Vor Sonnenaufgang ins Bergland
Nach einem wirklich guten Community Dinner ging es gestern erfreulich früh ins Bett. Ich hatte meine Sachen schon weitgehend gepackt, war todmüde und wollte eigentlich nur noch schlafen. Eigentlich. Denn wie so oft auf dem Camino hat das Wort „Nachtruhe“ mit der Realität einer Pilgerunterkunft nur entfernt zu tun. Vor 22:00 Uhr war an Schlaf kaum zu denken, weil rundherum noch reichlich Betrieb herrschte und einige Pilger dem Abend offenbar deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet hatten als der Bettruhe. Wirklich still wurde es also nicht, und wirklich erholsam war die Nacht ebenfalls nicht. Mit 18 Menschen in einem Raum kommt zuverlässig alles zusammen, was ein Schlaflabor zur Verzweiflung treiben würde: Schnarchen, Rascheln, Atmen, Hüsteln und eine Luft, die man eher kauen als einatmen konnte.
Gegen fünf Uhr war die Nacht für mich endgültig vorbei, um 5:30 Uhr stand ich auf. Bis ich alles zusammengesucht, meine Füße versorgt, den Rucksack gepackt und jedes wichtige Kleinteil kontrolliert hatte, war es 6:30 Uhr. Für solche Morgenrituale brauche ich mittlerweile bewusst Zeit. Auf dem Camino lernt man schnell, dass fünf Minuten Nachlässigkeit am Morgen sich am Nachmittag gern in Form von Schmerzen, Blasen oder allgemeiner Verzweiflung zurückmelden. Der frühe Aufbruch hatte aber seinen ganz eigenen Zauber. Es war noch kurz vor Sonnenaufgang, die Luft frisch, die Welt still, und außer Vogelstimmen war fast nichts zu hören. Dadurch, dass ich die letzten Kilometer hinter Deba am Vortag schon ausgelassen hatte, konnte ich heute direkt mit dem eigentlichen Geschäft des Tages beginnen: bergauf.
Ein stiller, harter Morgen
Zunächst wartete der lange Aufstieg mit rund 500 Höhenmetern, der auf dieser Etappe zum klassischen Inventar gehört. Der Abschnitt zwischen Deba und Markina-Xemein ist auf dem Camino del Norte nicht ohne Grund berüchtigt: viel Natur, viel Einsamkeit, viele Höhenmeter und über lange Strecken praktisch keine Infrastruktur. Wer hier unterwegs ist, sollte genug Wasser, Geduld und ein halbwegs stabiles Verhältnis zum eigenen Kreislauf mitbringen. Gerade dieses ständige baskische Auf und Ab ist es, was den Norte so besonders und gleichzeitig so fordernd macht. Man wandert hier nicht einfach von Ort zu Ort, man wird zwischendurch regelmäßig daran erinnert, dass das Land selbst ein Mitspracherecht hat.

Die Bedingungen waren heute allerdings gnädiger als befürchtet. In der Nacht hatte es kräftig geregnet, deshalb war der Boden zwar feucht, aber nicht so unerquicklich, wie ich es erwartet hatte. Trotzdem zog mich das Gewicht des Rucksacks Schritt für Schritt zurück, und mit jedem Meter bergauf wurde das Ganze anstrengender. Merkwürdigerweise auf eine Weise, die ich sogar genoss. Vielleicht, weil ich durch den frühen Start fast allein unterwegs war. Keine Gespräche, kein Überholen, kein touristisches Geschnatter, sondern nur der Weg, die Vögel und dieses eigentümliche Gefühl, dass man morgens um halb sieben in den Bergen plötzlich wieder zu einer sehr einfachen Version seiner selbst wird: gehen, atmen, weitergehen.




