Tag 12: La Franca nach Llanes

Die heutige Etappe von La Franca nach Llanes begann bereits um sechs Uhr morgens. Gestern hatte ich ja schon Colombres als den Ort wiedererkannt, an dem mich vor vier Jahren nach dem Wolkenbruch in Oyambre das Taxi abgesetzt hatte. Und heute Früh wurde mir dann schlagartig klar, dass der Strand in La Franca genau derjenige ist, an dem das Hotel steht, in dem ich damals übernachtet habe. Das erklärte auch, warum mir die heutige Strecke absolut nicht bekannt vorkam. Mein damaliges Hotel lag ziemlich weit abseits, und ich musste ein langes Stück Landstraße laufen, um überhaupt wieder auf den Camino zu stoßen. Heute freute ich mich einfach über dieses Teilstück, das ich damals verpasst hatte.

Hinter La Franca führte die Route über friedliche Feld- und Waldwege, bis sie kurz die Bundesstraße touchierte und dann direkt in einen der schönsten Küstenabschnitte des Weges abbog. Was sich hier auftat, war eine wilde, raue Steilküste voller saftiger Wiesen, massiver Findlinge und faszinierender Felsformationen. Die Kulisse erinnerte mich landschaftlich viel eher an Irland oder die schottischen Highlands als an Nordspanien.

Die grüne, zerklüftete Felslandschaft direkt am rauen Atlantik war heute eine ständige, beeindruckende Begleiterin auf dem Weg.

Was ich dabei schnell feststellte: Das gesamte Areal ist im Grunde eine gigantische Kuhweide. Die spanischen Kühe, die hier grasen, wirken durchaus beeindruckend. Ich wanderte über schmale Wiesenwege, sog die wilde Natur in mich auf und wich dabei im Slalom den unzähligen Tellerminen der Kuhfladen aus. Offensichtlich waren die Tiere alle auf demselben Pfad unterwegs.

Ich hielt mich strikt an die gelben Markierungen, doch mit der Zeit wurde der Boden immer katastrophaler. Es hatte in den vergangenen Tagen geregnet, und da auch die Kühe diese Pfade nutzen, war der Weg völlig zertreten. An vielen Stellen hatte sich zusammen mit dem Wasser eine fiese, meterlange Schlammpiste gebildet. Ich versuchte so gut es ging auszuweichen und von Stein zu Stein zu tänzeln, um festen Untergrund zu finden. Aber in einer Senke erwischte es mich dann doch: Ich sprang auf einen Stein, verlor den Halt, rutschte ab und versank mit dem Fuß rund 40 Zentimeter tief in einem Schlammloch. Der Schuh war vollkommen überzogen mit Matsch, die Socke durchtränkt, das Schienbein bis zur Hälfte dreckig. Leise fluchend versuchte ich, nicht noch weiter hinzufallen, und reinigte meine Schuhe auf den nächsten Metern so gut es eben ging.

Der nächste Abschnitt bestand aus einem etwa 20 Meter langen und nur 30 Zentimeter breiten Pfad, rechts und links dichte Dornenhecken. Ausweichen unmöglich, der Weg bestand nur aus aufgeweichtem Schlamm. Ich versuchte erneut, von festem Punkt zu festem Punkt zu gehen, rutschte jedoch gnadenlos weg und landete diesmal mit dem anderen Fuß etwa 50 Zentimeter tief im Schlick. Vor lauter Schreck versuchte ich nach Halt zu greifen – ausgerechnet direkt in die Dornenhecke – und landete auf einem Stein. Erst später bemerkte ich, dass mir bei dieser Aktion das Case meiner AirPods kaputtgegangen war. Ein Glück, dass ich in dem Moment wenigstens mein Telefon nicht in der Hand hielt!

Am nächsten Strand ging ich sofort hinunter ans Wasser. Schuhe aus, Socken aus. Ich wusch mir die Beine, die bis zu den Knien verdreckt waren, reinigte die Schuhe so gut es ging und wechselte die Socken. Da die Schuhe von innen nass waren, tapte ich meine Füße bei der nächsten Gelegenheit großzügig ab, um mir keine Blasen zu laufen. Dementsprechend langsam kam ich auf diesem Abschnitt voran. Nach einem Kaffee ging es weiter.

Kurz darauf kam ich an dem Campingplatz vorbei, der terrassenförmig über einem kleinen Strand liegt. Dieser Anblick hatte mich schon vor vier Jahren beeindruckt. Trotz des Regens blieb ich für ein paar Minuten stehen und genoss einfach die Ruhe und Natur.

Hinter dem Campingplatz ging es wieder steil bergauf und danach bog ich in den Nationalpark vor Llanes ein, um die Bufones de Arenillas zu passieren. Das sind natürliche Kalksteinkamine in den Klippen, durch die das Meerwasser bei entsprechendem Wellengang wie ein Geysir nach oben gepresst wird. Eigentlich ein sehr schöner Abschnitt, an dem man gerne verweilen würde. Da es aber mittlerweile in Strömen regnete, ein kalter Wind blies und ich mit meinen nassen Füßen nun auch noch von oben nass wurde, zog ich lieber zügig weiter.

Aus dem Nationalpark heraus ging es dann wieder auf die Straße. In Pendueles gab es noch mal einen wärmenden Kaffee, bevor ich mich an die letzten Kilometer nach Llanes machte.

Gegen 12:00 Uhr erreichte ich die Stadt, gerade rechtzeitig, um vor dem nächsten Wolkenbruch in Sicherheit zu kommen. Ich konnte mein Quartier schon beziehen. Morgen werde ich einen Ruhetag einlegen, die Füße schonen, Wäsche waschen und mich ausruhen. Die Entscheidung ist mittlerweile gefallen: Ich bleibe an der Küste und wechsle nicht auf den Primitivo. Aktuell plane ich, am Donnerstag nach Piñera zu gehen, am Freitag nach La Isla und am Samstag nach Villaviciosa. Von dort nehme ich den Zug oder Bus nach Avilés und überspringe Gijón. Genaueres überlege ich mir aber morgen.

Trotz des Wetters und des Schlamms war es ein schöner Tag. Und ganz ehrlich: Ich bin erstaunlich ruhig geblieben. Normalerweise ärgere ich mich über solche Missgeschicke, aber das war heute gar nicht der Fall. Es ist passiert, ich habe mich kurz abgeschüttelt und einfach eine Lösung für das Problem gesucht. So langsam habe ich das Gefühl, dass meine Gelassenheit zurückkehrt. Mit kühlem Kopf schwierige Situationen zu meistern – genau darauf kommt es an. Eine wichtige Eigenschaft, die ich auch in Zukunft gut gebrauchen kann.

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