Tag 16: San Martín de Laspra nach Soto de Luiña

Die Nacht in San Martín de Laspra war alles andere als erholsam. Irgendwo in unmittelbarer Nähe musste eine Art Rave stattgefunden haben, bei dem sehr wahrscheinlich einheimische Jugendliche das ganze Tal bis ungefähr 4:30 Uhr in voller Lautstärke beschallten. Selbst tief in die Ohren gedrückte Ohrstöpsel halfen da absolut nicht mehr, und so stand ich gegen fünf Uhr auf, eher aus Resignation als aus frischer Tatkraft. Ich packte meine Sachen, ging nach unten, versorgte erst einmal die Füße und stellte fest, dass zwei ältere Damen bereits aufgebrochen waren. Offenbar gibt es Menschen, die sogar nach einer Nacht mit Dauerbass noch geschniegelt in den Pilgertag starten können.

Kurz darauf kam noch eine andere Pilgerin herunter, eine Amerikanerin, ebenfalls bereit zum Aufbruch. Sie verabschiedete sich mit den optimistischen Worten, dass es heute ja wenigstens nicht regnen würde. Meine Wetter-App unterstützte diese steile These und zeigte nur harmlose Wolken an. Um sechs Uhr verließ ich also das Haus, ließ noch schnell die Katze hinein und stand kaum vor der Tür, als es anfing zu regnen. Erst nur ein bisschen, gerade genug, um die Hoffnung noch nicht ganz aufzugeben. Ich dachte, das dauert sicher nicht lange. Schließlich hatte die Wetter-App ja etwas anderes behauptet, und Wetter-Apps sind bekanntlich besonders zuverlässig, solange man sie nicht wirklich braucht.

Es dauerte entsprechend nicht lange, bis aus dem harmlosen Nieseln ein ernstzunehmender Regen wurde und ich den Poncho überziehen musste. Dabei warteten an diesem Tag ohnehin schon 33 Kilometer und etwas mehr als 1000 Höhenmeter auf mich. Als ich dann doch einmal vorsichtshalber ins Regenradar schaute, stellte ich mit einer Mischung aus Schrecken und stiller Ergebenheit fest, dass der Regen wohl bis 13 Uhr anhalten sollte. Also ging es missmutig die ersten Berge hinauf und wieder hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, in jener abwechslungsreichen Monotonie, die einem der Camino mit besonderer Hingabe serviert, wenn das Wetter schlecht ist. Aus der Ferne war immer wieder der Flughafen zu hören, während der Weg selbst trotz allem eigentlich schön war: Waldstücke, Vororte, Anstiege, Abstiege. Nur eben alles gründlich durchnässt.

Irgendwann verwandelten sich die Regentropfen in diesen besonders unangenehmen Sprühregen, der nicht einfach auf der Kleidung landet, sondern sich mit fast beleidigender Hartnäckigkeit durch jedes Textil arbeitet. Bald war es auch ziemlich egal, ob meine Sachen vom Regen oder vom Schwitzen nass wurden. Eine Möglichkeit, irgendwo einzukehren und die Sache auszusitzen, gab es lange nicht. Unter einer Brücke zog ich schließlich noch die Chaps an, eine Geste von Zweckoptimismus, die zumindest das Gefühl vermittelte, der Lage nicht völlig ausgeliefert zu sein. Doch die Wege waren längst eine einzige Zumutung: Wiesen völlig aufgeweicht, Pfade schlammig, rutschig, unberechenbar. Und irgendwann geben eben auch wasserdichte Schuhe auf und kapitulieren vor dem, was Asturien seit Tagen flüssig von oben anliefert.

Erst an einem riesigen Kreisverkehr kurz vor Muros de Nalón fand sich endlich ein Lokal, in dem ich einen Kaffee trinken, etwas essen und mich ein wenig aufwärmen konnte. Inzwischen war es nämlich nicht nur nass, sondern auch unangenehm kalt, vor allem in der unerquicklich wirksamen Kombination aus Regen, Wind und Schweiß. Dort tauchte auch die Amerikanerin wieder auf. Wir unterhielten uns eine Weile, tauschten das übliche Pilgermaterial aus, also Wetter, Strecke, Nässe, Zustände, und gingen dann wieder unserer Wege. Ich blieb auf der Straße, weil ich wirklich keine Lust mehr hatte, durch Schlamm und Matsch zu waten, und überquerte die gigantische Brücke auf dem Weg nach Muros de Nalón.

Aber natürlich war der Tag damit noch lange nicht verhandelt. Es ging weiter bergauf und bergab, über Asphalt, über matschige Wege, wieder bergauf, wieder bergab. Dieser Weg hatte heute ein besonderes Talent dafür, nicht enden zu wollen. Pünktlich um zwölf Uhr allerdings hörte der Regen tatsächlich auf, fast so, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Erste blaue Streifen zeigten sich am Himmel, und zumindest von oben kam nun kein Wasser mehr. Das eigentliche Problem am Regen ist ja ohnehin nicht, dass man nass wird. Dagegen kann man sich irgendwie wappnen. Das Schlimme ist, dass tagelanger Regen die Wege so aufweicht, dass besonders die steilen Abstiege zur Rutschpartie werden. Ein falscher Schritt, und man sitzt entweder im Schlamm oder schlimmer.

