Die Nacht in Navia war eher von der unerquicklicheren Sorte. Unruhig, unbequem, wenig erholsam – also genau die Art Nacht, nach der man morgens um fünf wach ist und kurz überlegt, ob man überhaupt noch von Schlaf sprechen darf oder ob es eher ein horizontal verbrachter Zustand war. Ich stand jedenfalls auf, machte mich fertig und war um sechs Uhr unterwegs. Geplant waren 20 Kilometer, geworden sind es am Ende 27, was auf dem Camino ungefähr so überraschend ist wie Regen in Asturien: Man nimmt es zur Kenntnis und läuft weiter.






Es war einer der letzten Tage an der Küste, und das merkte man sofort. Weniger brutale Aufs und Abs, weniger Höhenmeter, dafür von Anfang an schöne Ausblicke und dieses besondere Gefühl, dass das Meer einen noch einmal freundlich begleitet, bevor sich der Weg bald ins Landesinnere verabschiedet. Anfangs war zwar noch relativ viel Asphalt dabei, aber das störte mich heute erstaunlich wenig. Vielleicht, weil ich wusste, dass dieser Küstenabschnitt nicht mehr oft kommen würde. Vielleicht auch, weil ich heute ganz bewusst jede schöne Gelegenheit für eine Pause genutzt habe, fast so, als wollte ich den Tag nicht einfach nur gehen, sondern ein wenig festhalten.








Nach einer Pause in La Caridad saß ich ungefähr eine halbe Stunde in der Sonne, und schon das allein fühlte sich beinahe luxuriös an. Danach ging es weiter Richtung Küste, und je näher ich dem Meer wieder kam, desto mehr bekam der Tag etwas Leichtes. Am Strand von La Franca bin ich dann tatsächlich wieder hinunter ans Wasser gegangen, genau wie schon vor vier Jahren. Diesmal allerdings mit einem kleinen Zuwachs an Vernunft: Ich habe vorher geprüft, wie die Tide verläuft. Es war ablaufendes Wasser, Ebbe stand an, also kein Grund, heldenhaft von Wellen überrascht zu werden. Also Rucksack ab, Schuhe aus und hinein ins Meer.




Das Wasser war, wie sich das für diese Gegend gehört, ausgesprochen kalt. Also nicht einfach nur frisch, sondern von der Sorte kalt, die dem Körper innerhalb von Sekunden klarmacht, dass er in Wahrheit ein Wesen für beheizte Räume und warme Getränke ist. Und trotzdem war es großartig. Ich habe es sehr genossen. Danach ging es barfuß wieder hoch, durchs Gras zum Kiosk, wo ich mir ein alkoholfreies Bier kaufte – eine dieser Kleinigkeiten, die auf dem Camino plötzlich einen fast feierlichen Charakter bekommen. Ich hängte meine Hängematte auf, döste ungefähr eine halbe Stunde in der Sonne und hatte für einen Moment das Gefühl, genau dort zu sein, wo ich sein sollte: zwischen Meer, Himmel und dem angenehmen Nichtstun eines selten wirklich freien Augenblicks.

Gegen ein Uhr ging es weiter. Es waren nur noch ungefähr acht Kilometer bis Tapia de Casariego, und die Strecke dazwischen war genau richtig für diesen Tag: immer wieder schöne Küstenabschnitte, dazwischen Asphalt oder Feldwege, nichts Spektakuläres, aber genau diese stille Schönheit, die einen Weg angenehm rund macht. Gegen 14:30 Uhr erreichte ich Tapia, checkte im Hotel ein, duschte und legte mich erst einmal hin. Aus diesem kurzen Hinlegen wurden fast zwei Stunden Schlaf, was vermutlich alles über meinen tatsächlichen Energiezustand sagt. Offenbar war ich deutlich müder, als ich mir unterwegs eingestehen wollte.
Am Abend besorgte ich mir etwas zu essen, setzte mich an den Strand, aß in Ruhe, genoss die Sonne und ließ das Meer noch einmal auf mich wirken. Es war einer dieser seltenen Abende, an denen nichts Besonderes passieren muss, damit er sich trotzdem besonders anfühlt. Später traf ich mich noch mit anderen Pilgern in einer Sidrería, und nach dem Essen zog es mich tatsächlich noch einmal zurück ans Wasser. Ich sah mir den Sonnenuntergang an, ließ den Tag ausklingen und ging dann schlafen. Ein stiller, voller, sehr guter Küstentag.






Morgen geht es über Ribadeo nach Mondoñedo. Eigentlich wäre die Strecke am Stück kaum vernünftig zu bewältigen, zumal mehrere Herbergen geschlossen sind oder keine Betten mehr haben. Da insgesamt etwa 50 Kilometer zusammenkämen, werde ich ungefähr die Hälfte mit dem Bus zurücklegen. Anders ist es diesmal schlicht nicht machbar. Morgen also die letzten Abschnitte am Meer, dann geht es ins Landesinnere. Der Plan steht – und jetzt hoffe ich, dass der Camino ihn ausnahmsweise einmal genauso akzeptabel findet wie ich.

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