Nach einem ausgiebigen Frühstück – und ich meine wirklich ausgiebig, als hätte ich geahnt, was meine Füße heute noch leisten müssen – stand mein Plan fest: die Küste erkunden. Da ich morgen ohnehin aufbrechen würde, wollte ich zumindest einen kleinen Vorgeschmack auf den Weg bekommen, der vor mir liegt. Ein bisschen Atlantik, ein bisschen Hafen, ein bisschen Pilgerromantik.
Porto machte es mir dabei allerdings nicht leicht, bei einem Plan zu bleiben.
Der Hafen zieht sich lang und lebendig durch die Stadt, gesäumt von kleinen Kneipen, Märkten und einem ständigen Stimmengewirr. Es riecht nach Salz, nach Essen, nach Leben. Doch während ich so entlanglief, blieb mein Blick immer wieder an der Brücke hängen – diesem massiven Bauwerk, das sich selbstbewusst über den Fluss spannt, als wolle es sagen: „Komm ruhig, ich zeig dir die bessere Aussicht.“ Ich ließ meinen ursprünglichen Plan kurzerhand fallen. Küste hin oder her – jetzt ging es erstmal nach oben.
Die Stufen hatten es in sich und erinnerten mich daran, dass mein Rucksack auch heute wieder keine halben Sachen macht. Oben angekommen wurde ich allerdings belohnt. Eine wuselige, beinahe überfordernde Stadt breitet sich vor einem aus – enge Gassen, Häuser, die scheinbar ohne Absprache übereinander und nebeneinander gebaut wurden, alt und neu in einem wilden Durcheinander. Dazwischen eine riesige, teilweise verfallene Hallenkonstruktion, die wirkt, als sei sie aus einer anderen Zeit übrig geblieben. Überall kleine Plätze, auf denen sich Touristen sammeln, schauen, staunen, fotografieren.
Ich blieb eine Weile stehen und tat genau das Gleiche.
Der Weg führte mich anschließend wieder hinunter, durch schmale, verwinkelte Gassen, die sich wie ein Labyrinth anfühlen – aber ein freundliches. Irgendwann stand ich wieder unten, überquerte die Brücke erneut und machte mich auf den Weg Richtung Atlantik. Einfach immer am Wasser entlang.
Dann kamen die Pilger.
Genauer gesagt: Sie kamen nicht – sie rauschten vorbei. Zwei, vielleicht drei Personen, deutschsprachig soweit ich das einordnen konnte, mit Rucksäcken, Wanderstöcken und einem Tempo, das ich persönlich allenfalls dann erreiche, wenn ich einen Zug erwische will. Sie schauten weder links noch rechts. Kein Blick auf den Fluss, kein kurzes Verweilen, kein Staunen. Nur Schritt, Schritt, Schritt, Schritt, weiter, weiter.
Ich schaute ihnen nach und versuchte, zu verstehen. Wovor laufen die? Was suchen sie, das man nur schnell genug finden kann? Oder ist der Camino für manche tatsächlich ein Wettbewerb – eine Art sportliche Herausforderung, die man in möglichst kurzer Zeit abhakt? Ich hoffe inständig, dass das nicht der Grundton dieses Weges ist. Wenn ja, dann werde ich wohl Letzter. Aber immerhin mit Aussicht.
Mein Empfang war streckenweise so löchrig wie manche Hausfassade hier, weshalb sich die Route nicht vollständig aufzeichnen ließ. Aber grob überschlagen dürften es um die 15 Kilometer gewesen sein. Kein schlechter Anfang, dachte ich mir, während meine Beine langsam anfingen, anderer Meinung zu sein.
Zum Abschluss des Tages holte ich mir meinen zweiten Stempel ab. Ein kleines Ritual, das langsam an Bedeutung gewinnt. Jeder Stempel ein winziger Beweis: Ich war hier. Ich habe geschaut. Ich war nicht gerannt.
Jetzt sitze ich am letzten Abend in der Herberge, eine kühle Cerveja in der Hand, und schaue Portugal gegen Spanien. Zwei Mannschaften, die wissen, wie man Leidenschaft auf engstem Raum konzentriert – irgendwie passend für diesen Abend. Ein besseres Warm-up für das, was morgen beginnt, kann man sich eigentlich kaum wünschen.
Buen Camino.


















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