Tag 5: Zurück ans Meer nach Pobéna

Um 6:00 Uhr stand ich bereits auf der Strecke, bereit für den fünften Tag. Der Start in Gerekiz hatte es allerdings direkt in sich, denn der Dauerregen der letzten Tage präsentierte hier seine unschöne Quittung. Zwischen Gerekiz und Larrabetzu war nicht nur der Abstieg, sondern vor allem der Aufstieg eine einzige braune Matschpiste. Gerade auf den teilweise sehr schmalen und extrem unebenen Pfaden bergauf rutschte man gefühlt bei jedem Schritt wieder einen halben zurück. Das war ein echter Kraftakt und erforderte volle Konzentration, um nicht der Länge nach im Schlamm zu landen.

Als dieses fiese Stück aber endlich überstanden war, wendete sich das Blatt. Plötzlich lief es sich fantastisch! Ich kam richtig zügig in meinen Rhythmus und erreichte Larrabetzu, wo ich mir erleichtert eine kleine, verdiente Stärkung gönnte. Der restliche Abschnitt bis nach Lezama war danach ehrlicherweise ziemlich unspektakulär, aber nach der morgendlichen Schlammschlacht war ich über jeden Meter soliden Untergrund einfach nur dankbar. Von Lezama aus stieg ich dann in den Bus, der mich direkt in den Trubel von Bilbao spuckte.

Reizüberflutung

Bilbao war ein absoluter Schock für mein System. Nach den stillen Tagen in der Natur war die Stadt unglaublich voll, laut und ehrlicherweise ziemlich erdrückend. Es piepte, hupte und wuselte an allen Ecken. Trotzdem ließ ich mich nicht beirren, lief durch die belebte Altstadt und suchte gezielt die gotische Kathedrale Santiago de Bilbao auf.

Gemeinsam mit der imposanten Kirche San Antón, die altehrwürdig direkt am Ufer des Nervión thront, war das ein wirklich beeindruckender Anblick und bot für einen Moment einen herrlichen Ruhepol im städtischen Chaos.

Gegen 11:00 Uhr hatte ich mein Pensum an Großstadtluft dann aber auch restlos erfüllt. Ich flüchtete regelrecht in die Metro und ließ mich nach Portugalete fahren, um den städtischen Moloch endgültig hinter mir zu lassen.

Um 12:00 Uhr machte ich mich von Portugalete auf die Socken für die letzten Kilometer des Tages. Und dabei stellte ich etwas Erstaunliches fest: Es lief sich geradezu wunderbar zügig! Nach fünf Tagen, in denen ich unzählige Kilometer und brutale Höhenmeter mit meinem schweren Rucksack bezwungen hatte, trug das Training offensichtlich Früchte. Der Körper hatte sich an die Schinderei gewöhnt, und ich war spürbar fitter geworden. Da nun auch der befestigte Untergrund endlich wieder mitspielte und man nicht bei jedem Schritt wegzurutschen drohte, atmeten meine Beine regelrecht auf. Ich war trotz der vielen km, die ich heute schon zurückgelegt hatte, ziemlich flott unterwegs – nicht gehetzt, aber es fühlte sich an, als ob die Füße von ganz allein laufen.

Um 13:30 Uhr erreichte ich den riesigen Strand von La Arena. Endlich, nach drei Tagen im bergigen Hinterland, hatte ich das Meer wieder! Ich blieb stehen, sog die salzige Luft ein und genoss diesen grandiosen Anblick in vollen Zügen. Eine halbe Stunde später, gegen 14:00 Uhr, stand ich dann vor der kommunalen Herberge in Pobeña. Eigentlich war ich extrem entspannt, denn die Herberge öffnete ihre Türen ohnehin erst um 15:00 Uhr. Ich war also mehr als pünktlich.

Was mich dort allerdings wirklich schockierte, war die schiere Masse an Menschen. Für den sonst eher ruhigen Camino del Norte waren das unüblich viele Pilger, die da bereits mit ihren Rucksäcken auf den Einlass warteten. Ich hatte am Ende Glück und bekam noch ein Bett, aber ich musste mit ansehen, wie einige der nach mir eintreffenden Pilger knallhart weggeschickt wurden, weil einfach alles voll war.

Als ich später auf meinem Bett lag und die Füße hochlegte, merkte ich erst, was für ein langer Tag das war. Trotz des Busses und der Metro hatte ich am Ende wieder über 30 Kilometer auf der Uhr. Aber vor allem diese unerwarteten Pilgermassen und das bange Warten vor der Herberge haben mich nachdenklich gemacht.

Ich habe für mich daher einen ganz pragmatischen Entschluss gefasst: Dieses Betten-Roulette mache ich zumindest morgen nicht mit. Ich habe mir für die nächste Etappe ein Bett in Islares fest reserviert. Ich freue mich einfach riesig darauf, nach drei Tagen endlich wieder an der Küste entlangzugehen, das Meer zu atmen und mir all die Zeit der Welt lassen zu können. Kein Herbergs-Stress, nur der Weg und ich. Darauf freue ich mich jetzt schon.

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