
Der gestrige Tag steckt noch tief in den Knochen. Genauer gesagt in den Fersen. Und in den seitlichen Muskeln. Und eigentlich überall dort, wo Füße aufhören und Beine anfangen. Schon die ersten Schritte am Morgen machten unmissverständlich klar: Heute wird ein anderer Tag. Kein 36-Kilometer-Abenteuer, kein Alleingang durch Niemandsland, kein trotziges Weiterstapfen bis in die Dunkelheit. Wer einen Totalausfall riskieren wollte, hätte einfach weitermachen können wie bisher. Ich wollte das nicht.
Trotzdem: Um 6 Uhr stand ich auf. Mit stoischer Routine zusammengepackt, Rucksack geschultert, hinaus in den Morgen. Der Körper protestierte leise, aber er folgte. Frühstück erst, dann Entscheidungen.
Mein Plan war vernünftig – zumindest nach deutschen Maßstäben. Mit der Bahn nach Afife fahren, dort auf den Camino einsteigen und die anderen Pilger einholen, die zu diesem Zeitpunkt ungefähr auf gleicher Höhe sein müssten. Ein eleganter Kompromiss zwischen Ehrgeiz und Vernunft.
Der Bahnhof belehrte mich eines Besseren.
Züge fahren hier alle zwei bis vier Stunden. Nicht aus Bosheit, sondern aus einer tief verwurzelten südeuropäischen Überzeugung, dass Eile grundsätzlich überschätzt wird. Den letzten hatte ich um genau zehn Minuten verpasst. Zwei Stunden warten wollte ich nicht. Also: Bus. Mit Händen und Füßen, mit Brocken Englisch, die hier niemanden interessierten, versuchte ich herauszufinden, ob nicht auch ein Bus nach Afife fährt. Ja, wurde mir bestätigt. Nickend, freundlich, eindeutig.
Die Busstation zu finden war eine eigene kleine Expedition. Als ich sie schließlich aufgespürt hatte, stand dort zwar ein Bus – aber er stand nicht mehr lange. Er hatte sich bereits ohne mich auf den Weg nach Norden gemacht. Mit einer Pünktlichkeit, die ich ihm in diesem Moment nicht hoch anrechnete.
Es war halb zehn. Ich kaufte ein Zugticket nach Vila Praia de Âncora. Ein Euro fünfundachtzig. In diesem Moment der einzige Lichtblick des Morgens.
Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten. Als ich ausstieg, empfing mich die Sonne mit einer Direktheit, die keine Fragen offenließ. Heiß. Kein Wind. Kein Erbarmen. Portugal im Hochsommer ist schön und gnadenlos zugleich – und ich stand mittendrin, mit wunden Fersen und einem Tagespensum von etwa zwölf Kilometern vor mir.


Zwölf Kilometer. Nach den vergangenen Tagen fühlte sich das fast wie ein freier Tag an. Aber ehrlich gesagt fühlte ich mich auch ein kleines bisschen schäbig dabei. Pilger nehmen den Zug – ist das überhaupt noch Pilgern? Doch dann sah ich sie: andere Rucksäcke, andere erschöpfte Gesichter, andere Menschen, die denselben Kompromiss geschlossen hatten. Manche waren sogar gleich bis Caminha durchgefahren. Das wollte ich nicht. Aber zu wissen, dass ich nicht der Einzige war, der heute kürzer trat, half erstaunlich gut gegen das schlechte Gewissen.
Die Strecke war ehrlich gesagt nicht besonders. Wenig Schatten, wenig Abwechslung, wenig von dem, was man auf einer Postkarte schicken würde. Nach knapp vier Kilometern zeigte sich jedoch, dass meine Entscheidung zur Abkürzung vollkommen richtig gewesen war. Die Ferse schmerzte mit einer Intensität, die keinen Spielraum für Heroismus ließ. Fersensporn – das wäre das Ende dieser Reise. Nicht das Ende einer Etappe, das Ende von allem. Also: langsamer, öfter pausieren, das Gewicht anders verteilen. Der Körper diktierte das Tempo, und ich hörte ausnahmsweise zu.



Dann kam die Halbinsel von A Guarda in Sichtweite. Noch vier Kilometer. Ein Klacks, dachte ich.
Vier Kilometer durch sengende Mittagshitze auf einer Straße, die kein Ende kennt und keinen Schatten hat, sind keine vier Kilometer. Sie sind eine philosophische Prüfung. Die Zeit dehnt sich, der Asphalt flimmert, und man fragt sich in gleichmäßigen Abständen, ob man vielleicht doch irgendwo falsch abgebogen ist. Ich machte auf diesen vier Kilometern mehr Pausen als auf der gesamten restlichen Strecke.



In gefühlt jedem kleinen Laden kaufte ich eine neue Wasserflasche, die ich auf der Stelle leertrank. Das Einzige, das mich in dieser Einöde kurz aufblicken ließ, waren die Eukalyptusbäume – die größten, die ich je gesehen habe. Monumentale Dinger, die ihre langen Rindenfetzen wie alte Schriftrollen hängen ließen. In einem anderen Zustand hätte ich vielleicht länger innegehalten. Jetzt registrierte ich sie und lief weiter.

