Tag 4: Bolibar, Munitibar, Gernika und letztlich Gerekiz

Der Tag der Sinnfrage

Es gibt Tage auf dem Camino, an denen alles zusammenkommt. Der Regen, der Hunger, die Kälte, der Matsch und irgendwo tief drin diese eine leise Stimme, die höflich aber bestimmt nachfragt: „Warum eigentlich nochmal?“ Heute war so ein Tag.

Die Nacht war wieder unruhig, und um 6:00 Uhr morgens brach ich auf. Der Weg führte zunächst bergauf zum Kloster Zenarruza, einem der ältesten Pilgerstützpunkte auf dem Camino del Norte, das einsam und erhaben auf einem Hügel thront und an klaren Tagen sicher atemberaubend aussieht. An klaren Tagen.

Heute war kein klarer Tag. Kaum hatte ich das Kloster erreicht, öffnete der Himmel seine Schleusen. Ich warf den Poncho über und marschierte weiter. Kurz darauf regnete es noch stärker, also hielt ich an und zog zusätzlich die Chaps an. Der eigentliche Weg vom Kloster war zu diesem Zeitpunkt bereits eine einzige Matschpiste, auf die ich schlicht keine Lust hatte, also wich ich auf die Straße nach Munitibar aus.

Dazu kommt: Ich hatte am Vortag versäumt, mir noch Proviant zu besorgen. Auch die Notfallrationen im Rucksack waren aufgebraucht. Mein Magen meldete sich also unmissverständlich zu Wort, und meine ganze Hoffnung ruhte auf Munitibar. Kaffee, ein Stück Brot, irgendetwas. Als ich dort ankam, war alles zu. Nada. Niente. Die Stimmung sank auf ein Niveau, das man nur schwer mit Worten beschreiben kann, aber jeder kennt, der schon mal durchnässt, frierend und hungrig vor einem geschlossenen Café gestanden hat. Der Regen wurde unterdessen immer heftiger, ich fing an zu frieren, und da traf ich eine Entscheidung, hinter der ich vollständig stehe: Ich nahm den Bus nach Gernika.

Guernica und der Wiederaufbau des Pilgerers

Gernika. Der Name trägt Geschichte. Die baskische Stadt wurde 1937 während des Spanischen Bürgerkriegs von der deutschen Legion Condor bombardiert und dabei fast vollständig zerstört. Pablo Picasso verewigte das Grauen in seinem berühmten Gemälde, das heute als eines der stärksten Antikriegswerke der Kunstgeschichte gilt. Die wiederaufgebaute Stadt ist heute ein Symbol baskischer Identität und Widerstandskraft. Ich wiederum war vor allem froh, dass es dort ein offenes Café gab. Kaffee, etwas Warmes zu essen, frischer Proviant. Der innere Mensch wurde notdürftig gerettet.

Draußen schüttete es derweil wie aus Eimern. Und trotzdem lagen noch sieben Kilometer vor mir. Camino hin oder her, irgendwo musste ich schließlich übernachten, also zog ich los.

Bergbach oder Wanderweg?

Was folgte, war eine dieser Erfahrungen, über die man später vielleicht lachen kann. Vielleicht. Der Aufstieg aus Gernika heraus ist steil, das wusste ich. Was ich nicht wusste, was ich bei diesem Regen aber hätte ahnen können: Der schmale Pfad, etwa 50 Zentimeter breit, bestehend aus Geröll, Schieferplatten und Erde, hatte sich in einen veritablen Gebirgsbach verwandelt. Das Wasser stand stellenweise knöchelhoch, rechts und links versperrte dichtes, dorniges Gestrüpp jede Ausweichmöglichkeit. Es gab schlicht kein Entkommen. Rund 250 Höhenmeter durch das temporäre Bett eines Bergbachs, mit wasserresistenten, aber eben nicht wasserdichten Schuhen. Wo kein Wasser floss, war entweder der Schiefer so glatt wie nasse Seife oder der Boden so matschig, dass jeder Schritt ein kleines Abenteuer für sich war.

Irgendwo da oben, zwischen dem dritten und vierten Knöchelkontakt mit eiskaltem Bergwasser, stellte sich dann unweigerlich die große Sinnfrage. Nicht dramatisch, nicht verzweifelt, eher so beiläufig, wie man sich fragt, ob man den Herd ausgemacht hat: „Warum tue ich mir das eigentlich schon wieder an?“ Eine befriedigende Antwort hatte ich nicht. Ich ging trotzdem weiter.

Oben angekommen öffnete sich die Landschaft zu weiten Wiesen, die allerdings dermaßen unter Wasser standen, dass spätestens hier endgültig Schluss war mit trockenen Füßen. Die Schuhe kapitulierten, und mit ihnen die letzte Illusion eines halbwegs komfortablen Nachmittags. Wie war das noch mal mit den Blasen und nassen Füßen? Zum Glück waren es von dort nur noch zwei Kilometer bis zum Ziel. Noch einmal bergauf, dann ein ordentliches Stück bergab, und endlich, endlich war ich angekommen.

Zahlen, die trösten

Obwohl ich heute zwei Etappenpunkte übersprungen hatte, waren es trotzdem 16 Kilometer geworden. Nicht schlecht für einen Tag, der eigentlich nur aus Widrigkeiten bestand. Und strategisch sogar clever, denn morgen soll es nach Bilbao gehen, und die Etappe von hier aus ist gut machbar. Die Herberge ist ordentlich, mehr brauche ich im Moment nicht zu wissen. Ich fror wie ein Schneider, wartete eine gefühlte Ewigkeit auf die heiße Dusche, und als sie dann endlich kam, war sie das Beste, was mir heute passiert ist.

Ab Donnerstag soll es schönes Wetter geben. Der Camino testet eben zunächst die Geduld, bevor er die Belohnungen verteilt. Ich bin gespannt, was er sich für morgen noch einfallen lässt.

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