versorgt wurde.
  • Das Pilgermenü (Menú do Peregrino) bieten viele Restaurants am Weg an: meist Suppe oder Salat, ein Hauptgericht, Nachtisch, Brot und ein Getränk zum kleinen Festpreis.