Fão – Viana do Castelo, 18. Juni 2018
Es gibt Tage auf dem Camino, die man plant. Und dann gibt es Tage, die sich selbst planen. Meistens ohne Rücksicht auf die eigenen Knie.
Die Nacht war kurz. Einer meiner Zimmergenossen hatte offenbar beschlossen, im Schlaf einen ganzen Wald zu roden. Kein gewöhnliches Schnarchen, sondern eine Leistung, für die man eigentlich einen Försterpreis hätte vergeben müssen. Rhythmisch, ausdauernd, erschütternd. Ohrstöpsel? Zwecklos. Um sechs Uhr hatte ich genug. Rucksack gepackt, Tür leise zugezogen, raus in die kühle Morgenluft.
Mein Plan war simpel: Mit dem Bus die 7,6 Kilometer überbrücken, die wir gestern nicht mehr geschafft hatten, und dann zu Fuß weiter. Und ich wollte wieder allein laufen. Gesellschaft ist schön, keine Frage. Sie verkürzt die Zeit und füllt die Stille. Aber sie verlangt Kompromisse. Sie nimmt einem die Freiheit, einfach stehen zu bleiben und zu schauen, wenn einem danach ist. Heute wollte ich meinen eigenen Rhythmus. Keine Absprachen, nur meine Schritte und meine Gedanken.



Über die Brücke ging es hinüber nach Esposende, und der Weg dorthin war ernüchternd. Tankstellen, Bushaltestellen, Landstraße. Immerhin: Es war Montag, und die Infrastruktur hatte wieder geöffnet. Frühstück ließ sich auftreiben, was den Morgen sofort freundlicher stimmte.
In Esposende fiel dann die eigentliche Entscheidung.
Ich stand an der Bushaltestelle, wälzte Karten und Fahrpläne und suchte eine Verbindung, die sich nicht nach Schummeln anfühlen würde. Da hielt ein Bus nach Viana do Castelo. Direkt. Eine Stunde, und ich wäre am Ziel. Ich zögerte. Der Bus stand da, die Türen offen, der Fahrer sah mich mit der gelassenen Gleichgültigkeit eines Menschen an, der schon alles gesehen hat. Einsteigen oder nicht.
Ich rührte mich nicht.
Der Bus fuhr ab. Ich blieb stehen und merkte, dass ich grinste. Warum eigentlich? Ich hätte mir eine Stunde ersparen können. Aber irgendetwas an diesem Verzicht fühlte sich richtig an, als gehöre genau das zum Wesen des Weges. Ich lief los.


Der Weg durch Esposende war städtisch. Keine romantischen Holzstege, kein Meeresrauschen, dafür ein modernes Hotel im Hygge-Stil, mit Fahnen vor der Tür, und ein flüchtiger Blick auf Hafen und Festung. Ich wusste, dass mich die gelben Pfeile bald ins Landesinnere leiten würden. Das wollte ich nicht. Also bog ich ab. Richtung Küste.
Und tatsächlich: ein neuer Holzsteg, der offenbar eines Tages einen Küstenweg erschließen soll. Das Problem: Er war noch im Bau. Nach etwa zwei Kilometern hörte er einfach auf, als hätte jemand Feierabend gemacht und vergessen wiederzukommen. Vor mir lagen Sandwege, Feldwege und Pflastersteine, die aussahen, als hätte sie seit dem 16. Jahrhundert niemand mehr betreten. Meine Füße legten sofort und unmissverständlich Protest ein.



