Anreise und Tag 1

Die Odyssee der Flughafen-Lounges

Es ist der 30. April, mein offizieller Anreisetag, und die Vorfreude ist riesig. Da die geliebte Bahn dieses Mal keine Option war, entschied ich mich für den Luftweg über Leipzig und Frankfurt nach Bilbao. Mein Buchungsportal lockte mich mit einem vermeintlich großartigen Angebot: Einem Lounge-Pass für die vierstündige Wartezeit in Frankfurt. Das klang nach einem wunderbaren Start in den Pilgerurlaub, also griff ich zu und checkte pünktlich um 13:00 Uhr meinen Rucksack in Leipzig ein.

Der Flug nach Frankfurt verlief reibungslos und absolut pünktlich, doch damit endete meine Glückssträhne für diesen Tag auch schon auf abrupte Weise. Voller Vorfreude auf ein entspanntes Mittagessen musste ich schnell feststellen, dass europäische Flüge in Frankfurt im Terminal 1, Abschnitt A landen, meine gebuchte Lounge sich aber im Terminal 2, Abschnitt E befand. Das wäre an sich kein Problem gewesen, wenn dieser Bereich nicht strengstens für Interkontinentalflüge abgeriegelt wäre. Ohne entsprechendes Ticket gab es kein Durchkommen, was mich leicht säuerlich zur Hotline meines Anbieters greifen ließ. Dort durfte ich mich anderthalb Stunden von einem Chatbot und einem menschlichen Berater in der Warteschleife schmoren lassen, bis ich resigniert auf eine Erstattung pochte.

In einem Anflug von Trotz dachte ich mir: „Dann kaufe ich mir eben selbst einen Zugang direkt bei der Lufthansa!“ Ich navigierte auf die Website, wählte den Frankfurter Flughafen aus und bezahlte den Eintritt zur Business Lounge. Was dort allerdings mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt wurde: Es gibt in Frankfurt unzählige Lounges, und exakte Standortangaben suchte man bei der Buchung vergeblich. So stand ich wenig später siegessicher im Flughafen, nur um zu erfahren, dass sich meine neu gebuchte Lounge im Abschnitt C befand. Da diese ebenfalls hinter einer weiteren Passkontrolle lag, wurde ich aus meinem Abschnitt A kommend erneut abgewiesen, und auch der Service-Schalter verweigerte mir die Stornierung.

Drei meiner vier Stunden Wartezeit hatte ich nun mit diesem unsäglichen Lounge-Theater vergeudet, mein Magen knurrte bedrohlich, und ich war restlos bedient. Als ich mich hungrig an mein Gate setzte, verkündete man zu allem Überfluss noch eine Verspätung, weil die Crew fehlte. Diese verlorene Viertelstunde kostete mich in Bilbao prompt meinen geplanten Bus, sodass ich in Spanien erneut anderthalb Stunden sinnlos auf den Anschluss warten durfte.

Doch als ich um kurz nach eins nachts im quirligen San Sebastián ankam, war mein Ärger wie weggeblasen. Das Rauschen des Meeres und die unbeschwerte Partystimmung in den Gassen der Altstadt – berühmt für die höchste Dichte an Sternerestaurants und Pintxo-Bars weltweit – zauberten mir sofort wieder ein Lächeln ins Gesicht.

Das baskische Auf und Ab

Trotz der mageren fünf Stunden Schlaf wachte ich am 1. Mai um sieben Uhr morgens erstaunlich erholt auf. Ich ließ mir eine gute Stunde Zeit, um meine Füße sorgfältig abzukleben, den Rucksack zu schnüren und mich mental auf den Tag einzustellen. Gegen acht Uhr marschierte ich los und besorgte mir in einem kleinen Café ein belegtes Baguette, Kaffee, frische Orangen und einen Apfel. Das heutige Tagesziel hieß Zarautz, eine Etappe, die für ihr ständiges und kräftezehrendes Auf und Ab an der zerklüfteten baskischen Küste bekannt ist. Ich war jedoch bester Dinge, da ich mich deutlich trainierter fühlte als bei meinem letzten Mal auf dem Camino del Norte vor vier Jahren.

