Es gibt einen Moment irgendwo auf einem langen Weg, an dem die Beine aufhören zu fragen und einfach nur noch mechanisch weitermachen. Heute habe ich diesen Moment mehrfach erlebt. Knapp 29 Kilometer. Und ich sage das ohne jede Koketterie: Die letzten Schritte waren die schlimmsten.
Dabei hatte der Tag so vielversprechend begonnen.
Die Strecke entlang der Küste ist von einer Schönheit, die man sich eigentlich gar nicht verdienen muss – sie ist einfach da. Weite Strände, an manchen Stellen vollkommen menschenleer, das Licht so klar und hell, dass alles ein wenig unwirklich wirkt. Der Atlantik liegt links, groß und unbeeindruckt, und man fühlt sich auf einmal sehr klein – aber auf eine gute Art. Herrlichstes Wetter, und ich dachte kurz: Das ist es also. Das ist der Camino.
Dann begann der Wind.
Schon am Hafen im Norden von Porto war er da. Zunächst nur ein leichtes Drücken, fast angenehm nach den ersten Schritten mit dem Rucksack. Ich entschied mich, die Jacke anzuziehen – eine Entscheidung, für die ich mir im Nachhinein fast selbst auf die Schulter klopfen möchte, wenn meine Arme nicht so müde wären. Je weiter ich nach Norden lief, desto mehr legte der Wind zu. Auf den letzten zehn Kilometern entlang der Küste hatte er eine Stärke erreicht, bei der ich mich durchaus hätte dagegenlehnen können – und er hätte mich eine Weile gehalten.
Was die Beine betrifft: Konstant gegen Widerstand laufen, 29 Kilometer, mit einem Rucksack von geschätzten zwölf Kilogramm auf dem Rücken – das ist keine Wanderung mehr, das ist ein stilles Verhandeln mit dem eigenen Körper. Meine Füße verlangten in regelmäßigen Abständen nach Pausen, und ich gab ihnen nach. Irgendwann hört man einfach auf, sich dafür zu schämen.
Ich habe übrigens 12 Kilometer ausgelassen. Wer das für einen Fehler hält, der war heute nicht dabei. Die Alternative wäre möglicherweise mein Tod gewesen – ich sag’s, wie’s ist.
Jetzt sitze ich auf der Dachterrasse der Herberge, ein Glas portugiesischer Rotwein in der Hand, und versuche, nicht an morgen zu denken. Das gelingt mäßig. Der Wein hilft. Die Aussicht hilft auch. Weniger hilfreich ist die Tatsache, dass hier unten offensichtlich einige Mitpilger die Auffassung vertreten, ein langer Wandertag entbinde einen von der Pflicht zu duschen. Ich sitze also in der frischen Luft. So lange wie möglich.
Auf dem Weg sind mir auch heute wieder diese Turbo-Pilger begegnet, die den Camino offenbar als Zeitfahren verstehen. Mit einer Geschwindigkeit, die ich persönlich nicht einmal von einer Bushaltestelle zur nächsten aufbringen würde. Ich beobachte das mit einer Mischung aus Bewunderung und leichter Ratlosigkeit. Suchen die etwas? Fliehen sie vor etwas? Oder haben sie einfach kürzere Beine und kompensieren über Tempo?
Ein Gedanke reift jedenfalls langsam in mir: Nicht jede Nacht in einem Zehnbettzimmer. Ab und zu eine kleine Herberge für mich allein – oder wenigstens ohne den Geruch einer Sammelumkleidekabine. Das Pilgerleben soll entschleunigen, nicht bestraft werden.
Ich hoffe inständig, dass der Wind morgen entweder schweigt oder die Seiten wechselt. Sonst werde ich Dinge tun, die ich bereuen könnte.
Buen Camino.













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