Vila do Conde – Fão, 17. Juni 2018
Es gibt Momente auf einem langen Weg, in denen der Körper aufhört, höflich zu sein. Er signalisiert nicht mehr diskret. Er schreit.
Der gestrige Abend war so ein Moment.
Den Sonnenbrand hatte ich unter der Dusche bemerkt. Da hielt ich ihn noch für eine harmlose Angelegenheit an den Waden. Sorgen hatte ich mir um ganz andere Körperteile gemacht: die Oberschenkel, die Füße, den allgemeinen Verschleiß. Die Waden hatten derweil still und leise ihren eigenen Plan entwickelt. Und nach dem Duschen war klar: Ich war am Ende. Nicht dramatisch, nicht theatralisch. Einfach leer.
Ich bat den Herbergsleiter um eine Matratze auf dem Boden, möglichst weit weg von jeder Leiter. Er sah mich an und verstand ohne große Worte. Wer am Jakobsweg eine Herberge führt, hat vermutlich schon alles gesehen. Auch mich.
Diese Entscheidung rettete mir den Abend.
Denn die Haut rötete sich immer stärker, das Bein wurde heiß wie eine Herdplatte. Und auf dem Weg zu dem Abendessen, das sich später wie ein Geschenk anfühlen sollte, schüttelte es mich plötzlich. Fünf Minuten lang, am ganzen Körper, als hätte jemand mich auf Vibration gestellt. Kalt, zitternd, mitten auf der Straße. Dann war es vorbei. Ich aß, trank auf der Dachterrasse mein Glas Wein, legte mich auf meine Matratze und schlief trotz des Lärms ringsum erstaunlich schnell ein.

Die Nacht war dafür umso gnadenloser.
Die Schmerzen weckten mich in regelmäßigen Abständen. Dreimal stand ich auf, hielt die Beine unter kaltes Wasser, wartete, hoffte, legte mich wieder hin. Um halb drei war die Grenze erreicht. Eine Schmerztablette, ein letztes Mal kühlen, und endlich Schlaf.
Um 6:20 Uhr weckte mich die Aufbruchsfreude meiner brasilianischen Zimmernachbarn. Mit einer Energie, die ich zu dieser Uhrzeit beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte, packten sie ihre Rucksäcke, und zwar so laut, als wäre Packen ein Mannschaftssport.
Ich blieb kurz liegen und wartete, bis mein Körper Bilanz gezogen hatte. Der Muskelkater: weg. Die Waden: empfindlich, aber einsatzbereit. Also stand ich auf.
Um 6:45 Uhr war ich wieder unterwegs. Die Muschel baumelte am Rucksack, Vila do Conde lag noch im ersten Morgenlicht, und über den Dächern thronte das Kloster Santa Clara.




Vila do Conde geht fast nahtlos in Póvoa de Varzim über. Eine lange Strandpromenade, auf der um diese Uhrzeit nur ein paar Jogger und ein einsamer Hundebesitzer unterwegs waren. Der Morgen lag kühl und still über dem Strand. Nur hatte ich vergessen zu frühstücken. Genauer gesagt: Es gab schlicht nichts. Sonntag, Portugal, früh am Morgen. Öffnungszeiten sind hier offenbar eher philosophische Konzepte als verbindliche Zusagen. Ich lief am Hafen von Póvoa vorbei, an den Molen, an geschlossenen Cafés, an noch mehr geschlossenen Cafés. Sechs Kilometer mit leerem Magen, bis ich endlich einen Bäcker fand, der tatsächlich geöffnet hatte. Kaffee. Brötchen. Das Gefühl, wieder ein Mensch zu sein.
Frisch gestärkt lief es sich gleich anders.
Hinter Póvoa wurde die Küste wilder. Felsen im Wasser, dazwischen kleine Buchten, der Weg mal auf Holzstegen, mal auf festgetretenem Sand. Der Wind hatte über Nacht offenbar Urlaub genommen, jedenfalls zum größten Teil. Ich nahm das persönlich und war dankbar.
Dann holte mich ein Gespräch ein. Genauer gesagt: zwei Menschen holten mich ein. Ein Pilger aus Köln, eine Pilgerin aus Berlin, beide freundlich, beide gesprächig. Und plötzlich war die Küste nicht mehr nur Kulisse, sondern Hintergrund für eine dieser Unterhaltungen, die sich von selbst tragen. Wir redeten über den Weg, über das Warum, über das, was man zu Hause gelassen hat und was man hier vielleicht findet. Oder eben nicht. Drei Tage zuvor hatte ich noch allein am Leipziger Busbahnsteig gestanden. Jetzt lief ich mit zwei Fremden am Atlantik entlang und erzählte Dinge, die ich manchen Bekannten nie erzählt hätte.
So liefen wir an Aguçadoura vorbei, immer am Meer entlang, und die Kilometer vergingen, ohne dass ich sie zählte. Das war neu. Am Vortag hatte ich jeden einzelnen gezählt.
Nach etwa 15 Kilometern, kurz bevor der Weg ins Landesinnere abbog, machten wir Halt. Ein leerer Strandabschnitt, das Meer vor uns, die Sonne warm im Rücken. Ich zog die Schuhe aus und stellte mich in die Brandung. Das Wasser war kalt, die Waden waren dankbar, und für einen Moment war alles vollkommen richtig.
Für solche Momente läuft man.