Herrje, wie man sich doch täuschen kann! Zwar kam ich insgesamt zügiger voran als damals, aber die baskischen Höhenmeter verlangten mir absolut alles ab. Das ständige Klettern und Absteigen auf teilweise extrem unebenem Untergrund war eine echte Zerreißprobe für die Beine. Meine Füße fingen nach gut sechs Kilometern an zu pochen, zum Glück aber eher aus purer Belastung und nicht wegen fieser Blasen.

Was mir heute besonders auffiel: Es sind unglaublich viele Pilger unterwegs. Der Feiertag am 1. Mai scheint für viele der ideale Startschuss für den Camino zu sein. Ins Gespräch gekommen bin ich bisher mit niemandem richtig, aber um ehrlich zu sein, fehlte mir dazu am ersten Tag auch noch das tiefere Interesse. Ich lasse das Pilger-Volk erst einmal in Ruhe auf mich wirken. Besonders ins Auge gestochen ist mir eine Gruppe von vier deutschen Männern, alle schätzungsweise zwischen Anfang und Ende 30. Ich habe mich allerdings bewusst nicht als Landsmann zu erkennen gegeben, sondern lauschte stillschweigend. Ich bin mal gespannt, ob ich den Vieren in den nächsten Tagen noch öfter über den Weg laufe und ab wann die ersten klassischen Zerfallserscheinungen der Gruppendynamik eintreten – wie es auf dem Camino ja früher oder später fast schon zum guten Ton gehört.

Da ich mein Bett in Zarautz erfreulicherweise schon im Voraus reserviert hatte, ließ ich mich nicht hetzen und nahm mir stattdessen genau die Pausen, die mein Körper einforderte. In Orio, einem charmanten Küstenstädtchen an der Mündung des Flusses Oria, belohnte ich mich für die bisherigen Strapazen. Hier legte ich eine ausgedehnte Rast ein und genoss mein erstes echtes kulinarisches Highlight: Einen köstlichen Pintxo Tortilla. Frisch gestärkt nahm ich die letzten sechs Kilometer in Angriff. Die Strecke schlängelte sich durch saftig grüne Hügellandschaften mit grandiosen Ausblicken auf den wilden Atlantik. Einige Abschnitte kamen mir erstaunlich vertraut vor, andere Teile wiederum wirkten völlig fremd. Das lässt mich vermuten, dass ich auf dem Norte vor vier Jahren stellenweise einer anderen Routenführung gefolgt bin. Besonders die steilen Aufstiege hinter Orio hatte mein Gedächtnis wohl gnädigerweise komplett verdrängt.

Gegen 15:00 Uhr erreichte ich schließlich mein Ziel und staunte nicht schlecht, als ich vor meiner Unterkunft in Zarautz stand, der Stadt mit dem längsten Strand des Baskenlandes und einem wahren Surfer-Paradies. Witzigerweise war es exakt dasselbe Hostel, in dem ich auch schon bei meinem letzten Norte-Abenteuer übernachtet hatte. Nach einer ausgiebigen Dusche und frischen Klamotten habe ich mir eine Kleinigkeit zum Abendbrot besorgt und sitze nun einfach nur da.

Fazit

Ich habe das Handy heute fast gar nicht in der Hand gehabt, nicht mal, um beim Laufen Musik zu hören. Ich versuche es auf diesem Weg wirklich mal ehrlich mit dem „Digital Detox“. Mal gucken, wie lange ich das durchhalte. Jetzt genieße ich erst einmal die wohlige Wärme, spüre die Müdigkeit in jedem Knochen und weiß ohnehin schon:

Der Muskelkater morgen früh wird absolut gigantisch sein. Buen Camino!

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