Die letzte Nacht war wieder laut. Der Schnarcher war zurück, und meine freundliche Bitte, doch bitte auf der Seite zu schlafen, wurde schlicht ignoriert. Irgendwo im Nachbardorf lief außerdem noch eine Techno-Party, deren Bass bis nach A Amarela zu hören war. Eine letzte, sehr konsequente Erinnerung des Caminos daran, dass er bis zum Schluss tut, was er will. Also stand ich um fünf auf, absolvierte zum allerletzten Mal meine Morgenroutine und machte mich auf den Weg.


Draußen hing der Vollmond knapp über den Baumwipfeln und leuchtete in einem tiefen, satten Gelb, das fast unwirklich wirkte. Es war einer jener seltenen Momente, die man sich nicht ausdenken kann. Ein letzter Geschenk des Weges, bevor der Tag richtig begann. Es ging die Straße hinab, im nächsten Ort wieder hinauf, und dann weiter. An einem ersten Strand hielt ich kurz inne, bevor es steil bergauf und danach auf einen kleinen Waldpfad ging, der mich schließlich hinunter auf den Playa de Talón führte – einem stillen, wunderschönen Strand kurz vor Finisterre. Eine halbe Stunde Pause, das Meer, die Stille. Dann weiter.






Bergauf, bergab, und dann – der lange Strand von Finisterre. Es war gerade Flut, der Wellengang war kräftig, und das Meer war laut und lebendig. Dort traf ich wieder die Irin, die in Kanada wohnt. Wir liefen gemeinsam den Strand entlang bis nach Finisterre und unterhielten uns dabei, wie Pilger das eben tun: über Wege, Menschen, Erschöpfung und das eigentümliche Gefühl, gleich anzukommen.




In Finisterre ging es weiter in Richtung Faro, dem Leuchtturm am Ende der Welt. Gegen 9:20 Uhr stand ich dort. Ich machte Fotos, aber dann ließ ich das Handy einfach sinken und schaute nur aufs Meer. Es war sehr emotional. Nach 30 Tagen, rund 960 Kilometern, nach Regen, Hitze, Blasen, durchgelaufenen Schuhen, undichten Wasserbeuteln, Schnarcher-Schlachten und allen Höhen- und Tiefpunkten dieser Reise stand ich hier, am Atlantik, am Ende Europas, am Ende meines Weges. Diesen Moment kann man nicht in Worte fassen, und vielleicht ist das auch gut so.

Dann gab es Kaffee, und das Leben kehrte in seiner wunderbaren Normalität zurück. Langsam schlenderte ich zurück nach Finisterre, kam gegen 11:30 Uhr am Quartier an und stellte den Rucksack ab. Dann nochmal los, Vorräte besorgen, und dabei eine schöne Überraschung: Volker, den ich vom Vorjahr kannte und der diesmal den Primitivo gemacht hatte, tauchte auf. Wir aßen zusammen, redeten eine Weile und verabschiedeten uns dann wieder. Solche Begegnungen am Ende eines Weges haben immer etwas Besonderes.
Danach checkte ich ins Quartier ein, ruhte mich aus und genoss die Stille. Die Herberge liegt direkt in der Nähe des Praia do Faro, und es ist hier wirklich ruhig. Ein angenehmer, völlig anderer Rhythmus als die letzten Wochen. Später zog ich noch einmal los, um Souvenirs zu suchen, fand aber nichts Passendes. Also zurück, etwas gegessen und dann noch einmal an den Strand. Eine Stunde in der Sonne gelegen, am Wasser gewesen, das Meer auf mich wirken lassen.






Am Abend kehrte ich nochmal zurück – eigentlich wegen des traditionellen Feuers und des Sonnenuntergangs. Dort traf ich Christian wieder und das amerikanische Pärchen aus Oregon. Wir saßen lange am Strand, redeten und ließen den Abend gemeinsam ausklingen. Das Feuer blieb aus, und der Sonnenuntergang verschwand hinter einer dicken Wolkendecke. Man kann halt nicht alles perfekt haben. Und doch war es wunderschön. Weil es das richtige Ende war: still, gemeinsam, am Meer, ohne große Inszenierung.


Morgen geht es mit dem Bus zurück nach Santiago. Damit endet diese Reise – offiziell, äußerlich, auf der Karte. Innerlich aber hat sie schon lange begonnen, sich festzusetzen. Und das, so glaube ich, bleibt.

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