ES …… IST …… HEIß …
Um 7 Uhr morgens zeigte das Thermometer in Vigo bereits 29 Grad im Schatten. Neunundzwanzig Grad. Um sieben Uhr morgens. Mit einem leichten Lüftchen und ohne direkte Sonne war das noch irgendwie erträglich – der Schweiß, der sich schon nach wenigen Kilometern einstellte, sorgte zumindest für eine gewisse Abkühlung. Ich versuchte, das positiv zu sehen. Der Körper klimatisiert sich selbst. Sehr praktisch.
Vigo ist keine Schönheit. Das sage ich ohne Freude, aber mit Überzeugung. Enge Straßen – und ich meine wirklich eng, so eng, dass man sich fragt, wie hier Autos aneinander vorbeikommen sollen – begleiteten mich sechs Kilometer auf meinem Weg raus aus der Stadt. Dazwischen Bausünden, die man getrost in den 70ern und 80ern verorten darf, als offenbar die Überzeugung herrschte, Beton sei die Antwort auf alle Fragen. Fotos habe ich mir verkniffen. Hässliche Städte kennt man zur Genüge. Dabei erkennt man an Parks und einzelnen historischen Gebäuden, dass Vigo einmal eine Perle gewesen sein muss – bevor jemand entschied, sie zu verschandeln.


Auch hier suchte ich den Pilgerpfad vergeblich. Gelbe Pfeile – Fehlanzeige. Ohne mein inzwischen heißgeliebtes Buch wäre ich schlicht verloren gewesen. Aber selbst mit Buch war der Einstieg schwer zu finden, bis mich ein älterer Herr freundlich darauf hinwies, lächelte und mir ein herzliches „Bõ Camino“ mit auf den Weg gab. Ich bog ab – und hatte fast augenblicklich Ruhe. Keine Autos, kein Lärm, kein Beton. Nur der Weg.

Da ich auf der Küstenroute unterwegs war, musste ich zunächst den zentralen Camino Portugués erst noch erreichen. In Redondela treffen die beiden Wege aufeinander – der Küstenweg mündet in den eigentlichen, historischen Camino. Ab hier würde es mehr Pilger geben, dachte ich. Zumindest heute sollte ich damit falsch liegen.
Der Aufstieg zum eigentlichen Camino war steil. Wirklich steil. Auf kaum einem Kilometer stieg der Weg um rund 150 Meter an, der Rucksack lastete schwer auf den Schultern, und mein gesamtes Wasser war verbraucht, bevor ich oben ankam. Der Körper verhandelt in solchen Momenten nicht mehr – er fordert einfach.



Oben angekommen erwartete mich eine Szene, die ich so schnell nicht vergessen werde. Zwei Taxis hielten, mehrere ältere Herrschaften stiegen aus, sahen mich – schwitzend, keuchend, aber immerhin auf eigenen Beinen – und lachten. „Oh my god, we got caught!“ rief eine von ihnen. Ich grinste, trocknete mir die Stirn und antwortete nur: „Gotcha.“ Dann lief ich weiter. Manche Momente brauchen keine weiteren Worte.
Den Rest des Weges lief ich alleine, durch Wald, durch Stille, durch das leise Rauschen des Windes in den Bäumen. Was mir auffiel: streunende Hunde, große wie kleine, manche offensichtlich krank. Ich machte stets einen großen Bogen um sie, versuchte uninteressant zu wirken und möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Es funktionierte. Meistens.


Immer wieder gab es bewohnte Abschnitte, kleine Weiler, Stimmen hinter Gartenmauern, der Geruch von Mittagessen aus offenen Fenstern. Aber im Großen und Ganzen gehörte dieser Abschnitt mir – der Natur und der Ruhe.
Gegen 11:30 Uhr erreichte ich Redondela. Ich hatte bereits überlegt, noch weiterzulaufen – und just in diesem Moment fiel mein Blick auf eine Werbetafel für eine Pilgerherberge kurz vor Arcadia. Manchmal trifft der Camino Entscheidungen für einen. Ich steuerte die Herberge an.

Was dann folgte, war der härteste Abschnitt des Tages. Acht Kilometer entlang einer Hauptstraße, die Sonne inzwischen direkt von oben, über vierzig Grad, kein Schatten, kein Erbarmen. Die Füße brannten auf dem heißen Asphalt, der Schweiß floss in Strömen über Gesicht und Körper und lief in die Augen – was zusätzlich brannte. Ich lief und litt und lief und litt, und die letzten zwei Kilometer quälte ich mich Schritt für Schritt vorwärts, die Herberge irgendwo vor mir, unsichtbar, aber hoffentlich real.
Völlig erschöpft und durch und durch nassgeschwitzt kam ich um halb vier an. Die Begrüßung war herzlich, fast überschwänglich – genau das, was man in diesem Zustand braucht. Und dann: vertraute Gesichter. Die Italiener, denen ich nun schon mehrmals auf dem Weg begegnet war und die ich inzwischen wirklich ins Herz geschlossen hatte. Wir sahen uns an, lachten, und für einen Moment war die Hitze vergessen.
Fast.
Mein Fazit für heute:
- Einsamkeit ist was gutes – man kommt zum nachdenken
- Ich ertrage inzwischen Hitze etwas besser – aber bei 40 Grad ist echt Schluss mit lustig
- ich hatte sowas wie einen spirituelle Moment – mag aber nicht drüber reden
- Bei 26 km kommen einem die letzten vier wie eine Ewigkeit vor
- Ich muss Abschied vom Meer nehmen – leider!
- Ich mag isotonische Getränke nicht – aber wenn man so viel schwitzt muss man zwangsläufig Mineralien nachgießen
- Mein Weg nähert sich langsam dem Ende und das mag ich nicht so recht wahrhaben – ich bin an einem Punkt angelangt wo es ewig so weitergehen könnte – es ist irgendwie beruhigend jeden Morgen um 6 Uhr aufzustehen und einfach loszulaufen … und jeden Tag sieht man was anderes …
- Ich glaube der Camino Francés könnte mir gefallen und prompt fällt mir eine Broschüre ein, die ich in Vila do Conde eingesammelt habe. Darauf stand: „einmal Camino – immer Camino“ vielleicht ist was dran?
- Geht es nicht darum im Leben – einfach loszulaufen, das Leben zu nehmen wie es kommt und jeden Moment zu umarmen? Einfach weitermachen – egal wie schwer es zu sein scheint und wie hoch der Berg auch ist, der vor einem liegt – das Leben ist wie der Camino – der Weg ist das Ziel
- In diesem Sinne: Buen Camino

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