Tag 7: islares nach Santoña

Endlich Sonne, endlich Flow

Es geschehen noch Zeichen und Wunder auf dem Camino del Norte: Die Sonne ist zurück! Nach den ganzen Regenkapriolen und Schlammschlachten der letzten Tage riss der Himmel heute endlich auf, und das baskisch-kantabrische Grau wich einem strahlenden Blau. Gut gelaunt und hoch motiviert startete ich in Islares in meinen siebten Pilgertag, der für mich eine ganz besondere Bedeutung hatte. Diesen Streckenabschnitt musste ich vor vier Jahren bei meinem ersten Versuch gezwungenermaßen überspringen, weil meine Füße damals schlichtweg nicht mehr mitgespielt haben. Heute durfte ich dieses fehlende Puzzleteil endlich nachholen.

Der Weg führte zunächst recht unspektakulär ein ganzes Stück an der Nationalstraße N-634 entlang. Doch diese asphaltierte Tristesse wurde direkt zu Beginn durch immer wieder aufblitzende, absolut fantastische Szenerien entschädigt. Die Küstenblicke, die sich hier im morgendlichen Sonnenlicht auftaten, machten die Monotonie des Straßenbelags völlig vergessen.

Bald darauf zweigte die Route glücklicherweise in den Wald ab, und es wartete ein knackiger Anstieg über einen rund 250 Meter hohen Bergkamm auf mich. Und hier passierte etwas Großartiges, das jeder Pilger herbeisehnt, aber nie genau weiß, wann es eintritt: Die Maschine läuft.

Ich merkte plötzlich, dass mir die Aufstiege überhaupt keine echten Schwierigkeiten mehr bereiten. Natürlich kosten 250 Höhenmeter am Stück Kraft und treiben einem den Schweiß auf die Stirn, aber das zermürbende Gefühl der ersten Tage, als jeder Schritt bergauf ein Kampf war, ist komplett verschwunden. Der Körper hat den Schalter umgelegt. Ich bin wahnsinnig zügig und in einem fantastischen Rhythmus vorangekommen. Am Ende des Tages standen 29 Kilometer auf der Uhr, für die ich inklusive zweier entspannter Pausen gerade einmal sechs Stunden gebraucht habe. Wer hätte nach dem Gewürge durch die Schlammbäche vor ein paar Tagen gedacht, dass meine Beine plötzlich so formidabel mitspielen?

Das absolute Highlight des Tages wartete dann aber ganz am Ende der Etappe auf mich. Der Weg führte hinab nach Laredo, einer Stadt, die für einen der längsten und schönsten Sandstrände der gesamten Nordküste berühmt ist – die riesige Playa de la Salvé.

Da gerade Ebbe war, lag der feste, feuchte Sand herrlich flach vor mir. Mit den Schuhen im festen Sand direkt am Wasser entlangzulaufen, das Rauschen der kleinen Wellen im Ohr und den weiten Ozean im Blick – das sind genau die Momente, für die man all die Strapazen, die Blasen und die knallenden Herbergstüren klaglos in Kauf nimmt. Es war schlichtweg großartig.

Am Ende der kilometerlangen Strandzunge wartete dann schon das kleine Fährboot, das uns Pilger charmant über die Bucht hinüber nach Santoña schipperte. Eine kurze, aber wunderbar maritime Abwechslung zum ständigen Laufen. Santoña selbst ist übrigens in ganz Spanien als die absolute Hauptstadt der Anchovis berühmt – ein netter Fakt am Rande.

Gegen 14:00 Uhr spazierte ich tiefenentspannt in der Herberge ein. Der Abend war dann Camino-Gemeinschaftsgefühl in seiner reinsten Form: Wir haben uns zu fünft in der Küche zusammengefunden und ein herrlich improvisiertes Abendessen gezaubert. Es gab frische Sandwiches, belegt mit reichlich Gemüse und Aufschnitt. Ein Festmahl! Man braucht nach fast 30 Kilometern an der frischen Luft wirklich keine Sterneküche, um wunschlos glücklich zu sein.

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