Tag 13: Llanes nach Piñeres

Der gestrige Pausentag in Llanes war dringend nötig. Viel Spektakuläres ist nicht passiert, aber genau das war vermutlich der Sinn der Sache. Ich habe mich erholt, meine Füße versorgt, Blasen behandelt, ein paar organisatorische Dinge erledigt und mir Llanes noch ein wenig angesehen. Auch in der Basilika war ich.

Abends sollte dann noch ein organisiertes Treffen mit anderen Pilgern stattfinden, aber das fand ich ehrlich gesagt nicht besonders gelungen. Ich kannte niemanden, und es ist erstaunlich schwer, irgendwo entspannt ins Gespräch zu kommen, wenn sich andere Grüppchen bereits seit zwei Wochen eingespielt haben. Also bin ich relativ früh wieder verschwunden. Ich war ohnehin müde und wollte am nächsten Morgen zeitig los.

Um 5:30 Uhr klingelte der Wecker, und ich hatte kurz das Gefühl, beinahe verschlafen zu haben, was auf dem Camino natürlich ein herrlich übertriebenes Drama ist, wenn man ohnehin noch vor den meisten Hühnern auf den Beinen ist. Ich packte meine Sachen, kontrollierte alles noch einmal, versorgte die Füße und machte mich auf den Weg.

Es war kalt geworden, und es nieselte. Eigentlich nieselte oder regnete es den ganzen Tag in allen denkbaren Abstufungen, von „ach, das geht noch“ bis „jetzt reicht’s aber auch mal“. Ich blieb auf der offiziellen Route. Es gäbe auf diesem Abschnitt zwar auch eine Küstenvariante, die ich durchaus gern gegangen wäre, aber bei dem Wetter, der Dunkelheit am frühen Morgen und meinen jüngsten Schlamm-Erfahrungen war mir nicht nach Abenteuer. Ich erinnerte mich dunkel daran, dass dieser Abschnitt stellenweise etwas steiler und schwieriger ist, und beschloss, dass Vernunft ausnahmsweise einmal Vorrang haben darf.

Also stapfte ich los, von Ort zu Ort, von Kilometer zu Kilometer, auf der Suche nach Kaffee und irgendetwas Essbarem. Natürlich hatte alles zu. Es ist ja ohnehin eine kleine Spezialität des Camino, dass der Hunger zuverlässig dann einsetzt, wenn weit und breit nichts geöffnet hat.

Erst nach 16 Kilometern erreichte ich einen Ort, in dem tatsächlich ein Café offen war, und das lag natürlich auch noch angenehm weit abseits, damit die Sache nicht zu einfach wird. Bis dahin hatte es mehrfach kräftig geregnet, und immerhin kann ich mittlerweile den Poncho fast in Profi-Geschwindigkeit überwerfen. Man lernt ja auf solchen Wegen die seltsamsten Dinge.

Im Café angekommen, legte ich meine Sachen ab und blieb erst einmal eine ganze Weile sitzen. Kaffee, Sandwich, Wärme, Dach über dem Kopf – in solchen Momenten wird man erfreulich bescheiden. Nach dieser längeren Pause ging es weiter, aber kaum war ich wieder draußen, merkte ich, dass ich mich noch einmal um meine Füße kümmern musste. Also setzte ich mich an der nächsten Bushaltestelle hin und verarztete meine Zehen. Währenddessen begann es ausgerechnet richtig zu schütten, was mich dazu veranlasste, die Chaps anzulegen, den Poncho wieder überzuwerfen und mich in voller Regenmontur erneut in Bewegung zu setzen. Es waren noch acht Kilometer. Nicht dramatisch weit, aber im Regen eben auch nicht gerade ein Sonntagsspaziergang.

Gegen halb zwölf erreichte ich Nueva. Die Pause unterwegs war so ausgedehnt gewesen, dass inzwischen deutlich mehr Pilger auf der Strecke unterwegs waren. Dort traf ich auch Max, Jan und Estella wieder. Wir aßen zusammen zu Mittag, warteten mit Max noch auf seine Wäsche im Salon und machten uns dann gemeinsam weiter auf den Weg nach Piñeres. Wir hätten sicher auch früher dort sein können, aber da man ohnehin erst ab 14 Uhr in die Herberge kann, bestand nun wirklich kein Grund, aus dem restlichen Weg noch eine olympische Disziplin zu machen.

Die Herberge hier ist klein, gerade einmal sechs Betten, aber genau das macht sie auch angenehm. Wir haben zusammen gekocht, gegessen und den Tag ruhig ausklingen lassen. Jetzt liege ich hier und höre gewissermaßen innerlich immer noch den Regen, der heute mein treuester Begleiter war. Die Stimmung dieses grauen, feuchten Tages hatte trotz allem etwas Eigenes, fast schon Beruhigendes. Für morgen ist eine Unwetterwarnung angekündigt. Je nachdem, wie schlimm es tatsächlich wird, gehe ich entweder nur bis Ribadesella und fahre dann mit dem Bus weiter nach Colunga, oder ich ziehe die ganze Strecke durch. Das wird sich morgen zeigen. Heute bin ich einfach nur froh, trocken zu liegen.

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