Tag 15: Oviedo nach San Martin de Laspra

Heute ging es von Oviedo nach San Martín de Laspra, und ich glaube, man kann ohne Übertreibung sagen: Das war ein Brett. Knapp 40 Kilometer, dazu jede Menge Höhenmeter, viel Asphalt und am Ende trotzdem dieses gute, zufriedene Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Um 6 Uhr bin ich los, zunächst auf der dringenden Suche nach Kaffee, denn große Erkenntnisse und lange Etappen sind vor dem ersten Koffein bekanntlich nur sehr schwer zu ertragen.

Das erste Café des Tages war allerdings eher abschreckend als ermutigend. Die Frau hinter der Theke wirkte, als würde sie ihre Preise morgens mit zwei Würfeln und schlechter Laune festlegen, und der Kaffee selbst hatte auch nicht gerade das Zeug zum Trostspender. Also schnell weiter. Zum Glück kam wenig später noch ein zweites Lokal, und dort sah die Welt schon deutlich freundlicher aus. Der Kaffee war gut, der Pintxo ebenfalls, und beides war auch noch günstiger. Da habe ich gleich noch einmal pausiert, denn wenn der Tag lang wird, sollte man gute Gelegenheiten nicht leichtfertig verstreichen lassen.

Danach ging es raus aus Oviedo und erst einmal bergauf. Nach ungefähr vier Kilometern hatte ich plötzlich ein merkwürdiges Gefühl am Hintern. Erst denkt man sich nichts, dann tastet man vorsichtig nach und stellt fest: nass. Nicht Schweiß. Und in genau diesem Moment ahnt man schon Böses. Der Wasserbeutel war ausgelaufen. Ob er undicht war oder ich beim Befüllen irgendetwas falsch gemacht hatte, weiß ich bis jetzt nicht. Es war auf jeden Fall unerquicklich, zumal es auch noch ziemlich kalt war. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die neue Jacke überzuwerfen, Rucksack und Wasserbeutel notdürftig zu sichern und weiterzugehen. Improvisation ist ja auf dem Camino ohnehin keine Ausnahme, sondern eher Teil der Grundausstattung.

Die Versorgung unterwegs war heute wieder so eine Sache. Entweder gab es in den Orten gar nichts, oder es war geschlossen. Das ist inzwischen fast schon ein vertrautes Spiel: Man läuft, hofft, rechnet sich innerlich die Chancen auf Kaffee und etwas Essbares aus und steht dann doch wieder vor verschlossenen Türen. Gegen Mittag kam ich dann endlich nach Cancienes und habe dort ganz offensichtlich das richtige Lokal erwischt. Die Wirtin war ausgesprochen nett, und für 4,80 Euro bekam ich ein alkoholfreies Bier und einen riesigen Sandwich mit Hühnchen und Käse. Zwischendurch gab es sogar noch einen kleinen Snack dazu. Es war, kurz gesagt, großartig. In solchen Momenten ist man dem Leben dann wieder sehr versöhnt.

Satt und deutlich besser gelaunt ging es weiter. Der Tag blieb allerdings, was den Untergrund betrifft, ziemlich konsequent: viel Straße bis Avilés, durch Avilés und auch hinter Avilés wieder reichlich Asphalt. Ich habe heute wirklich mehr als genug Teer unter den Sohlen gehabt. Nach neun Stunden und 34 Kilometern kam dann endlich der Moment, auf den ich insgeheim den ganzen Tag gewartet hatte: Ich konnte das Meer wieder sehen. Das war so ein Augenblick, in dem plötzlich alles kurz still wird, selbst wenn man eigentlich einfach nur müde ist und weiterlaufen muss. Endlich wieder Küste. Endlich wieder dieses Gefühl von Weite.

Nach zehn Stunden, knapp 40 Kilometern und einem letzten, noch einmal ziemlich anstrengenden Aufstieg erreichte ich schließlich die Herberge in San Martín de Laspra. Meine Füße sind spürbar angespannt, ich selbst bin auch leicht durch, aber eben auf diese gute Art erschöpft, bei der man weiß, dass es sich gelohnt hat. Ich glaube, knapp 40 Kilometer bin ich bisher noch nie an einem Tag gegangen, und heute bin ich damit schon ein gutes Stück über meine bisherige Grenze hinausgegangen, erst recht in Kombination mit den Höhenmetern. Aber manchmal ist es eben genau richtig, den eigenen Radius ein kleines Stück zu verschieben.

Heute gab es außerdem einen emotionalen Moment aus dem Nichts heraus. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum. Er war einfach plötzlich da. Aber es tat gut. Vielleicht, weil die Strecke lang war, vielleicht, weil der Tag viel mit mir gemacht hat, vielleicht auch einfach, weil irgendwann auf solchen Wegen Dinge hochkommen, ohne vorher höflich anzuklopfen. Dazu kam, dass ich meine Mädels vermisse. Das habe ich heute deutlich gemerkt.

Und trotzdem oder gerade deshalb war diese Entscheidung goldrichtig. Von Oviedo aus zu laufen und nicht den Bus zu nehmen, war genau richtig. Über Oviedo zu gehen, war ebenfalls richtig, denn der Weg von Gijón wäre nichts gewesen, worüber ich mich im Nachhinein gefreut hätte. Und auch nicht in Avilés zu bleiben, sondern noch weiterzugehen, war eine gute Entscheidung. Die Herberge hier ist toll, und genau deshalb fühlt sich dieser lange, kalte, anstrengende Tag am Ende nicht nach Überforderung an, sondern nach einem vollen, guten Pilgertag.

Morgen geht es weiter nach Soto de Luiña. 32 Kilometer. Heute aber erst einmal nur noch: Beine hoch, durchatmen und zufrieden sein.

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