Gegen 13 Uhr erreichte ich die Albergue in Caminha.
Mit einem Stück frischem Brot und etwas Käse setzte ich mich in den Schatten und schaute aufs Wasser. Die Herberge hatte noch geschlossen – aber sie wurde bereits belagert. Von den Brasilianern aus Vila do Conde, die ich in der ersten Nacht kennengelernt hatte. Sie nickten mir zu, als hätten wir eine alte Verabredung. Auch sie hatten den Zug genommen. Der Camino verbindet eben auch auf Umwegen.

Während ich dasaß, fiel mir ein, dass ich die Fährverbindung nach A Guarda noch gar nicht gecheckt hatte. Ein kurzer Blick auf mein Handy genügte, um den nächsten kleinen Schrecken des Tages zu produzieren: Die erste Fähre um 10 Uhr. Viel zu spät. Was nun? Die portugiesische Route nehmen wollte ich nicht. Einen 30-Kilometer-Umweg erst recht nicht.
Die Empfangsdame der Herberge klärte mich auf: Die Fähren fahren zur vollen Stunde. Der Hafen sei nicht weit. Und ich hätte noch zehn Minuten.
Ich stand auf, schulterte den Rucksack und lief los. Kraft getankt hatte ich immerhin eine halbe Stunde.
Am Hafen erklärte mir der Ticketverkäufer mit einer Ruhe, die ich in diesem Moment nicht zu schätzen wusste, dass im Moment zu wenig Wasser stehe und die Fähre schlicht nicht fahre. Na toll.
Aber – es gäbe ein Wassertaxi. Wenn genug Leute zusammenkämen. Und in diesem Moment bogen vier Polen um die Ecke, Rucksäcke auf dem Rücken, denselben Zielort im Blick. Der Zufall hat auf dem Camino manchmal eine sehr präzise Handschrift.
Also alle ins Boot.


Unser Kahn hatte schon deutlich bessere Tage gesehen. Die Farbe blätterte, das Holz hatte eine gewisse Reife entwickelt, und unser Kapitän transportierte – ich will das nur am Rande erwähnen – offensichtlich nicht ausschließlich Personen. Was genau sich sonst noch an Bord befand, habe ich lieber nicht weiter untersucht. Der Mann steuerte sein Gefährt jedoch mit einer Routine und Finkheit, die Respekt einflößten: zwischen Sandbänken und Felsen hindurch, durch Wasser, das tatsächlich erschreckend flach war. Kein Wunder, dass die Fähre nicht fuhr.
Nach fünf Minuten betraten wir spanisches Festland.


Spanien begrüßt einen anders als Portugal. Schon die ersten Schritte fühlen sich anders an – die Straßen, die Häuser, die Farben. Und um diese Uhrzeit: alles geschlossen. Siesta. Während Portugal tagsüber zumindest den Versuch unternimmt, geöffnet zu sein, hat Spanien diesen Anspruch längst in seine Tagesstruktur eingebaut und verteidigt ihn mit Konsequenz.


Der Weg führte sofort steil bergauf. Etwas, das ich die letzten Tage eisern vermieden hatte. Sonne, kein Schatten, steiler Aufstieg – ich sah einer strahlenden Herausforderung entgegen. Doch dann bog die Route ab, und plötzlich befanden wir uns auf einem historisch anmutenden Waldpfad, der sich kühl und still zwischen alten Bäumen hindurchschlängelte. Der Boden war weich, der Schatten gnädig, und selbst der Aufstieg verlor seinen Schrecken. Hätte es so bleiben können – ich wäre dankbar gewesen.
Auf der Kuppe des Hügels endete die Idylle abrupt. Abgerodet, geschädigt, kahl – als hätte jemand entschieden, dass dieser Aussichtspunkt keiner sein soll. Es sah nicht schön aus, und ich lief schweigend weiter.

Nicht lange danach erreichte ich A Guarda. Und mit ihm die nächste kleine Überraschung: Spanien orientiert sich uhrzeitlich an Madrid, nicht an Lissabon. Plötzlich war ich wieder synchron mit der deutschen Zeit – ein seltsam vertrautes Gefühl nach Tagen, in denen ich eine Stunde hinter mir selbst herlief.
Die Herberge empfing mich mit der stillen Würde eines Ortes, der täglich Menschen aufnimmt, die mehr hinter sich haben als vor sich.

Als erstes musste ich feststellen, dass wir uns zwar immer noch auf dem gleichen Breitengrad wie Lissabon befinden, die spanische Uhrzeit sich aber an Madrid orientiert – ich also wieder Synchron mit deutscher Zeit bin.
Fazit:
- Ich bin heute weiter gelaufen als geplant und meine Füße haben gehalten – das ist gut!
- Plane nie nach deutschen Maßstäben, wenn du im Ausland – speziell Süd-Europa bist – du könntest enttäuscht werden oder Pläne werden verworfen
- Ich bin heute 17 km gelaufen – angefühlt haben sie sich wie 100
- Navigieren mag effizient sein, man verpasst aber möglicherweise was – ich vertraue jetzt mehr auf die Pfeile/Markierungen
- Plane nur soweit, wie du laufen kannst – die nächsten Abschnitte sind etwas kürzer und sollen echt was bieten!


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