Die Sache mit den Einlagen
Weniger poetisch wurde es dann bei meinen Schuhen. Ich hatte gestern die zweifelhafte Idee, die Einlagen herauszunehmen und durch Ledersohlen zu ersetzen. Das klang in der Theorie vermutlich durchdacht und vernünftig, entpuppte sich in der Praxis aber als eine dieser Entscheidungen, die man sehr schnell in die Kategorie „unnötige Experimente unter Last” einsortiert. Relativ bald merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Als ich an einer Sitzgelegenheit anhielt und nachsah, zeigte sich das Problem: Von einer der ursprünglichen Einlagen war der vordere Teil abgerissen und klebte noch im Schuh fest. Das erklärte schlagartig, warum es insbesondere am linken Fuß so merkwürdig drückte.
Mit einigem Gefummel und nicht gerade wenig Geduld gelang es mir, die Reste aus dem Schuh zu entfernen und die Ledersohle wieder halbwegs vernünftig einzusetzen. Prompt lief es sich einen kurzen Moment etwas besser. Einen kurzen Moment. Denn nach wenigen Kilometern meldeten sich wieder Schmerzen im Vorfuß, und dazu kam ein weiteres, eigentlich vorhersehbares Problem: Leder nimmt keine Feuchtigkeit auf. Wer schwitzt, und auf einem solchen Anstieg schwitzt man zuverlässig, bekommt nasse Füße. Nasse Füße wiederum sind auf dem Camino so ziemlich das Zuverlässigste, was man tun kann, wenn man Blasen produzieren möchte.
Zum Glück hatte ich noch meine orthopädischen Sohlen im Rucksack. Bei der nächsten Pause setzte ich diese ein, und tatsächlich: Prompt lief es sich spürbar besser. Es ist schon erstaunlich, wie sehr ein paar Millimeter Material über Wohlbefinden oder stille Wutanfälle entscheiden können. Eine kleine, aber wichtige Lektion für den Rest des Weges: Experimente mit Schuhwerk gehören nach Hause, nicht auf den Norte.
Camino-Magie mit irischem Akzent
Umso erfreulicher war, dass der Vormittag nicht nur anstrengend, sondern auch schön war. Oben angekommen zeigte sich die Sonne, und wider Erwarten blieb der angekündigte Regen zunächst vollständig aus. Die Stimmung hob sich entsprechend schnell. Irgendwo unterwegs traf ich auf ein Paar aus Irland, und wir gingen gemeinsam bis nach Markina-Xemein. Wir unterhielten uns gut, leicht und selbstverständlich, so wie das auf dem Camino oft geschieht. Über größere und kleinere Dinge, über das Unterwegssein, über Etappen und über die Frage, warum man sich das hier eigentlich freiwillig antut.
Bevor es allerdings ins Ziel ging, mussten wir noch gemeinsam einen ausgesprochen brutalen Abstieg nach Markina-Xemein überstehen. Steil, rutschig, technisch unerquicklich und genau von der Sorte, bei der man mehrfach fast fällt und sich am Ende fragt, ob die Knie einem diese Behandlung jemals verzeihen werden. Mit zitternden Beinen erreichten wir schließlich die Stadt und aßen noch zusammen zu Mittag, was nach diesem Abstieg die absolut verdiente Belohnung war.
Beim Abschied stellten wir fest, dass wir während des gesamten gemeinsamen Weges gar keine Namen ausgetauscht hatten. Und trotzdem hatte das Gespräch etwas Vertrautes. Genau das ist wohl ein Teil jener schwer erklärbaren Camino-Magie. Man läuft mit Fremden ein Stück Weg, teilt Gedanken, Müdigkeit und Mittagshunger, und dann trennen sich die Wege wieder, ohne dass das unhöflich oder oberflächlich wirkt. Die beiden erzählten mir noch, dass dies ohnehin ihr vorletzter Tag sei, bevor es zurück nach Irland gehe. Dann zogen wir jeder in seine Richtung weiter.
Rechtzeitig vor dem Gewitter
Nach dem Mittagessen und dem Abschied vom irischen Pärchen führte mein Weg von Markina-Xemein weiter Richtung Zenarruza. Zumindest war das der ursprüngliche Plan. Allerdings rückte das angekündigte Gewitter inzwischen bedrohlich näher. Es war bereits 13:30 Uhr, ich hatte noch rund acht Kilometer vor mir und der Regen war für 14:00 Uhr angekündigt. Selbst ohne mathematische Höchstleistungen ließ sich erkennen, dass das sportlich werden würde.
Also ging ich zunächst einfach weiter und wollte sehen, wie weit ich komme. Nach etwa fünf Kilometern begann es zu donnern, kurz darauf zu regnen, und nach sechs Kilometern regnete es dann richtig. In solchen Momenten verliert die romantische Vorstellung vom heldenhaften Pilgern schnell gegen den gesunden Wunsch, nicht vollständig durchnässt auf irgendeinem Bergpfad zu enden.
Ich entschied daher, nicht mehr bis zum Kloster von Zenarruza weiterzugehen, sondern schon vorher in Bolibar mein Glück zu versuchen. Ein kleiner Ort irgendwo im baskischen Nirgendwo, aber in genau solchen Momenten wirkt selbst das kleinste Dorf wie eine Verheißung. Müde und ziemlich abgekämpft betrat ich zuerst die Taverne, bestellte ein alkoholfreies Bier und erkundigte mich nach der Herberge. Die Wirtin deutete wortlos auf einen Mann am Tresen, rief ihn herbei, und der entpuppte sich tatsächlich als Besitzer der Unterkunft.
Er nahm mich kurzerhand mit, zeigte mir mein Bett, kassierte die 15 Euro und verschwand wieder so zügig, als sei das alles die selbstverständlichste Sache der Welt. Wahrscheinlich war es das auch.

Spontanität statt Reservierung
Nun liege ich hier, die Wäsche ist gewaschen, etwas gegessen habe ich ebenfalls, und im Moment läuft alles auf eine sehr ordentliche Siesta hinaus. Die Herberge ist sauber, angenehm und mit ein paar Pilgern belegt, aber ohne großes Drama. Genau richtig also. Später werde ich vermutlich noch in die Taverne zurückkehren, denn dort sah das Essen ausgesprochen gut und erfreulich bezahlbar aus. Morgen soll es dann wirklich regnen, aber das wird sich zeigen. Auf dem Camino sind Wetter-Apps bekanntlich eher freundliche Vorschläge als belastbare Tatsachen.
Was mir gerade besonders gefällt: Ich komme bislang gut ohne Vorbuchungen aus. Ich ziehe also mehr oder weniger auf gut Glück von Herberge zu Herberge und hatte bisher kein Pech. Vielleicht bleibt das so, vielleicht auch nicht, aber im Moment fühlt sich genau diese Art des Reisens richtig an. Dieses spontane Entscheiden, wo Schluss ist, wie weit die Kräfte tragen und wo man schließlich landet, gehört für mich sehr zum Wesen des Camino. Vorbuchen nimmt zwar Unsicherheit, aber eben auch ein Stück Freiheit. Und gerade diese Freiheit, mitsamt ihrer kleinen Unwägbarkeiten, ist vielleicht einer der wichtigsten Gründe, warum man überhaupt losgeht.
Für morgen ist grob Pouzeta angepeilt. Je nach Wetter, Weg und Laune wird sich zeigen, was daraus wird. Der Camino hat ja bekanntlich die charmante Eigenschaft, auf Pläne höflich zu lächeln und dann doch sein eigenes Ding zu machen.

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