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Tag 7 – 5. Etappe – Mougas

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A Guarda – Mougas, 20. Juni 2018

In A Guarda tauchten nach und nach Gesichter auf, die ich unterwegs schon einmal gesehen hatte. Kurz genickt, kurz geredet, dann wieder verloren im Strom der Rucksäcke und Wanderstöcke. Das ist eines der stillen Wunder des Camino: Man glaubt, jemand sei für immer in einer anderen Etappe verschwunden, und abends sitzt er plötzlich am selben Tisch.

A Guarda selbst ist ein kleines, verschlafenes Städtchen in Galicien. Nicht hübsch, aber auch nicht hässlich. An vielen Gebäuden nagt der Zahn der Zeit, manches steht leer, manches verfällt still und ohne große Aufregung. Eine Stadt, die nicht für Touristen gebaut wurde. Sie ist einfach da.

Die Herberge war schlicht, aber ordentlich. Sauber, genug Betten, kein Grund zur Klage. Bis auf einen: Ich landete im größten Saal, zwanzig Pilger in einem Raum. Und im Bett direkt über mir: ein Spanier, dem ich unterwegs schon begegnet war. Auch er hatte es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht, im Schlaf ganze Wälder zu roden. Langsam bekam ich den Verdacht, dass es auf dem Camino einen Verein dafür gibt. Laut, ausdauernd, rhythmisch, und mit gelegentlichen Beiträgen aus der Abteilung Gerüche, die ich hier nur andeuten möchte. Ein Naturtalent. Wirklich.

Dazu kam die Uhr. Seit dem Grenzübertritt waren wir eine Stunde voraus, und die Sonne hatte das offenbar nicht mitbekommen. Erst gegen zehn Uhr abends ging sie über dem Hafen unter. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Also schlossen wir uns kurzerhand einer kleinen Gruppe an, die A Guarda erkunden wollte. Weniger aus touristischem Interesse als aus dem dringenden Bedürfnis, dem Sägewerk über meinem Bett zu entkommen.

Wir liefen am Hafen entlang, über uns der Santa Tecla, den ich am Nachmittag noch mühsam umrundet hatte. Die Felsen im Wasser leuchteten im letzten Licht, dann ging die Sonne hinter der Mole unter, und die Straßenlaternen gingen an.

Irgendwo tauchte eine Flasche Wein auf. Wir setzten uns auf die Mole, ein paar Pilger aus der Herberge, die sich am Nachmittag noch gar nicht kannten, und ließen die Flasche reihum gehen. Und dann redeten wir. Erst über das Naheliegende: Schnarcher, Blasen, Sonnenbrand, falsch abgebogene Kilometer. Jeder hatte eine Geschichte, und jede war ein bisschen schlimmer als die vorige. Dann über zu Hause. Über Arbeit, über Familie, über das, was jeder von uns zurückgelassen hatte. Und irgendwann, wie das nachts eben so ist, über das Warum. Warum läuft man zu Fuß durch zwei Länder? Jeder hatte eine andere Antwort, und keiner eine fertige. Die Gespräche liefen durcheinander wie die Wellen an der Mole, sprangen vom Großen zum Kleinen und wieder zurück.

Es ist erstaunlich, wie leicht man Fremden nachts auf einer Hafenmauer Dinge erzählt, die man bei Tageslicht lieber für sich behalten würde. Vielleicht liegt es am Wein. Vielleicht an der Dunkelheit. Vielleicht daran, dass man weiß, dass sich die Wege morgen wieder trennen können.

A Guarda bei Nacht ist ruhig, kühl und überraschend angenehm. Jedenfalls wenn man ohnehin weiß, dass man nicht schlafen wird.

Um halb drei kehrten wir zurück und versuchten, die Augen zuzukriegen. Zwischen vier und halb fünf gaben die meisten auf und begannen zu packen. Ich hielt bis sechs durch. Weniger aus Disziplin als aus schlichter Erschöpfung, die mir immer wieder kurze Nickerchen erlaubte, bis mich das nächste akustische Ereignis von oben in die Wirklichkeit zurückholte.

Um sechs stand ich auf. Ich war mit zwei anderen Pilgern verabredet, die Etappe gemeinsam zu gehen. Gestern noch wollte ich unbedingt allein laufen. Heute war ich froh um Gesellschaft. Der Camino ist da nicht dogmatisch, und ich lernte gerade, es auch nicht zu sein.

Um 6:45 Uhr brachen wir auf. Hier, ganz im Westen Europas, steht die Sonne um diese Zeit noch so tief hinter den Hügeln, dass die Luft angenehm kühl ist. Ein stilles Geschenk an alle, die früh genug aufbrechen. Und an alle, die schlicht keine andere Wahl haben.

