Tag 2 – Zarautz, Zumaia und Deba

Von knallenden Türen und alten Dämonen

Die Nacht in Zarautz war gelinde gesagt ein Erlebnis für sich. Ständig knallten Türen, draußen auf der Straße riefen Leute durcheinander, als wäre der Camino auch nachts eine lautstarke Gemeinschaftsveranstaltung. Einen Wecker brauchte – und hatte – ich ohnehin nicht. Mein innerer Pilger (und der unweigerliche Lärmpegel) ließen mich pünktlich um 6:00 Uhr die Augen aufschlagen. Der gestern prophezeite Muskelkater meldete sich prompt und mit Nachdruck zur Stelle. Doch jammern hilft nicht: Um 7:00 Uhr schnürte ich die Stiefel und marschierte los.

Der Morgen begann allerdings gnädig und wunderschön. Auf der Küstenstraße ging es von Zarautz nach Getaria. Das malerische Fischerstädtchen – übrigens die Geburtsstadt des legendären Modeschöpfers Cristóbal Balenciaga, ein absurd glamouröser Gedanke, wenn man selbst in staubigen Wanderklamotten unterwegs ist – begrüßte mich mit einem lebensrettenden Kaffee und einem Stück Baguette. Frisch gestärkt nahm ich die Berge nach Zumaia in Angriff. Zumaia… hier hatte der Norte mich 2022 in die Knie gezwungen. Nicht, dass ich den Camino damals komplett abbrechen musste, aber meine Füße bestanden gefühlt nur noch aus einer einzigen, riesigen Blase. Die berüchtigten Berge hinter Deba traute ich mir in diesem Zustand schlichtweg nicht mehr zu und musste damals zähneknirschend den Bus nach Markina-Xemein nehmen. Es war also ein durch und durch triumphales Gefühl, heute einfach in Zumaia einzumarschieren, eine kurze Pause einzulegen und diesen persönlichen Schicksalsort dann schnurstracks auf eigenen Füßen hinter mir zu lassen!

Schwindelfrei auf dem alten Camino

Der heutige Tag stand eigentlich unter der dunklen Wolke des angekündigten Regens, auf den ich so gar keine Lust hatte. Aber der Himmel hielt vorerst dicht. Hinter Zumaia zeigte die Etappe dann ihr wahres Gesicht: Gleich mal 300 Höhenmeter im knackigen Aufstieg, gefolgt von unzähligen kurzen, aber steilen Auf- und Abstiegen von 25 bis 50 Metern. Da die offizielle Routenführung nach Deba offensichtlich auf asphaltierte Wege durch kleine Ortschaften ins Landesinnere verlegt wurde, entschied ich mich kurzerhand für die alternative, alte Route.

Landschaftlich war das ein absoluter Volltreffer! Der Weg führte mich an der Steilküste entlang, teils sogar von der Sonne geküsst, mit spektakulären Ausblicken auf die berühmten Flysch-Felsen – diese gewaltigen, aufgefächerten Schieferplatten, die wie Drachenrücken ins Meer stürzen und für die die Küste vor Deba berühmt ist. Was ich allerdings dezent unterschätzt hatte: Die Pfade waren oft nur 30 Zentimeter breit und führten erschreckend eng am Abgrund entlang. Höhenkoller ist hier definitiv keine Option. Meine Geschwindigkeit drosselte sich auf ein Minimum, die Pausen häuften sich, und ich spürte deutlich: Grenzen finden und ausreizen kann ich. Auch die eigenen.

Pragmatismus siegt über Pilgerstolz

Gegen 14:00 Uhr humpelte ich regelrecht in Deba ein. Das letzte Stück war noch einmal unfassbar herausfordernd, und die Muskeln in meinen Beinen hatten offiziell den Dienst nach Vorschrift angetreten. Mein Quartier für die Nacht lag allerdings im kleinen Weiler Ibiri Auzoa, weitere 4,8 Kilometer entfernt. Zu allem Überfluss standen mir dorthin noch etliche Höhenmeter bevor, und nun braute sich auch der Regen unmittelbar am Himmel zusammen. Da meine Kräfte wirklich am absoluten Nullpunkt waren, traf ich eine pragmatische Entscheidung: Ich besorgte mir eine Mitfahrgelegenheit. Es bringt schließlich niemandem etwas, wenn ich schon am zweiten Tag komplett ausfalle.

Und was soll ich sagen das Timing war geradezu göttlich. Ich war kaum zur Tür meines Quartiers herein, als draußen ein wolkenbruchartiger Regen losbrach. Die restlichen Höhenmeter in diesem Unwetter… das wäre keine gute Sache geworden.

Die raue Seele des Baskenlands

Jetzt liege ich hier gemütlich auf dem Bett, höre dem prasselnden Regen draußen zu und freue mich auf das Community Dinner heute Abend. Zeit für eine kleine Erkenntnis des Tages: Ich mag das Baskenland. Es ist wunderschön, wirkt in weiten Teilen ungezähmt und rau, und ist dabei trotzdem auf eine ganz eigene Art liebevoll. Es ist diese pure, ungebändigte Natur, die einen jeden Tag aufs Neue fordert, aber eben auch reichlich belohnt. Ich kann absolut verstehen, dass die Basken so unfassbar stolz auf ihr Land sind und so vehement um ihre Unabhängigkeit gekämpft haben. Sie haben ihre eigene Sprache, das Euskara, ihre ganz eigenen Traditionen und eine Kultur, die sich tief in diese Steilküsten eingegraben zu haben scheint. Das sieht und spürt man hier jeden Tag aufs Neue. Es ist schlichtweg beeindruckend.

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