Es ist jetzt vier Tage her, seit ich meine Rückreise angetreten habe. Und irgendwie braucht es genau diese paar Tage Abstand, um überhaupt in Worte fassen zu können, wie sich so ein Ende anfühlt.
Der letzte Morgen in Santiago begann so, wie die letzten 30 Tage begonnen hatten: in aller Ruhe. Diesmal habe ich aber lange geschlafen, bin liegen geblieben und habe dann den Rucksack in Ruhe gepackt.
Gegen zehn Uhr habe ich ausgecheckt, das Gepäck hinterlegt und noch ein paar Kleinigkeiten besorgt. Um elf war ich noch einmal kurz im Hotel, ruhte mich aus, und um zwölf machte ich mich auf den Weg zum Flughafen. Zu Fuß natürlich. Es hätte wohl auch anders nicht gepasst.
Es war seltsam, Santiago zu verlassen. In der Gegenrichtung kamen mir Pilger entgegen, manche davon sichtlich am Rand ihrer Kräfte, manche mit Tränen in den Augen, fast alle mit diesem ganz eigenen Leuchten, das entsteht, wenn man kurz vor dem Ziel ist.
Wie gut ich das nachfühlen konnte. Unterwegs machte ich noch einen kurzen Zwischenstopp, um Folie und Klebeband für den Rucksack zu organisieren. Dann die letzten Kilometer Richtung Flughafen. Kurz nach 15 Uhr war ich dort, nach nochmals fast 17 Kilometern. Der Wanderstab wurde an den Rucksack geklebt, alles sorgfältig foliert, eingecheckt und abgegeben. Durch die Sicherheit, alles sehr entspannt. Volker tauchte auch auf, und wir verbrachten die Wartezeit zusammen. Als uns auffiel, dass es eine VIP-Lounge gab und mein Business-Class-Ticket den Zutritt erlaubte, nahmen wir das Angebot dankbar an. Zumindest die letzten zwanzig Minuten vor dem Boarding wurden noch einmal kulinarisch gewürdigt.
Auf dem Weg zum Flugzeug bemerkte ich dann, dass mein Kopftuch fehlte. Scheinbar war es mir aus der Tasche gefallen. Volker schaute noch einmal nach, aber es war weg. Es ist das zweite Tuch dieser Art, das nun in Santiago geblieben ist. Ich war ein bisschen traurig, aber irgendwie hat das auch etwas: Manche Dinge bleiben eben zurück. Vielleicht ist das auch so eine stille Form der Pilgerlogik.
Dann begann das, was man als Reisende in Deutschland fast schon als eigene Disziplin beschreiben könnte: die Heimkehr mit Lufthansa und Bahn. Der Anschlussflug nach Leipzig war bereits am Vortag storniert worden. Der offizielle Grund: Gewitter. Eine besondere Art von Gewitter, die man offenbar schon 24 Stunden im Voraus so exakt vorhersehen kann, dass ein Flug komplett gestrichen werden muss. Der Lufthansa-Chat erwies sich als verlässlich nutzlos, und die wenigen Mitarbeiter, die man überhaupt zu greifen kriegte, waren weder willens noch in der Lage, wirklich zu helfen. Weder Zug noch Hotel wurden angeboten. Am Ende organisierte ich mir das Zugticket schlicht selbst – und buchte es problemlos, was die Behauptung, der Zug sei ausgebucht, in einem sehr eigentümlichen Licht erscheinen ließ.
Durch die Verspätung des Fluges war der Anschluss ohnehin fraglich. Wir landeten mit fünfzehn Minuten Verspätung in Frankfurt. Ich hastete zur Gepäckausgabe, wartete eine gefühlte Ewigkeit auf den Rucksack, und als ich ihn endlich in den Händen hielt, blieben noch genau acht Minuten bis zur Zugabfahrt. Von der Gepäckausgabe bis zum Fernbahnhof ist das schlichtweg nicht zu schaffen. Ich bin trotzdem gerannt. Mit vollem Gepäck, durch den gefühlt halben Frankfurter Flughafen, vollkommen durchgeschwitzt – und kam natürlich genau dann an, als der Zug bereits weg war. Von Gewitter war übrigens weit und breit nichts zu sehen.
Also nahm ich die Regionalbahn zum Hauptbahnhof, weil der angekündigte ICE vom Flughafen schon wieder zwanzig Minuten Verspätung hatte und mir das Risiko zu groß war. Ab dem Hauptbahnhof lief dann erstaunlicherweise alles einigermaßen. Der spätere ICE hatte zwar ebenfalls zwanzig Minuten Verspätung, war aber angenehm leer, und mir war an diesem Punkt ohnehin alles egal. Ich saß. Ich fuhr. Irgendwann würde ich ankommen.
Gegen zwei Uhr nachts war ich in Leipzig. Ein Bolt ließ sich nicht organisieren, Taxi war zu teuer, also nahm ich den Nachtbus. Gegen drei Uhr morgens war ich zu Hause. Sachen irgendwo abgeworfen, tief durchgeatmet, angekommen.
Mittwoch hatte ich noch frei. Sortieren, runterfahren, sacken lassen. Donnerstag und Freitag dann wieder dienstlich online, Mails lesen, auf Stand bringen. Alles noch relativ ruhig und überschaubar. Ab nächster Woche beginnt dann wieder der Alltag in seiner vollen Pracht.
Und so endet diese Reise – nicht mit Trommelwirbel, sondern mit einem Nachtbus nach Hause, drei Stunden Schlaf und einem Stapel ungelesener Mails. Vielleicht ist das die ehrlichste Art anzukommen, die es gibt. Denn das Besondere war ja nicht das Ende. Das Besondere waren die 30 Tage davor. Und die bleiben.

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