Heute ging es von Querúas nach Navia, insgesamt 27 Kilometer, und der Tag begann so schön, dass man beinahe misstrauisch werden konnte. Der Start um 6 Uhr war jedenfalls goldrichtig, denn ich fühlte mich deutlich energiereicher als noch gestern. Gleich zu Beginn gab es diese herrlichen Blicke auf den Strand, dazu den Sonnenaufgang und erfreulich wenig Drama in Sachen Höhenmeter.




Natürlich ging es auch heute wieder ein paarmal hinauf und hinunter – der Camino del Norte will ja nicht, dass man übermütig wird –, aber bis auf einen etwas größeren Anstieg hielt sich alles angenehm im Rahmen.
Noch vor 9 Uhr war ich bereits in Luarca und konnte dort erst einmal Kaffee trinken und meine Vorräte auffüllen. Luarca ist eine dieser Städte, die wirken, als hätte man sie mit leichter Hanglage und viel Sinn für Dramaturgie direkt ans Meer gesetzt.

Man steigt hinunter in den Hafen, vorbei an Häusern, die sich an die Hänge schmiegen, und weiß eigentlich schon, dass man auf der anderen Seite alles wieder hinaufmuss. Aber solche kleinen Bosheiten der Topografie erschrecken mich mittlerweile nun wirklich nicht mehr. Eher im Gegenteil: Sie gehören hier inzwischen fast schon zum guten Ton.
Hinter Luarca führte der Weg über Nebenstraßen sowie Feld- und Waldwege weiter, also angenehm abwechslungsreich, wenn auch mit der inzwischen vertrauten, eher spärlichen Versorgungslage. Dort kam ich auch an jenem Abschnitt vorbei, der mir 2022 noch in recht lebhafter Erinnerung geblieben war. Damals war ich auf einer sogenannten Alternativroute unterwegs, die am Ende mehr Abenteuer als Weg war und mich durch einen Entwässerungstunnel und durchs Gestrüpp zurück auf die eigentliche Strecke zwang. Inzwischen gibt es diese Variante offenbar nicht mehr, was vermutlich ein stiller Sieg der Vernunft ist.

Der reguläre Weg war heute breit und steinig und eigentlich gut zu gehen. Irgendwann war ich allerdings kurz abgelenkt, weil ich nach einem Abzweig suchte, trat auf einen größeren Stein, knickte um und stürzte. Zum Glück ist nichts weiter passiert. Ich konnte direkt wieder weiterlaufen, was in solchen Momenten ja schon fast als kleines Wunder durchgeht. Den gesuchten Abzweig fand ich dann auch noch, nahm ihn – und bereute das fast sofort wieder. Der Abschnitt war schlecht gepflegt, teilweise überwuchert, und am Ende musste ich sogar noch ein wenig klettern. Es ging alles gut, aber es war wieder so ein klassischer Camino-Moment, in dem man sich fragt, ob „offizieller Weg“ und „wirklich gute Idee“ zwangsläufig dasselbe sein müssen.

In Villapedre hatte ich auf eine Taverne gehofft, aber die war leider geschlossen, die nächste gleich mit. Villapedre selbst ist eher einer dieser stillen Orte, die nicht viel Aufhebens um sich machen und durch die man fast automatisch etwas langsamer geht. Also nahm ich einen Umweg in Kauf, nur um endlich irgendwo einkehren zu können. Kaum saß ich dann mit Essen und Trinken im Trockenen, begann es draußen heftig zu regnen. Ich sah mir das Schauspiel mit einer gewissen Gelassenheit an und beschloss, dass heute ganz sicher nicht ich dem Regen hinterherlaufe, sondern der Regen sich bitte erst einmal austoben darf. Etwa eine Stunde später war das Gröbste vorbei, und ich konnte in Ruhe weitergehen.

Der Rest des Weges verlief relativ unspektakulär, was nach Sturz, Kletterei und Regenpause fast schon angenehm war. Gegen 14:30 Uhr erreichte ich Navia. Die Stadt wirkt mit ihrer Lage am Fluss und der Nähe zum Meer fast ein wenig wie ein Ort, der zwischen zwei Welten lebt: nicht mehr ganz Hafen, nicht nur Durchgang, sondern ein Platz, an dem man durchaus kurz bleiben möchte. Für mich wartete dort allerdings vor allem die Erkenntnis, dass es dieselbe Herberge ist wie 2022 – und, soweit ich das beurteilen kann, vermutlich auch dieselben Matratzen. Manche Dinge altern nicht, sie ergeben sich einfach ihrem Schicksal.
Morgen geht es weiter nach Tapia de Casariego, und es sind nur etwa 20 Kilometer. Eine Herberge gibt es dort leider nicht mehr, deshalb wartet ausnahmsweise wieder ein Hotelzimmer auf mich. Tapia de Casariego hat mit seiner Lage direkt am Atlantik und seinem Küstencharme genau das Zeug zu einem Ort, an dem man gern etwas länger bleiben würde. Ich hoffe deshalb sehr, dass das Wetter mitspielt, denn morgen hätte ich wirklich Lust, nicht nur anzukommen, sondern auch einmal ein wenig Zeit am Strand zu verbringen. Nach den letzten Tagen wäre das fast schon dekadent – und damit vermutlich genau richtig.

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