Die Nacht in Santoña war erfreulich ruhig, was nach den akustischen Belastungsproben der vergangenen Tage eine wahre Wohltat war. Pünktlich um 7:00 Uhr standen wir abmarschbereit vor der Tür, allerdings in geschrumpfter Besetzung. Helena und Kiara hatten noch massiv mit den klassischen Pilgerleiden an ihren Füßen zu kämpfen und mussten ihren Start deutlich nach hinten verschieben. So zogen Jan, Inga und ich als Trio los. Wir entschieden uns ganz bewusst gegen die bequeme Route und wählten stattdessen die längere Variante über den Berg, um uns die Strand-Etappe vor Noja nicht entgehen zu lassen.


Der Aufstieg führte zwar nicht in alpine Höhen, war aber tückisch. Der Pfad an der Küste ist extrem schmal, felsig und verlangte uns höchste Konzentration ab. Ich war in jedem Fall unglaublich dankbar, dass es nicht regnete, denn bei Nässe wäre diese Kletterpartie eine ziemlich heikle Rutschbahn geworden. Nach einer guten Dreiviertelstunde Kletterei öffnete sich plötzlich die Landschaft und offenbarte eine absolut fantastische Aussicht auf den endlos scheinenden Sandstrand der Playa de Trengandín. Unten am Wasser angekommen, wurden erst einmal feierlich die Jacken abgelegt, die Rucksäcke neu justiert und dann ging es herrlich entspannt direkt am Meer entlang.






Wer frühmorgens über einen so wunderbaren Strand flaniert, baut unweigerlich Erwartungen für das anschließende Frühstück auf. Noja ist im Hochsommer ein pulsierender Badeort, doch jetzt, am frühen Morgen, präsentierte sich die Stadt als absolute Geisterkulisse. Alles war gnadenlos geschlossen. Kein Café, kein Bäcker, kein Frühstück – einfach nichts. Die Enttäuschung war groß, und so trotteten wir hungrig weiter. Etwa zwei Kilometer hinter der Stadt beschlossen wir, uns kurzzeitig aufzuteilen. Inga wollte ein Stück für sich allein gehen und die Ruhe genießen, während Jan und ich uns auf die unerbittliche Jagd nach dem ersten Kaffee des Tages machten.
Irgendwann wurden Jan und ich glücklicherweise fündig und die Lebensgeister kehrten zurück. Frisch gestärkt nahmen wir das ständige Auf und Ab der kantabrischen Hügel wieder in Angriff. Bei unserer zweiten Pause im Örtchen San Miguel de Meruelo passierte dann das, was auf dem Camino ständig passiert: Die Wege kreuzen sich wieder. Inga spazierte zusammen mit Matteo die Straße entlang, entdeckte uns und die beiden setzten sich prompt zu uns. Aus dem Trio war nun also ein Quartett geworden.
Von San Miguel de Meruelo waren es offiziell noch zwölf Kilometer bis zu unserem Ziel, aber diese Strecke zog sich wie Kaugummi. Es ist das bekannte Phänomen der Pilger-Mathematik: Aus den im Kopf grob veranschlagten 20 Tageskilometern wurden am Ende fast 25, die wir auf dem Tacho hatten. Dementsprechend müde und abgekämpft schleppten wir uns schließlich in Güemes ein. Doch das Ziel war nicht irgendeine Unterkunft, sondern die legendäre Albergue La Cabaña del Abuelo Peuto.

Diese Herberge wird von Pastor Ernesto geführt, einem 89-jährigen Geistlichen, der hier über die Jahrzehnte einen Ort geschaffen hat, den er selbst vollkommen zurecht als sein kleines „Utopia“ bezeichnet.

Wir bekamen ordentliche Zimmer, ausreichend Ruhe und vor allem etwas Vernünftiges zu essen. Um halb acht versammelte Ernesto alle Pilger um sich und erzählte mit unglaublicher Präsenz die Geschichte seiner Herberge und aus seinem eigenen, bewegten Leben. Es war ein tief beeindruckender Moment, der genau diese besondere, verbindende Magie des Caminos ausmacht.
Jetzt liege ich hier in meiner Koje, die Knochen sind schwer wie Blei, aber die Seele ist satt. Morgen steht wieder ein sehr langer Tag an, also heißt es jetzt: Augen zu und Kraft tanken.

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