Zwischendurch musste ich die Socken wechseln, weil die Schuhe inzwischen komplett durchweicht waren und ich größere Blasenprobleme unbedingt vermeiden wollte. Bei dieser Gelegenheit stellte ich fest, dass mein Wasserbeutel schon wieder ausgelaufen war und den Rucksack gründlich durchnässt hatte. Immerhin konnte ich diesmal das Loch finden, was die Sache nur mäßig tröstlich machte, denn repariert war damit noch nichts. Ich versuchte erst, mit einem Plastikbeutel eine Art Barriere zwischen Wasserbeutel und Rucksack zu basteln, aber das funktionierte nicht. Irgendwann blieb mir nichts anderes übrig, als das restliche Wasser auszuschütten. Acht Kilometer lagen noch vor mir, es wurde langsam warm, weitere Höhenmeter warteten, und ich hatte plötzlich ein ausgesprochen praktisches Interesse an Flüssigkeitsversorgung.

Zum Glück standen unterwegs immer wieder Orangen- und Zitronenbäume. Da ich Durst hatte und mein Wasservorrat Geschichte war, ging ich irgendwann dazu über, Orangen zu pflücken und zu essen, um auf diese Weise wenigstens halbwegs über die Runden zu kommen. Es war einer dieser Momente, in denen man sich selbst betrachtet und denkt: Aha, so also sieht inzwischen mein Versorgungskonzept aus. Gegen 14:30 Uhr erreichte ich endlich Soto de Luiña. Das Erste, woran ich dachte, war Wasser. Essen rangierte in diesem Moment nur auf Platz zwei, was für meine Verhältnisse fast schon besorgniserregend ist. Weil Sonntag war, hatte fast alles geschlossen, bis auf ein Lokal. Also kaufte ich erst einmal Wasser und ging dann zur Herberge.

Dort erwartete mich die nächste kleine Prüfung des Tages. Eigentlich sollte der Check-in ab 14 Uhr möglich sein, aber zuständig fühlte sich offenbar niemand. Dafür hatten es sich einige Pilger bereits bequem gemacht und sich Betten ausgesucht oder blockiert. Die unteren Betten waren alle weg, also blieb mir nur ein oberes. Die Matratzen sahen unerquicklich aus, völlig durchgelegen, mit abgeblätterter Schutzbeschichtung, also nicht gerade ein Ort, an dem man spontan Vertrauen in die Hygiene der Welt entwickelt. Ich bezog mein Bett, hängte meine Sachen auf, stellte die Schuhe in die Sonne, ging duschen und kehrte in der Hoffnung zurück, nun wenigstens irgendwie auf meine Schlafstätte klettern zu können. Leider hatte sich inzwischen der Herr unter mir mitsamt seinem gesamten Besitz so ausgebreitet, dass weder der schmale Gang noch die Leiter frei waren. Auf meine höfliche Bitte, die Sachen so zu verräumen, dass ich überhaupt auf mein Bett komme, reagierte er mit Unverständnis und dem Vorschlag, ich könne mir ja ein anderes Bett suchen. Das fand ich erstaunlich dreist, selbst für Pilgerverhältnisse.

Kaum oben angekommen, griff ich zum Handy und sah nach einer Alternative. Tatsächlich war in einem Hostel noch ein Zimmer frei, für kleines Geld. Ich überlegte nicht lange, sagte zu, packte meine Sachen wieder zusammen, sammelte alles von der Wäscheleine ein, schlüpfte in die Crocs und zog los. Das Zimmer ist auch eher einfach, aber es hat einen funktionierenden Heizlüfter, und ich bekam sogar einen Stapel Zeitungen, um die Schuhe auszustopfen. In solchen Momenten sinken die Ansprüche ja auf ein erstaunlich sympathisches Maß: trocken, warm, ruhig, reicht völlig.

Für morgen hatte ich eigentlich die Bergroute im Kopf. Die Einheimischen erklärten mir jedoch ziemlich eindeutig, dass sie aktuell nicht begehbar sei. Es habe einen Erdrutsch gegeben, Teile der Route seien überwachsen, und insgesamt wurde mir eher davon abgeraten. Also werde ich morgen wohl an der Küste entlang gehen. Schade ist es schon, denn ich hatte mich ein wenig auf die Bergvariante gefreut. Andererseits ist es mit der neuen Blase vermutlich ohnehin die vernünftigere Entscheidung. Immerhin habe ich mir schon ein Bett reserviert und damit wenigstens das morgige Ankommen vorab ein wenig entschärft.

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