Die Nacht in Seixón A Lagoa war erfreulich unspektakulär. Der Nachbar schnarchte zwar ein bisschen, aber in einer Lautstärke, die noch nicht als Naturereignis eingestuft werden musste. Entsprechend konnte ich ganz gut schlafen. Gegen fünf Uhr war ich trotzdem wach – der Camino-Automatismus funktioniert inzwischen zuverlässiger als jeder Wecker. Ich stand auf, ging ins Bad und hörte auf dem Weg zu meinen Sachen, dass draußen der Regen eingesetzt hatte. Also machte ich erst einmal das einzig Vernünftige: Ich legte mich wieder hin und wartete ab.
Der Regen wurde allerdings eher mehr als weniger. Also packte ich mein Zeug schon einmal so weit zusammen und blieb noch ein bisschen auf dem Bett liegen, in jener seltsamen Zwischenphase aus Aufbruchsstimmung und wetterbedingter Ergebung. Gegen 6:30 Uhr ließ der Regen endlich nach. Ich zog mit meinem Kram in den Gemeinschaftsraum, setzte Kaffee auf und absolvierte meine inzwischen bestens eingeübte Morgenroutine: Füße versorgen, packen, kontrollieren, noch mal gucken, ob wirklich alles da ist, und dann zur Sicherheit noch einmal kontrollieren. Kurz vor sieben ging es los. Draußen war noch alles feucht, aber immerhin fiel nichts mehr vom Himmel.
Ich hatte mir am Vorabend noch ein paar Alternativrouten angesehen, weil ich nun wirklich keine große Lust hatte, den ganzen Tag an der Straße entlangzupendeln. Also lief ich erst einmal entspannt los. Schon nach zwei Kilometern kam der nächste Ort – und dort hatte tatsächlich eine Bar geöffnet. Frühstück! Allein dieses Wort hebt die Stimmung auf dem Camino zuverlässig um mehrere Stufen. Also angehalten, Kaffee bestellt und ein Toast mit Tomate und Olivenöl gegessen. Ich mag das inzwischen wirklich sehr. Es ist simpel, gut und passt erstaunlich perfekt zu Pilgermorgen.
Nach der Pause ging es weiter, und schon nach relativ kurzer Zeit bog ich in einen Nationalpark ab. Diesen Abschnitt erkannte ich wieder, und ich erinnerte mich sofort daran, warum: Er ist wirklich schön. Nach einer Weile kam wieder eine Straße, aber dort verließ ich die offizielle Strecke und bog auf meine inoffizielle Route ab. Schon bald wurde mir klar, dass ich mir da keine gemütliche Spazierlinie ausgesucht hatte. Es ging bergauf, und zwar direkt über einen Bergkamm und dann längere Zeit am Rücken entlang. Etwas anstrengender also als gedacht, aber dafür landschaftlich wirklich großartig.




Die Wege waren überwiegend geschottert oder gute Waldwege, breit, angenehm zu gehen und vor allem ohne diesen endlosen Asphalt, der einem an manchen Tagen die Seele aus den Sohlen zieht. Ich war eine ganze Weile abseits jeder Zivilisation unterwegs, durch Wälder, über den Bergrücken, in dieser stillen, leicht entrückten Landschaft, in der man irgendwann nur noch Schritt, Atem und Blick nach vorn wahrnimmt. Erst nach ungefähr 16 Kilometern tauchte wieder etwas auf, das nach menschlicher Siedlung aussah. Von dort aus ging es weitere acht Kilometer über Schotterwege, schmale Straßen und an Höfen vorbei in Richtung Sobrado.







Gegen zwölf Uhr hatte ich die 24 Kilometer geschafft und mein Ziel erreicht. Ich setzte mich erst einmal in den Schatten vor das Kloster und stellte fest, dass ich ganz offensichtlich der erste Pilger dort war. Die Herberge sollte gegen 13 Uhr öffnen. Tatsächlich hereingelassen wurden wir dann um 13:30 Uhr, was mich inzwischen kaum noch überrascht. Hier ticken die Uhren eben etwas großzügiger, vermutlich auch aus spirituellen Gründen. In der Zwischenzeit waren noch andere Pilger angekommen, darunter auch wieder jener Spanier, dem ich schon mehrfach begegnet war und den ich jedes Mal zuverlässig als anstrengend empfinde. Er drängelte sich vor, war laut und vermittelte sehr selbstbewusst den Eindruck, dass er sich für etwas Besseres hält. Es gibt eben auf jedem Camino nicht nur schöne Kirchen, sondern auch schwierige Charaktere.


Aber nun gut, auch das gehört ja irgendwie dazu. Ich bezog mein Bett und ging erst einmal einkaufen. Danach kochte ich etwas, und es blieb sogar genug übrig, um noch ein paar andere Pilger mitzuversorgen. Das sind dann wieder die angenehmen Momente, in denen der Pilgeralltag plötzlich etwas Wohltuendes und Gemeinschaftliches bekommt. Anschließend wurde geduscht, und dann legte ich mich erst einmal hin. Sehr viel mehr Camino geht vermutlich an einem Nachmittag nicht.
Am frühen Abend traf ich mich noch einmal mit ein paar anderen Pilgern, und wir saßen eine Weile zusammen und unterhielten uns. Es war ruhig, angenehm und genau die richtige Dosis Gesellschaft. Ich selbst wurde allerdings ziemlich schnell müde und merkte bald, dass mein Tag innerlich längst vorbei war. Also ging ich früh ins Bett.
Für morgen ist ausnahmsweise einmal entspanntes Pilgern angesagt. Ich muss nur 12 Kilometer gehen und habe genau null Stress. Länger schlafen, frühstücken und dann ganz in Ruhe los – zumindest ist das der Plan. Und nach den letzten Etappen klingt dieser Plan fast schon unanständig luxuriös.

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