Der gestrige Abend in Tapia de Casariego war zwar wunderschön, aber trotz der relativen Ruhe eines Hotelzimmers habe ich nicht sonderlich gut geschlafen. Zweimal war ich in der Nacht wach, bevor sich pünktlich um fünf Uhr ohnehin der Camino-Rhythmus meldete. Das Aufstehen fiel mir heute allerdings deutlich schwerer als sonst. Ich merke es sofort, wenn ich Alkohol getrunken habe. Der Sidra am Vorabend war wirklich gut, aber steckte mir am Morgen spürbar in den Knochen, fast so, als hätte er beschlossen, mir das Pilgern heute mit leicht erhöhter Schwerkraft zu danken.


Also nutzte ich die Gelegenheit, noch einmal ausgiebig und vor allem richtig heiß zu duschen. Danach packte ich meine Sachen zusammen und inspizierte das sogenannte „Pic nic“, das das Hotel als Frühstücksersatz bereitgestellt hatte. Es entpuppte sich als ein erstaunlich labberiger Toast, flankiert von einem Apfel und einer Banane. Die Banane ließ ich dort, den Rest ignorierte ich gedanklich, packte ihn ein und zog los.
Kurz vor sechs stand ich auf der Straße. Es war noch dunkel, ich war ganz allein, und ich genoss diese frühe, kühle Ruhe. Der Weg führte am Meer entlang, es war Flut, und der Wellengang war beeindruckend laut. Das Ziel heute lautete zwangsweise Mondoñedo. Da auf der regulären Strecke schlichtweg keine Herbergen, Betten oder sonstige Unterkünfte mehr zu bekommen waren, wäre das eine Etappe von rund 50 Kilometern gewesen. Das ist selbst an sehr guten Tagen ein gutes Stück zu viel, erst recht mit den zu erwartenden Höhenmetern im Hinterland. Deshalb hatte ich beschlossen, nur bis Ribadeo zu laufen und das mittlere Teilstück mit dem Bus zu überbrücken.




Der Weg nach Ribadeo war wirklich schön. Es ging über die Strandpromenade, durch eine kleine Senke am alten Stadion vorbei und dann wieder hinauf an die Küste. Ich erhaschte noch ein paar letzte, wunderbare Blicke auf das Meer, machte einige Erinnerungsfotos, von denen ich ohnehin weiß, dass sie die Weite niemals wirklich einfangen, und ging weiter gen Westen. Die Strecke führte über Feld- und Waldwege sowie kleine Seitenstraßen, bis ich schließlich den Playa de Peñarronda erreichte – einen herrlich weiten Strand, der im frühen Licht beinahe unwirklich wirkte. Es war kurz nach sieben, und meine stille Hoffnung, das Café des dortigen Hostels könnte bereits geöffnet haben, zerschlug sich zuverlässig. Es war mir aber eigentlich auch egal. Ich nahm den Rucksack ab, setzte mich in die Sonne und genoss einfach die Ruhe und den Sonnenaufgang und aß das „Pic nic“.




Gegen acht Uhr ging es weiter. Mein erstes großes Tagesziel hieß: um zehn Uhr bei Decathlon in Ribadeo stehen. Es gab einfach ein paar Ausrüstungsdinge, die zwingend ersetzt werden mussten. Kurz vor Ribadeo wird es dann allerdings erst einmal ein bisschen abenteuerlich. Man muss über die große Brücke, die Asturien mit Galicien verbindet, und das ist durchaus respekteinflößend. Der Fußweg ist extrem schmal und uneben, links geht es gefühlt endlos viele Meter hinab ins Meer, und wenn neben einem die Lkw vorbeirauschen, wackelt die gesamte Konstruktion so spürbar, dass man unweigerlich das eigene Gewicht verlagert. Der Ausblick war zwar fantastisch, aber ich war trotzdem sehr froh, als ich endlich drüben war.




Gegen 9:45 Uhr stand ich bei Decathlon. Ich kaufte eine neue Wasserblase, weil die alte ihr Leck offensichtlich sehr ins Herz geschlossen hatte, dazu neue Schnürsenkel und einen neuen Gürtel. Danach machte ich mich auf den Weg zum Bus, gönnte mir vorher aber noch ein richtiges Frühstück. Es war gut und erfreulich günstig, genau das, was ich nach dem Sidra von gestern Abend brauchte.

Gegen elf Uhr kam der Bus. Ich übersprang damit ungefähr 20 Kilometer und war gegen zwölf in Lourenzá. Dort besorgte ich noch schnell etwas für das Abendessen und vor allem reichlich Getränke, denn die Sonne brannte inzwischen sehr heiß vom Himmel. Hinter Lourenzá warteten dann wieder einige größere Anstiege auf mich.








Das war im Grunde schon ein kleines Vorspiel für morgen. Die Etappe nach Vilalba misst zwar „nur“ 34 Kilometer, aber sie führt über einen Berg hinter Mondoñedo, bei dem ein Aufstieg von rund 700 Höhenmetern auf gerade einmal drei Kilometern Länge vor mir liegt. Das wird der vermutlich heftigste Anstieg der ganzen Tour. Mir ist klar: Ich muss unbedingt um 6 Uhr los, damit die Temperaturen beim Aufstieg noch einigermaßen kühl und erträglich sind.

Ich bin gespannt, ob das so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. In Mondoñedo angekommen, war ich jedenfalls erst einmal froh, überhaupt da zu sein. Die Herberge ist mit einer Küche ausgestattet, in der ich selbst kochen konnte, was mich sehr freute. Ein einfaches, warmes Essen nach so einem Tag tut einfach gut. Und jetzt heißt es nur noch: schlafen, damit ich morgen für den Berg fit bin.

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