Tag 22: Vilalba nach Seixo

Die Herberge in Vilalba war eigentlich wirklich toll, aber die Nacht endete dennoch nicht so erholsam, wie man das nach einem langen Pilgertag gern hätte. Im Bett genau gegenüber hatte sich ein Schnarcher eingerichtet, der offensichtlich beschlossen hatte, im Alleingang den ganzen Raum abzusägen. Entsprechend war ich um 5 Uhr wach, packte in aller Ruhe meine Sachen zusammen und versorgte erst einmal meine Füße. Kurz vor sechs stand ich bereits abmarschbereit vor der Tür und lief los.

In der Nacht hatte es heftig gewittert, und auch am frühen Morgen hing noch reichlich Feuchtigkeit in der Luft. Kaum war ich aus Vilalba heraus, fing es dann auch schon wieder stärker an zu regnen. Also dasselbe Spiel wie so oft: Rucksackhülle raus, Poncho drüber, weiter. Der Poncho müffelte inzwischen allerdings ziemlich entschlossen vor sich hin, was ihn im Grunde zu einem sehr authentischen Teil meiner aktuellen Pilgerausrüstung machte. Spätestens heute war klar: Ich musste dringend waschen.

Vor mir lagen 32 Kilometer. Die ersten davon liefen noch recht gut, auch wenn die Gegend sehr dünn besiedelt war. Dort, wo Häuser standen, wirkten viele Ansammlungen beinahe verlassen. Im Dunkeln musste ich auf den Waldwegen ziemlich aufpassen, denn die waren uneben, natürlich nicht beleuchtet und insgesamt von jener Sorte Untergrund, die einen sehr schnell daran erinnert, dass Stolpern auf dem Camino eine völlig unnötige Freizeitbeschäftigung ist. Asphalt und Waldwege wechselten sich ab, dazu ging es immer wieder hoch und runter. Galicien macht eben selten einfach nur geradeaus.

Nach einiger Zeit erreichte ich Casa de Ponte, ein hübsches Cottage an einem Fluss und bei einer sehr alten Brücke. Es war einer dieser Orte, bei denen sofort Bilder im Kopf entstehen, und ich hatte prompt wieder Ideen für meine Spielrunden.

Hinter dem Hof ging es erneut bergauf, und kurz darauf kam ich zu einer weiteren Gebäudegruppe, die ebenfalls eher verlassen wirkte. Dann wurde es plötzlich unerquicklich lebendig.

Erst kam ein großer schwarzer Hund um die Ecke, knurrend und mit einer ausgesprochen klaren Haltung zu meiner Anwesenheit. Kurz darauf erschien noch ein zweiter, etwas kleinerer, der den großen offensichtlich moralisch unterstützte. Der erste bellte, fletschte die Zähne und blockierte den Weg. Also nahm ich meinen Wanderstab hoch, versuchte meinerseits überzeugend bedrohlich zu wirken und schrie das Tier an. Was folgte, war ein paar Minuten lang eine sehr eigentümliche Verhandlung ohne gemeinsame Sprache: Der Hund bellte, ich brüllte, er wich ein Stück zurück, ich ging vorsichtig vor, er knurrte weiter. Irgendwann drehte der größere ab, und ich versuchte am äußersten Rand des Weges vorbeizukommen. Genau in dem Moment startete der kleinere noch einen letzten Versuch, worauf ich den Wanderstab noch einmal deutlich schwang. Immerhin zog auch der sich zurück. Danach konnte ich weiter, und mein Adrenalinspiegel war endgültig hellwach.

Ich drehte mich noch ein paar Mal um, aber die Hunde blieben zurück. In den nächsten 14 Kilometern passierte ich drei geschlossene Tavernen, einige kleine Ansiedlungen, viele Waldstücke und natürlich wieder reichlich Hügel.

Es war insgesamt ein schöner Abschnitt, sehr waldreich, ruhig und stellenweise fast verwunschen. Nur leider nützt die schönste Einsamkeit wenig, wenn man eigentlich seit Stunden auf Kaffee hofft. Erst in Baamonde, nach fast 20 Kilometern, bekam ich endlich einen Kaffee und einen Pintxo. Das war ungefähr der Moment, in dem ich wieder begann, die Welt freundlicher zu betrachten.

Dort deckte ich mich auch noch mit frischem Obst, Wasser und einem alkoholfreien Bier ein, bevor ich die restlichen zwölf Kilometer anging. Auf diesem Teilstück kam ich auch am 100-Kilometer-Stein vorbei, wobei er streng genommen 99,994 Kilometer anzeigt. Das klingt zunächst ein wenig nach galicischer Rechenschwäche, hat aber einen ganz praktischen Grund: So verhindert man, dass ständig jemand die Plakette herausbricht. Ein kleiner Trick, nüchtern, unspektakulär und vermutlich sehr wirksam. Auch das ist auf seine Art Camino-Realismus.

Hinter Baamonde ging es zunächst etwa zwei Kilometer an einer stärker befahrenen Landstraße entlang, bevor der Weg wieder in den Wald abbog. Danach wurde es erneut einsam. Die restlichen Kilometer verliefen über Waldwege, asphaltierte oder befestigte Abschnitte und kleine Abkürzungen, darunter auch eine, die kaum noch als Weg zu erkennen war und gerade deshalb wieder ein wenig Abwechslung ins Gehen brachte.

Gegen 13:30 Uhr erreichte ich schließlich Seixo-A Lagoa. Die Herberge dort ist klein, nett und wirkte sofort angenehm. Ich war der Erste, suchte mir ein Bett aus und gab erst einmal alles zum Waschen ab, was bei meinem allgemeinen Duftprofil vermutlich auch im Interesse der gesamten Hausgemeinschaft war. Danach ging ich ausgiebig und heiß duschen – ein Luxus, der fast jede noch so anstrengende Etappe vergessen macht. Erst als ich wieder einigermaßen als Mensch durchging, ruhte ich mich aus.

Im Laufe des Nachmittags kamen noch einige andere Pilger dazu, aber insgesamt blieb es angenehm ruhig. Zum Community Dinner saßen wir dann alle zusammen, und heute gab es sogar Wein. Das hebt die Stimmung naturgemäß schnell um ein paar Grade.

Inzwischen ist der Rucksack für morgen wieder vorbereitet. Dann geht es weiter nach Sobrado. Ich freue mich auf das Kloster, und dass nun ausgerechnet Pfingsten ist, gibt dem Ganzen noch einmal eine besondere Stimmung. Nach so viel Wald, Regen, Hunden, Einsamkeit und Kilometerfressen fühlt sich die Aussicht auf diesen Ort jedenfalls ziemlich passend an.

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