Heute war ein kurzer Tag. Allein das ist auf dem Camino inzwischen schon eine Nachricht von beinahe therapeutischem Wert. Ich war zwar früh wach, bin aber trotzdem später aufgestanden als sonst. Die übliche Morgenroutine lief wie immer: Füße, Sachen, Kontrolle, noch mal Kontrolle, dann endlich los. Um 7:30 Uhr stand ich draußen, und gegen 8 Uhr ging es nach dem Frühstück dann wirklich richtig auf die Strecke. Alles ganz entspannt, ganz ohne Eile, was auch dringend nötig war, denn mein linker Fuß ist im Moment ziemlich angeschlagen. Entsprechend war ich ausgesprochen dankbar dafür, dass heute nur ein sehr kurzer Tag auf dem Plan stand.
Nach dem Gewitter war die Luft herrlich frisch, der Himmel fast wolkenlos, und es war schon am Morgen klar, dass es später ordentlich warm werden würde. Heute war ich nicht allein unterwegs, sondern in Gesellschaft von Quinn aus den USA und Marco aus Hamburg. Wir gingen eine ganze Weile zusammen, unterhielten uns über dies und das, wie das unter Pilgern eben so ist: mal praktisch, mal persönlich, mal völlig belanglos und gerade deshalb angenehm. Nach etwa acht Kilometern tauchte eine Gaststätte auf, was natürlich ein hinreichend überzeugender Grund für eine Pause war.




Dort trennten sich unsere Geschwindigkeiten dann wieder. Quinn brach zuerst auf, danach Marco, während ich noch eine ganze Weile sitzen blieb und die Pause sehr bewusst auskostete. Ich hatte ja nur noch vier Kilometer vor mir, da bestand nun wirklich kein Anlass, heldenhaft weiterzueilen. Die restliche Strecke war dann größtenteils Asphalt, wenig Spektakel, hier und da ein paar Tiere, ansonsten eher von der ruhigen, unscheinbaren Sorte. Kein großer Bühneneffekt, aber auch solche Abschnitte gehören dazu. Nicht jeder Pilgertag muss sich anfühlen wie ein Kapitel aus einem Abenteuerroman. Manchmal reicht es schon, wenn er einfach genau das tut, was er soll: einen zuverlässig ans Ziel bringen.


Gegen zwölf Uhr erreichte ich Boimorto. Mein erster Gedanke galt nicht etwa Kultur, Romantik oder spiritueller Einkehr, sondern etwas zu trinken, denn inzwischen war es ziemlich warm geworden. Danach ging es zum Barbier. Bart stutzen, Haare rasieren – einmal bitte wieder in Richtung Menschlichkeit zurück. Nach so vielen Tagen auf dem Weg ist so ein Besuch ja beinahe mehr als bloße Körperpflege. Es ist fast ein kleiner zivilisatorischer Wiedereintritt.
Um zwei konnte ich dann in die Herberge. Auch hier war ich schon einmal, was dem Ankommen sofort etwas Vertrautes verlieh. Im Zimmer lag zunächst nur ein anderer Pilger, ein Spanier, der schnarcht, aber ansonsten ganz nett ist. Man lernt auf dem Camino ja schnell, Prioritäten richtig zu setzen. „Ganz nett“ ist in einer Herberge oft deutlich wichtiger als „geräuschlos“. Nach dem Duschen war erst einmal Pause angesagt. Ich versorgte meinen Fuß, legte mich hin und ließ den Tag in aller Ruhe etwas absacken.
Am Abend kamen dann noch drei weitere Pilger dazu, alles Deutsche und auf eine ganz eigene Weise recht verwildert. Die beiden jungen Frauen hatte ich schon einmal gesehen; sie schlafen fast nur draußen, was ich einerseits bewundere und andererseits mit meinem wachsenden Bedürfnis nach Matratze und Dach nur noch begrenzt nachahmenswert finde. Karl war der dritte im Bunde. Wir unterhielten uns noch eine Weile, aber ich zog mich dann doch bald zurück, denn morgen wartet wieder eine lange Etappe.
32 Kilometer stehen an, und es soll sehr heiß werden. Ich werde also sehr früh aufbrechen. Außerdem dürfte es morgen ziemlich voll und vermutlich auch laut werden, denn fast alle Pilger, die ich in den letzten Tagen getroffen habe, wollen in Lavacolla übernachten. Wir haben uns dort lose verabredet, was sicher unterhaltsam wird. Aber wie so oft gilt auch hier: Erst einmal muss man ankommen.

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