Zwei Dinge wurden mir langsam bewusst.
Erstens: Ich war hier vollkommen allein. Keine Pilger, keine Einheimischen, keine Menschenseele. Nur Wind, Sand und hin und wieder der Schrei einer Möwe, die vermutlich selbst nicht wusste, wo sie hinwollte. Zweitens: Meine Wasserflasche wurde beunruhigend leicht. Die nächste Siedlung lag laut Karte etwa fünf Kilometer entfernt. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterzulaufen.
Ich hatte mir heute Morgen Einsamkeit gewünscht. Der Camino hatte offenbar zugehört. Und ein bisschen übertrieben.
Nach zwei weiteren Stunden durch sandiges, menschenleeres Niemandsland erreichte ich einen Campingplatz. Kein Laden. Kein Kaffee. Nur ein Wasserhahn, an dem ich meine Flasche mit Leitungswasser füllen konnte. Ich nahm, was ich bekam.
Der Reiseführer versprach im nächsten Ort eine bekannte Taverne, einen Fixpunkt für Pilger. Ich lief den Berg hinauf, vorbei an verwitterten Schildern, die einst Wegweiser gewesen waren und jetzt eher philosophische Fragen aufwarfen. Ich bog um die letzte Kurve und sah das Gebäude schon von Weitem.
Geschlossen. Zu verkaufen. Aufgegeben.
In diesem Moment stieg ein altes Lagerfeuerlied in mir auf. Eines dieser Wanderlieder, die man nie wieder vergisst, weil sie so schlicht und so wahr sind. Es erzählt Strophe für Strophe von Freunden auf Wanderschaft, und jede Strophe wird ein bisschen mühsamer. Erst ist die Wiese grün. Dann brennt die Sonne. Dann, endlich, kommt eine Kneipe in Sicht. Und dann folgt die grausamste Strophe der gesamten deutschen Lagerfeuerkultur: Die Kneipe hat zu.
Jetzt stand ich mittendrin in dieser Strophe.
Ich setzte mich in den Schatten des verlassenen Gasthauses, streckte die Beine aus, die Wasserflasche halb leer, und musste trotz allem lachen. Wer hätte gedacht, dass mich dieses Lied einmal so treffen würde? Der Camino hat eine eigentümliche Fähigkeit, alte Dinge wieder lebendig zu machen.
Nach einer kurzen Pause und intensivem Kartenstudium machte ich mich auf die Suche nach einer Brücke. Irgendwo musste der Rio Neiva ja zu überqueren sein. Die Karte deutete etwas an, das wie eine Brücke aussah. Ich lief los. Zuversichtlich, zielstrebig, in die falsche Richtung.
Nach einer Weile kam mir die Gegend verdächtig bekannt vor. Das verwitterte Schild. Die Biegung. Das verlassene Gasthaus.
Ich war im Kreis gelaufen. Auf meiner Aufzeichnung sieht man das bis heute: eine kleine, stolze Schleife.
Also den Berg noch einmal hinauf. Diesmal fand ich oben eine kleine Taverne, die tatsächlich geöffnet hatte, bestellte Wasser und fragte nach der Brücke. Ein älterer Mann nickte, zeigte in eine Richtung und sagte etwas auf Portugiesisch, das ich nicht vollständig verstand. Aber in seinem Ton lag eine beruhigende Gewissheit. Kein Umweg von sieben Kilometern. Es gab tatsächlich eine Brücke.
Zwei Kilometer später sah ich sie: schmal, aus flachen Steinplatten, halb im Grün versteckt, über einen ruhigen Fluss gelegt. In diesem Moment war sie das schönste Bauwerk der Welt. Schöner als jede Kathedrale, schöner als jede Aussicht. Sie bedeutete: Ich komme weiter.
Erst viel später kam die Reue. Da lag ein klarer, stiller Fluss unter mir, Steine im Wasser, Grün an beiden Ufern, und weit und breit kein Mensch. Ich hätte die Schuhe ausziehen und die Füße ins Wasser halten können. Ich hätte mich einfach hinsetzen und schauen können. Stattdessen habe ich die Brücke abgehakt wie einen Punkt auf einer Liste und bin weitergelaufen. Dabei war genau das heute Morgen mein Plan gewesen: allein laufen, damit ich stehen bleiben und schauen kann, wann immer mir danach ist. Und dann, als es so weit war, bin ich gelaufen wie einer dieser Turbo-Pilger, über die ich mich zwei Tage lang gewundert hatte.