Der Küstenweg an diesem Morgen war von einer Schönheit, die einen still werden lässt. Hinter uns blieb der Santa Tecla zurück, vor uns lag der Atlantik, und dazwischen führte die Route immer wieder auf alte Pfade, die aussahen, als hätte sie seit Jahrhunderten niemand verbreitert oder asphaltiert. Zum Glück. Grob gepflasterte Wege zwischen Felsen und Gras, schmale Hohlwege, Steine, die das Meer unten rauschen hören. Auf den Wiesen lag noch Morgendunst, zwischen den Gräsern leuchteten gelbe Wildblumen, und die Hügel landeinwärts verschwammen im Nebel. Dieser Weg hat Charakter, weil er ihn nie verloren hat.

Zivilisation suchte man auf diesem Abschnitt vergeblich. Keine Geschäfte, keine Bars, keine Tankstellen. Selbst Häuser waren selten, und wenn, dann oft verlassen. Erst nach fünfzehn Kilometern erreichten wir den ersten Ort, und was für einen. Oia ist kaum mehr als eine Handvoll Häuser, aber direkt am Wasser steht ein Kloster, so groß und so feierlich, dass es aussieht, als hätte es sich in der Adresse geirrt. Die Fassade schaut aufs Meer, die Brandung schlägt fast bis an die Mauern. Hier machten wir Rast. Rucksäcke ab, Schuhe auf, und eine Weile einfach nur sitzen und schauen. Diesmal habe ich mir die Zeit genommen. Die Brücke vom Vortag hatte offenbar doch etwas bewirkt.

Bis hierhin hatte es die Sonne nicht über die Bergkette geschafft, die parallel zur Küste verläuft. Drei Stunden lang waren wir im kühlen Schatten gelaufen, ein Luxus, den wir in vollen Zügen genossen hatten, weil wir wussten, dass er nicht ewig hält.

In Oia stießen weitere Pilger zu uns, und unsere Gruppe wuchs auf sechs. Pünktlich dazu schaffte auch die Sonne den Sprung über die Berge, und mit ihr kam die Wärme. Nicht langsam, nicht zögerlich, sondern fast schlagartig. Aus angenehm wurde warm, aus warm wurde heiß, und der Weg schien das zu wissen. Immer wieder Serpentinen, immer wieder bergauf, durch Tunnel aus Bäumen und Büschen, an Trockenmauern entlang, hoch über dem Meer. Die Entfernung auf der Karte und die Entfernung in den Beinen hatten bald nur noch wenig miteinander zu tun. Nach knapp sechs Stunden und rund 23 Kilometern erreichten wir unser Ziel.

Mougas hält mit seiner Infrastruktur nicht hinterm Berg. Weil es keine gibt. Eine einzige Taverne, die das Nötigste bereithält und die Grundversorgung mit stoischer Verlässlichkeit sichert. Ich ahnte, dass der Abschnitt bis Vigo etwas kostspieliger werden würde. Wer sich nicht selbst versorgen kann, ist auf das angewiesen, was die wenigen geöffneten Lokale zu bieten haben. Und das hat seinen Preis.

Die Herberge dagegen war eine echte Überraschung. Klimatisiert, schöne Zimmer, überschaubare Bettenzahl. Beim Einzug achteten wir peinlich genau darauf, keinen der berüchtigten Schnarcher im Zimmer zu haben. Eine Auswahl, die sich als weise erweisen sollte.

Und dann: eine saubere Dusche. Eine richtige, warme, funktionierende Dusche. Und die Möglichkeit, Wäsche zu waschen. Zwar per Hand, aber zum Trocknen gab es ein Gewächshaus nebenan, in dem die Sachen in kürzester Zeit trocken waren und wieder frisch rochen. Wer nie tagelang in denselben verschwitzten Klamotten gelaufen ist, kann nicht ermessen, was das bedeutet. Es war das Highlight des Tages. Ohne jeden Zweifel.

Bilanz der fünften Etappe: In Gesellschaft kommen einem 23 Kilometer nicht weit vor, egal wie sehr die Füße schmerzen. Und Wasser ist durch nichts zu ersetzen.

Wissenswertes

  • Das Kloster Santa María de Oia wurde im 12. Jahrhundert von Zisterziensermönchen gegründet und ist eines der wenigen Klöster Spaniens, die direkt am Meer stehen. Im 17. Jahrhundert sollen die Mönche sogar mit Kanonen Piratenschiffe vertrieben haben.
  • Die Serra da Groba zieht sich zwischen A Guarda und Baiona parallel zur Küste. Sie hält die Morgensonne lange vom Küstenweg fern, und auf ihren Hängen leben halbwilde Pferde.
  • A Guarda lebt bis heute vom Fischfang, besonders von Hummer und Langusten. Jedes Jahr im Frühsommer feiert der Ort ein großes Langustenfest.
  • Die Sonne geht in Galicien im Juni erst gegen 22 Uhr unter. Grund ist die Uhrzeit: Galicien liegt so weit westlich, dass es mit mitteleuropäischer Sommerzeit gut zwei Stunden vor der Sonne her lebt.