Porto, 15. Juni 2018
Nach einem ausgiebigen Frühstück, und ich meine wirklich ausgiebig, als hätte ich geahnt, was meine Füße heute noch leisten würden, stand der Plan fest: die Küste erkunden. Am nächsten Morgen sollte es ohnehin losgehen, da wollte ich wenigstens einen kleinen Vorgeschmack auf den Weg bekommen. Ein bisschen Atlantik, ein bisschen Hafen, ein bisschen Pilgerromantik.
Porto machte es mir allerdings nicht leicht, bei einem Plan zu bleiben.
Das Ufer am Douro zieht sich lang und lebendig durch die Stadt, gesäumt von kleinen Kneipen, Marktständen und einem ständigen Stimmengewirr. Es roch nach Salz, nach gegrilltem Fisch, nach Leben. Und während ich so am Wasser entlanglief, blieb mein Blick immer wieder an der Brücke hängen. Dieses wuchtige Stahlgerippe, das sich so selbstbewusst über den Fluss spannt, als wollte es sagen: „Komm ruhig rauf, ich zeig dir die bessere Aussicht.“
Ich ließ meinen Plan kurzerhand fallen. Küste hin oder her, jetzt ging es erst einmal nach oben.
Die Stufen hatten es in sich. Mein Rucksack blieb zwar im Hostel, aber meine Beine taten so, als trügen sie ihn trotzdem. Oben wurde ich belohnt. Vor mir breitete sich eine wuselige, fast überfordernde Stadt aus: enge Gassen, Häuser, die offenbar ohne jede Absprache über- und nebeneinander gebaut wurden, alt und neu in wildem Durcheinander. Dazwischen ein Meer aus riesigen Ziegeldächern, manche löchrig und halb verfallen, als wären sie aus einer anderen Zeit übrig geblieben. Überall kleine Plätze, auf denen Touristen standen, schauten, staunten und fotografierten.
Ich blieb eine Weile stehen und tat genau das Gleiche.
Danach ging es wieder hinunter, durch schmale, verwinkelte Gassen. Ein Labyrinth, aber ein freundliches. Irgendwann stand ich wieder unten, überquerte die Brücke ein zweites Mal und machte mich auf den Weg Richtung Atlantik. Einfach immer am Wasser entlang, unter der großen Betonbrücke hindurch, die den Fluss weiter westlich in einem einzigen weiten Bogen überspannt.
Dann kamen die Pilger.
Genauer gesagt: Sie kamen nicht, sie rauschten vorbei. Zwei, vielleicht drei Leute, deutschsprachig, soweit ich das heraushörte. Rucksäcke, Wanderstöcke und ein Tempo, das ich allenfalls erreiche, wenn ich einen Zug kriegen muss. Sie schauten weder links noch rechts. Kein Blick auf den Fluss, kein kurzes Innehalten, kein Staunen. Nur Schritt, Schritt, Schritt. Weiter, weiter.
Ich sah ihnen nach und versuchte zu verstehen. Wovor laufen die weg? Was suchen sie, das man nur schnell genug finden kann? Oder ist der Camino für manche tatsächlich ein Wettkampf, den man in möglichst kurzer Zeit abhakt?
Vielleicht fiel es mir auch deshalb so auf, weil mein eigenes Leben in den letzten Jahren ziemlich wenig Gleichmäßigkeit gehabt hatte.
Ich hoffte inständig, dass das nicht der Grundton dieses Weges sein würde. Und falls doch, dann würde ich eben Letzter. Aber immerhin mit Aussicht.
Mein Handyempfang war streckenweise so löchrig wie manche Fassade hier, deshalb ließ sich die Route nicht vollständig aufzeichnen. Grob überschlagen kamen um die 15 Kilometer zusammen. Kein schlechter Anfang, dachte ich, während meine Beine langsam anderer Meinung wurden.
Zum Abschluss holte ich mir an der Torre dos Clérigos meinen zweiten Stempel. Ein kleines Ritual, das langsam an Bedeutung gewann. Jeder Stempel ein winziger Beweis: Ich war hier. Ich habe geschaut. Ich bin nicht gerannt.
Den letzten Abend in Porto verbrachte ich in der Herberge, eine kühle Cerveja in der Hand, vor dem Fernseher. Es lief die Fußball-WM: Portugal gegen Spanien. Ausgerechnet. Morgen würde ich von Portugal nach Spanien aufbrechen, und heute Abend spielten die beiden gegeneinander. Cristiano Ronaldo schoss alle drei portugiesischen Tore, das letzte per Freistoß kurz vor Schluss, und am Ende stand es 3:3. Keiner verlor. Ich nahm das als gutes Zeichen.
Ein besseres Warm-up für das, was am nächsten Morgen begann, hätte ich mir kaum wünschen können.
Buen Camino.
Wissenswertes
- Die Torre dos Clérigos ist der Barockturm, der Portos Silhouette prägt. Entworfen hat ihn im 18. Jahrhundert der italienische Baumeister Nicolau Nasoni, er war lange das höchste Bauwerk Portugals.
- Die Ziegeldächer auf der anderen Flussseite gehören zu den Portweinkellereien von Vila Nova de Gaia. Dort reift der Portwein seit Jahrhunderten in Fässern, früher kam er auf flachen Rabelo-Booten den Douro herunter.
- Die Ponte da Arrábida, die große Betonbrücke Richtung Flussmündung, war bei ihrer Eröffnung 1963 die Bogenbrücke aus Stahlbeton mit der größten Spannweite der Welt.
- Portugal gegen Spanien endete bei der WM 2018 in Sotschi 3:3. Ronaldos Freistoß in der 88. Minute gilt bis heute als eines der Tore des Turniers.


















