Die vorletzte Etappe. Allein dieser Gedanke hat heute Morgen schon irgendwie anders geklungen als sonst. Ich hatte mich für die neue Route von Boimorto direkt nach Lavacolla entschieden, auch weil für heute wieder ordentlich Hitze angekündigt war und ich das meiste davon schlichtweg umgehen wollte. Die Nacht war erfreulich ruhig, also stand ich pünktlich um 5 Uhr auf, absolvierte meine inzwischen fast blind funktionierende Morgenroutine und war bereits um 5:55 Uhr abmarschbereit auf der Strecke.
Der Morgen war frisch, still und fast ein wenig feierlich. Zunächst ging es hauptsächlich an der Straße entlang, was landschaftlich nun nicht unbedingt in die Kategorie „romantischer Höhepunkt des Jakobswegs“ fällt, aber dafür war es wunderbar ruhig. Keine anderen Pilger, kein großes Gewusel, nur ich, der Weg und diese eigentümliche Klarheit, die so ein früher Morgen mit sich bringt. Ich kam unglaublich gut voran. Mein Körper hat inzwischen eine erstaunliche Effizienz entwickelt – die Beine schienen fast von allein über den Weg zu fliegen, das Tempo war hoch, und man kann nach all den Wochen mit einiger Berechtigung sagen: Der Pilger läuft inzwischen wie ein exzellent geöltes Uhrwerk.


Nach dem ersten längeren Straßenabschnitt folgte dann ein wirklich schöner Waldteil, und dort wurde der Weg auf einmal ganz anders. Ruhiger, weicher, fast schon versöhnlich. Es waren diese stillen Kilometer, in denen man nicht dauernd etwas erleben muss, weil das Gehen selbst schon genug ist. Viel Zeit zum Nachdenken, zum Sortieren, zum inneren Ankommen. So kurz vor Santiago verändert sich ohnehin etwas. Man läuft nicht mehr einfach nur auf ein Ziel zu, sondern irgendwie auch schon ein wenig in sich selbst hinein.




Nach fast 20 Kilometern erreichte ich die große Hauptstraße. Dort zog plötzlich Nebel auf, was der Szenerie etwas Überraschendes gab, denn eigentlich war ja Hitze angesagt. An dieser Straße sollte es auch ein Lokal geben, also legte ich dort meine erste Pause ein. Das Lokal hatte tatsächlich geöffnet, allerdings gab es außer Kaffee nichts zu essen. Also holte ich mein restliches, dezent angestaubtes Baguette hervor und begann, es in den Kaffee zu tunken – jene Form der kulinarischen Improvisation, bei der man selbst kurz innehält und sich fragt, an welchem Punkt genau das hier zu einer völlig akzeptablen Frühstückslösung geworden ist. Offenbar wirkte ich dabei recht mitleiderregend, denn die Besitzerin kam noch einmal heraus und brachte mir ein Toast mit Marmelade. Ich nahm es dankbar entgegen, aß es mit großer Wertschätzung, bezahlte und ließ reichlich Trinkgeld da. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis auf dieser neuen Route regelmäßig Pilgermassen einkehren. Umso schöner, dass sie so aufmerksam war.






Danach ging es weiter. Noch zwölf Kilometer bis Lavacolla. Ich zog mein ohnehin schon flottes Tempo noch einmal an, denn der Nebel begann sich bereits aufzulösen und die Sonne meldete ihre Ansprüche an. Glücklicherweise musste ich nicht direkt an der Straße laufen, sondern konnte auf einem geschotterten Weg daneben gehen. Gegen 10:45 Uhr erreichte ich dann den großen Santiago-Stein am Flughafen, und schon von weitem waren sie zu sehen: die bunten Pilgermassen. Dieser Anblick hatte etwas Seltsames. Einerseits ist man fast da, andererseits stört dieses laute Gewusel nach all den stillen Tagen fast ein wenig – besonders, wenn zwischen echten Pilgern und den frisch parfümierten „Touregrinos“, die nur für die letzten paar Kilometer aus dem Bus hüpfen, kaum noch ein Unterschied zu erkennen ist.

Aber egal, auch das gehört zum großen Finale dazu. Ich zog weiter, vorbei an den Gruppen, und gönnte mir in der Taverne Porta de Santiago etwas Kühles zu trinken und eine kurze Rast. Dann zog es mich endgültig Richtung Ziel. Die letzten zwei Kilometer waren erstaunlich schnell geschafft, und es war fast schon irritierend, wie wenig mir die beiden recht steilen Aufstiege am Ende noch ausmachten. Ich musste mein hohes Tempo nicht mal großartig drosseln – der Körper macht bei diesem Spiel jetzt einfach professionell mit.

Gegen 12 Uhr erreichte ich Lavacolla, bezog mein Quartier, ging duschen und legte mich hin. Ich glaube, ich war kaum richtig im Bett, da war ich auch schon eingeschlafen. So ein früher Start und die innere Spannung kurz vor Santiago holen sich ihren Tribut offenbar auf sehr direkte Weise.
Am Abend traf ich mich noch mit einigen anderen Pilgern. Wir saßen draußen an der Herberge, redeten eine ganze Weile und ließen den Tag gemeinsam ausklingen. Es war eine schöne, ruhige Stimmung. Danach zog ich mich in mein Quartier zurück, um noch diese Zeilen zu schreiben, bevor ich mich schlafen lege.
Morgen geht es noch einmal früher raus. Die Herausforderung lautet: zum Sonnenaufgang in Santiago sein! Ein schöner, fast schon filmreifer Plan. Mal sehen, ob ich ihn hinbekomme.

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