In A Guarda tauchten nach und nach Gesichter auf, die ich irgendwo auf dem Weg schon einmal gesehen hatte – kurz genickt, kurz geredet, dann wieder verloren in der Masse der Rucksäcke und Wanderstöcke. Es ist eines der stillen Wunder des Camino: Man denkt, jemand sei für immer in einer anderen Etappe verschwunden, und plötzlich sitzt er abends am selben Tisch. A Guarda selbst ist ein kleines, verschlafenes Städtchen in Galizien – nicht hübsch, aber auch nicht hässlich. An vielen Gebäuden nagt der Zahn der Zeit, einiges steht leer, einiges verfällt still und ohne große Aufregung. Eine Stadt, die nicht für Touristen gemacht wurde, sondern einfach existiert.

Die Herberge war schlicht, aber ordentlich – sauber, ausreichend Betten, kein Grund zur Klage. Bis auf einen: Ich landete im größten Raum, zwanzig Pilger unter einem Dach. Und im Bett direkt über mir: wieder er. Der Spanier, dem ich bereits auf der Strecke begegnet war und der es sich offenbar zur Lebensaufgabe gemacht hat, ganze Wälder im Schlaf zu roden – laut, ausdauernd, rhythmisch, und mit gelegentlichen olfaktorischen Ergänzungen, die ich an dieser Stelle nur andeuten möchte. Ein Naturtalent. Wirklich.

Bedingt durch die erneute Zeitverschiebung und den Lärm im Zimmer schlossen wir uns kurzerhand einer kleinen Gruppe an, die A Guarda erkunden wollte – weniger aus touristischem Interesse als aus dem dringenden Bedürfnis, dem Geschnarche zu entkommen. Die Stadt bei Nacht ist ruhig, kühl und überraschend angenehm, wenn man weiß, dass man nicht schlafen kann.



Um halb drei kehrten wir zurück ins Quartier und versuchten, die Augen zuzukriegen. Zwischen vier und halb fünf gaben die meisten auf und begannen zu packen. Ich hielt bis sechs Uhr durch – weniger aus Disziplin als aus schlichter Erschöpfung, die immer wieder kurze Nickerchen ermöglichte, bevor das nächste akustische Ereignis von oben mich zurück in die Wirklichkeit holte.
Gegen 6 Uhr stand ich auf. Ich war mit zwei weiteren Pilgern verabredet, die Etappe gemeinsam in Angriff zu nehmen. Um 6:45 Uhr brachen wir auf. Ganz im Westen Europas steht die Sonne um diese Zeit noch so tief hinter den Hügeln, dass die Luft angenehm kühl ist – ein stilles Geschenk an alle, die früh genug aufbrechen. Und an alle, die schlicht keine andere Wahl haben.

Der Küstenweg an diesem Morgen war von einer Schönheit, die einen still werden lässt. Immer wieder führte die Route auf alte Pfade, die aussahen, als hätte sie seit Jahrhunderten niemand verbreitert oder asphaltiert – und das war gut so. Kopfsteinpflaster, schmale Hohlwege, Felsen, die das Meer unten rauschen hören. Der Weg hat Charakter, weil er ihn nie verloren hat.
Zivilisation sucht man auf diesem Abschnitt vergebens. Keine Geschäfte, keine Bars, keine Tankstellen – selbst Häuser sind selten, und wenn, dann oft verlassen. Erst nach fünfzehn Kilometern erreichten wir den ersten Ort. Zum Glück hatte die Sonne es in den ersten drei Stunden noch nicht über die Bergkette geschafft, sodass wir im kühlen Schatten liefen – ein Luxus, den wir in vollen Zügen genossen, weil wir wussten, dass er nicht ewig anhält.



Gegen elf Uhr stießen weitere Pilger zu uns, und die Gruppe wuchs auf sechs an. Pünktlich dazu schaffte auch die Sonne endlich den Sprung über die Berge – und mit ihr kam die Wärme. Nicht langsam, nicht zögerlich, sondern beinahe augenblicklich. Aus angenehm wurde warm, aus warm wurde heiß, und der Weg schien das zu wissen. Immer wieder Serpentinen, immer wieder bergauf – die eigentliche Entfernung auf der Karte und die gefühlte Entfernung auf den Beinen hatten nur noch wenig miteinander gemein. Nach knapp sechs Stunden und rund 23 Kilometern erreichten wir unser Ziel.



Auch der Zielort hält mit Infrastruktur nicht hinterm Berg – weil es keine gibt. Eine einzige Taverne, die das Nötigste bereithält und die Grundversorgung mit stoischer Verlässlichkeit sichert. Ich ahne, dass der Abschnitt bis Vigo insgesamt etwas kostspieliger wird – wer sich nicht selbst versorgen kann, ist auf das angewiesen, was die wenigen geöffneten Lokale zu bieten haben. Und das hat seinen Preis.
Die Herberge dagegen: eine echte Überraschung. Klimatisiert, schöne Zimmer, überschaubare Bettenzahl. Wir hatten beim Einzug peinlich genau darauf geachtet, keinen der berüchtigten Schnarcher im Zimmer zu haben – eine Selektion, die sich als weise erweisen sollte.
Und dann: eine saubere Dusche. Eine richtige, warme, funktionierende Dusche. Und die Möglichkeit, Wäsche zu waschen – zwar per Hand, aber mit Trocknungsmöglichkeit im Gewächshaus nebenan, wo die Sachen in kürzester Zeit trocken und wieder frisch rochen. Wer nie tagelang in denselben schweißgetränkten Klamotten gelaufen ist, kann nicht ermessen, was das bedeutet. Es war das Highlight des Tages. Ohne jeden Zweifel.
Fazit des Tages:
- In Gesellschaft kommen einem 23 km nicht weit vor – egal wie sehr die Füße schmerzen.
- Wasser ist essentiell!
Comments are closed