Jetzt hatte ich wieder die Wahl: zurück auf den offiziellen Camino oder Richtung Küste. Ich entschied mich für die Küste. Ich wusste, dass es bis zum Meer noch ein gutes Stück war, aber das war es mir wert. Durch Niemandsland, vorbei an Ruinen, erreichte ich schließlich wieder den Atlantik.
In Pedra Alta entdeckte ich sogar einen Briefkasten. Es war inzwischen nach 13 Uhr, also kehrte ich im nahen Fischrestaurant ein, um Rast zu machen, Karten zu schreiben und eine Kleinigkeit zu essen. Obwohl ich seit sieben Uhr nichts gegessen hatte, war mein Hunger klein. Eine Suppe und etwas Salat reichten. Faszinierend war trotzdem, dem Koch in der offenen Küche zuzusehen. In einem Becken krabbelten Hummer und Langusten, auf einem Tablett türmten sich Garnelen, und alles war ganz offensichtlich fangfrisch. Ich aß meine Suppe und fühlte mich wie jemand, der im Feinkostladen nur ein Brötchen kauft.



Von hier aus waren es noch 15 Kilometer. Sie wurden die schwersten des Tages.
Sanddünen, unwegsames Gelände, kilometerlange Strandabschnitte ohne Weg, ohne Wegweiser, ohne Alternative. Der Kilometerzähler zeigte längst Zahlen, über die ich lieber nicht nachdachte. Irgendwann musste ich einen kleinen Bach überqueren, mit Rucksack und allem. Ich versuchte es elegant. Die Wirklichkeit sah anders aus. Die Schuhe wurden nass. Und ich verstand wieder einmal, warum gutes Schuhwerk auf dem Camino keine Frage des Komforts ist, sondern der Vernunft.
Den Campingplatz am Rand von Viana do Castelo erreichte ich mit über 29 Kilometern auf dem Zähler. Und dann, als wäre das nicht genug: noch fünf Kilometer bis zum Hotel. Ich befand mich in einem Zustand, den man wohl am besten als trotziges Weitermachen beschreibt. Kein Wille mehr, keine Begeisterung. Nur noch die stumpfe Entschlossenheit eines Menschen, der weiß, dass Aufhören auch keine Lösung ist.
Dann die Ponte Eiffel. Gut 600 Meter Eisen über den Rio Lima, gebaut von dem Mann, der später den berühmtesten Turm der Welt errichten sollte. In einem anderen Leben, an einem anderen Tag, wäre ich stehen geblieben und hätte sie bewundert.
Heute schob ich einen Fuß vor den anderen, der Wind zerrte an mir, und ich dachte an genau gar nichts.







Nach fast zehn Stunden erreichte ich das Hotel. Müde, verschwitzt, erschöpft. Und unendlich froh, vorgebucht zu haben. Wie ich später von anderen Pilgern hörte, war die Herberge längst voll gewesen. Irgendwo zwischen Sandwegen und geschlossenen Tavernen hatte ich also doch eine gute Entscheidung getroffen.
Bilanz der dritten Etappe: Reiseführer sind Literatur, keine Mathematik. Wer die echten Kilometer aufschreibt, riskiert, dass niemand mehr mitkommt. Heute waren es mehr als 36 Kilometer, durch Einsamkeit, Sand, Umwege und über einen Fluss, der sich nicht so einfach überqueren ließ.
Und ja: Ich bin ein bisschen stolz darauf.
Meine Füße hassen mich. Ich versuche, das zu ignorieren.
Buen Camino.
Wissenswertes
- Die Ponte Eiffel in Viana do Castelo wurde 1878 eröffnet und von Gustave Eiffels Firma gebaut, Jahre vor dem Eiffelturm. Sie ist rund 645 Meter lang und hat zwei Ebenen: oben die Straße, unten die Eisenbahn.
- Die Basilika Santa Luzia thront auf dem Hausberg von Viana. Ihr Vorbild ist Sacré-Cœur in Paris, hinauf führen eine Standseilbahn und viele Stufen. Von oben gilt der Blick über die Lima-Mündung als einer der schönsten Portugals.
- Viana do Castelo ist berühmt für seinen Goldfiligran-Schmuck, besonders das Herz von Viana, und für die Romaria der Senhora d’Agonia im August, eines der größten Volksfeste Portugals.
- Pedra Alta an der Küste von Castelo do Neiva ist ein kleiner Fischerort. Die Restaurants dort leben vom Fang des Tages, Hummer und Langusten inklusive.
