Die letzte Nacht war gelinde gesagt eine akustische Herausforderung. Die Fraktion der Schnarcher war nicht nur weiträumig im Schlafsaal vertreten, sondern sägte teilweise mit einer derartigen Lautstärke, dass man ernsthaft um die Statik des Gebäudes fürchten musste. An erholsamen Schlaf war irgendwann nicht mehr zu denken, und so zog ich die Reißleine: Um 5:00 Uhr stand ich auf, packte leise meine Sachen und war bereits um 6:00 Uhr auf der Piste. Dieser frühe Aufbruch hatte jedoch etwas Magisches. Es ging direkt an der Küste entlang, und ich genoss die absolute Ruhe, das weite Panorama und die unberührte Natur ganz für mich allein.







Eine ganze Weile führte der Weg danach über die alte Küstenstraße. Hier hat sich in den letzten Jahren einiges verändert und wurde sichtlich erneuert. Besonders auf dem Straßenabschnitt nach Ontón – wo der Camino zum Teil über die Nationalstraße N-634 führt – hat man fleißig gebaut. Umso verwunderter war ich allerdings, dass es bei all der Modernisierung scheinbar nicht mehr dafür gereicht hat, einen schlichten Seitenstreifen für Pilger und Fußgänger einzurichten. Der Verkehr hat zwar dank der nahegelegenen Autobahn A-8 merklich nachgelassen, aber es gibt ihn eben doch noch. Man wandert also munter auf der Straße entlang, teilweise mit derart bescheidenen Sichtachsen, dass man herannahende Autos erst im letzten Moment sieht.
Ich war jedenfalls extrem erleichtert, als ich diese ungemütliche Piste endlich wieder verlassen durfte. Vorbei an „Moes Taverne“ ging es in Richtung „El Túnel“ – einem rund 800 Meter langen, alten Eisenbahntunnel, der schnurstracks durch den Berg führt und den Fußmarsch nach Castro Urdiales nicht nur abkürzt, sondern auch sehr viel entspannter macht.


Gegen 9:30 Uhr marschierte ich in Castro Urdiales ein. Ich hatte mir fest eine längere Pause vorgenommen und steuerte zielstrebig den Strand an – völlig unbeeindruckt davon, dass es mittlerweile fies zu nieseln begann. Nach einer ausgiebigen Runde durch die Stadt brach ich um 11:30 Uhr wieder auf. Unterwegs gabelte ich zwei Mitpilgerinnen auf, mit denen ich ein gutes Stück des Weges gemeinsam zurücklegte. Wir tauschten uns über Gott, die Welt und alles Mögliche aus. Es sind genau diese spontanen, unkomplizierten Gespräche, die das Unterwegssein so besonders machen.




Als wir wieder direkt an der Küste ankamen, etwa zwei Kilometer vor meinem Tagesziel Islares, war das Panorama derart überwältigend, dass ich beschloss, dort zu bleiben und den Anblick zu genießen. Wir verabschiedeten uns, ich spannte meine Hängematte auf, legte mich hinein und ruhte mich aus. Die pure Entspannung! Zumindest bis zu dem Augenblick, als ich die Hängematte wieder abhing und mir dabei derart ungeschickt den Kopf stieß, dass ich kurz Sterne sah. Ich hatte riesiges Glück, dass ich mein Tuch auf dem Kopf trug – ansonsten wäre es garantiert nicht bei einem harmlosen Kratzer geblieben.
Gegen 15:00 Uhr erreichte ich schließlich Islares. Die Herberge ist extrem sauber und es stellte sich schnell heraus, dass anscheinend sehr viele Deutsche hier untergebracht sind. Der Abend war großartig, voller unterschiedlichster Gespräche, und wir ließen den Tag gemeinsam in der örtlichen Bar ausklingen. Morgen geht es weiter nach Laredo.

Comments are closed