Es gibt Momente auf einem langen Weg, in denen der Körper aufhört, höflich zu sein. Er hört auf, diskret zu signalisieren, und fängt einfach an zu schreien.
Der gestrige Abend war so ein Moment.
Was ich zunächst für einen harmlosen Sonnenbrand an den Waden gehalten hatte, entpuppte sich als deutlich ernsthaftere Angelegenheit. Ich hatte mir mehr Sorgen um meine Oberschenkel gemacht, um die Füße, um den allgemeinen Verschleiß – aber die Waden hatten still und leise ihren eigenen Plan entwickelt. Nach dem Duschen war klar: Ich war am Ende. Nicht dramatisch, nicht theatralisch – einfach leer. Ich bat den Herbergsleiter um eine Matratze auf dem Boden, möglichst weit weg von jeder Leiter, und er verstand ohne große Worte.
Diese Entscheidung rettete mir den Abend.
Mit der Zeit rötete sich die Haut immer stärker, das Bein wurde heiß wie eine Herdplatte, und als ich mich auf den Weg zum Abendessen machte, schüttelte es mich plötzlich – fünf Minuten lang, vollständig, als hätte jemand meinen Körper auf Vibration gestellt. Kalt, zitternd, mitten auf der Straße. Ich aß, legte mich hin und schlief trotz des Lärms ringsum erstaunlich schnell ein.

Die Nacht war dafür umso gnadenloser.
Die Schmerzen an den Waden weckten mich in regelmäßigen Abständen. Dreimal stand ich auf, hielt die Beine unter kaltes Wasser, wartete, hoffte, legte mich wieder hin. Um halb drei war die Grenze erreicht. Ein Schmerzmittel, ein letztes Mal kühlen – und schließlich Schlaf.
Um 6:20 Uhr weckte mich die Aufbruchsfreude meiner brasilianischen Nachbarn. Mit einer Energie, die ich zu diesem Zeitpunkt schlicht nicht nachvollziehen konnte, packten sie mit einer Lautstärke, als wäre das Packen selbst ein Mannschaftssport. Ich lag kurz da und wartete darauf, dass mein Körper Bilanz zog. Der Muskelkater: weg. Die Waden: noch empfindlich, aber funktionsfähig. Ich stand auf.
Gegen 6:45 Uhr war ich wieder auf dem Weg.




Die Etappe führte erneut an der Küste entlang, und der Morgen lag noch kühl und still über den Stränden. Nur hatte ich vergessen zu frühstücken – oder genauer gesagt: Es gab schlicht nichts. Sonntags, in Portugal, in aller Frühe. Öffnungszeiten sind hier offenbar eher philosophische Konzepte als verbindliche Zusagen. Sechs Kilometer lief ich mit leerem Magen, bis ich in Póvoa de Varzim endlich einen Bäcker fand, der tatsächlich offen hatte. Kaffee. Brötchen. Das Gefühl, wieder ein Mensch zu sein.
Frisch gestärkt lief es sich gleich anders.
Kurz hinter Póvoa holte mich ein Gespräch ein – oder genauer: zwei Menschen holten mich ein. Ein Pilger aus Köln, eine aus Berlin, beide freundlich, beide gesprächig, und plötzlich war die Küstenlandschaft nicht mehr nur Kulisse, sondern Hintergrund für eine dieser Unterhaltungen, die sich anfühlen, als würden sie sich von selbst tragen. Wir redeten über den Weg, über das Warum, über das, was man zu Hause gelassen hat und was man vielleicht hier findet. Oder auch nicht findet. Bis Fáo hielt das Gespräch an – und die Zeit mit ihm.
Kurz bevor der Weg ins Landesinnere abbog, machten wir Halt. Ein leerer Strandabschnitt, das Meer vor uns, die Sonne schon warm im Rücken. Ich zog die Schuhe aus und stand in der Brandung des Atlantiks. Das Wasser war kalt, die Waden dankbar, und für einen Moment war alles vollkommen richtig.
Solche Momente sind es, für die man läuft.

Die letzten Kilometer gingen durchs Landesinnere, und die Füße meldeten sich wieder zu Wort. Der Weg füllte sich langsam mit immer mehr Pilgern – ein sicheres Zeichen, dass die Herbergen voll werden würden. Meine Entscheidung, mir vorab ein Bett in Esposende zu reservieren, fühlte sich mit jedem zusätzlichen Rucksack am Horizont weiser an.



In Fáo fanden wir schließlich eine Taverne, ein gutes Stück abseits des offiziellen Weges – und damit auch abseits der Pilgermassen. Für sechs Euro gab es ein vollständiges Menü: Vorspeise, Hauptgericht, Getränk, Espresso. Die Wirtin brachte alles mit der ruhigen Selbstverständlichkeit eines Menschen, der weiß, dass gutes Essen keine große Erklärung braucht. Wir saßen über eine Stunde, aßen, redeten, schwiegen auch mal. Draußen liefen die anderen weiter.
Wir nicht. Und es war richtig so.




Fazit der zweiten Etappe:
Rund 27 Kilometer. Fast drei Stunden Pause. Ein Sonnenbrand, der mich eines Besseren belehrte. Und die Erkenntnis, dass Sonnencreme kein optionales Zubehör ist, sondern medizinische Notwendigkeit. Portugiesen sind herzlich, Tagesetappen lang – und ein gutes Hostel muss nicht teuer sein.
Morgen: Viana do Castelo. Rund 30 Kilometer. Der Körper nickt zögernd. Die Beine schweigen klug.
Buen Camino.
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