Dann verabschiedeten wir uns vom Atlantik. Die letzten zehn Kilometer führten schnurgerade nach Norden durchs Landesinnere, und die Landschaft wechselte komplett. Statt Dünen jetzt Kiefernwälder, der Boden sandig und weich, die Luft plötzlich warm und still und voller Harzgeruch. Dazwischen Felder, auf denen sich die Gerippe von Gewächshäusern reihten, und kleine Dörfer mit Kopfsteinpflaster, über das unsere Schritte klapperten. Ohne den Wind war es auf einmal heiß. Und die Füße meldeten sich wieder zu Wort.
Auf dem Weg wurden es immer mehr Pilger. Aus Seitenwegen und Dörfern tauchten sie auf, einzeln, zu zweit, in Gruppen. Ein sicheres Zeichen, dass die Herbergen am Abend voll sein würden. Meine Entscheidung, mir vorab ein Bett in der Jugendherberge in Fão zu reservieren, fühlte sich mit jedem weiteren Rucksack am Horizont weiser an.



In Fão fanden wir schließlich eine Taverne, ein gutes Stück abseits des offiziellen Weges und damit auch abseits der Pilgerströme. Für sechs Euro gab es ein komplettes Menü: Vorspeise, Hauptgericht, Getränk, Espresso. Die Wirtin brachte alles mit der ruhigen Selbstverständlichkeit eines Menschen, der weiß, dass gutes Essen keine Erklärung braucht. Wir saßen über eine Stunde, aßen, redeten, schwiegen auch mal. Draußen liefen die anderen weiter.
Wir nicht. Und das war richtig so.




Bilanz der zweiten Etappe: rund 27 Kilometer, fast drei Stunden Pause, ein Sonnenbrand, der mich eines Besseren belehrt hat. Und die Erkenntnis, dass Sonnencreme kein optionales Zubehör ist, sondern medizinische Notwendigkeit. Die Portugiesen sind herzlich, die Etappen lang, und ein gutes Bett muss nicht teuer sein.
Morgen: Viana do Castelo. Rund 30 Kilometer. Der Körper nickt zögernd. Die Beine schweigen klugerweise.
Buen Camino.
Wissenswertes
- Póvoa de Varzim ist eine alte Fischerstadt. Die Fischer hatten früher eigene Zeichen, die Siglas Poveiras, mit denen sie Boote, Netze und Werkzeuge markierten. Sie waren eine Art Unterschrift für Menschen, die nicht schreiben konnten.
- Die Felder in den Dünen zwischen Póvoa und Apúlia heißen Masseiras. Die Bauern gruben sie über Generationen in den Sand und düngten sie mit Seetang, den die Sargaceiros am Strand sammelten. So wurde aus Dünen fruchtbares Gemüseland.
- Fão und Esposende liegen sich an der Mündung des Cávado gegenüber und sind durch eine Eisenbrücke aus dem 19. Jahrhundert verbunden. Das Küstengebiet gehört zum Naturpark Litoral Norte.
- Die Sonne an der Atlantikküste täuscht: Der kühle Wind lässt sie harmloser wirken, als sie ist. Im Juni ist die UV-Strahlung in Nordportugal oft sehr hoch.
