Tag 26: Lavacolla nach Santiago de Compostela

Heute stand nur noch eine kurze Strecke an: knapp 10 Kilometer von Lavacolla nach Santiago de Compostela. Trotzdem fühlte sich dieser Morgen alles andere als klein an. Um 4:30 Uhr war ich wach, um 5 Uhr bereits unterwegs, noch in tiefer Dunkelheit. Der Plan war klar: Ich wollte pünktlich zum Sonnenaufgang in Santiago sein.

Ich war nicht ganz allein unterwegs, irgendwo vor oder hinter mir war mindestens noch ein anderer Pilger auf der Strecke. Gegen 6:40 Uhr erreichte ich die Pilgerstatuen am Monte do Gozo. Der Blick hinunter auf Santiago lag vor mir, der beginnende Sonnenaufgang im Rücken. Ein wunderbarer Zwischenmoment: noch nicht angekommen, aber eigentlich schon da.

Gegen 7:20 Uhr stand ich schließlich vor der Kathedrale in Santiago. Am Zwischenziel. Ich war in der Vergangenheit schon fünfmal hier, das heute war nun also meine sechste Ankunft in dieser Stadt. Und man sollte ja eigentlich meinen, dass sich nach so vielen Wegen irgendwann so eine Art Ankunftsroutine einstellt. Aber das Gegenteil ist der Fall: Jedes Mal ist es anders, und jedes Mal ist es auf seine ganz eigene Art besonders. Auch wenn man den Platz, die Türme und all diese Momente nun schon so oft gesehen und erlebt hat, ist es doch jedes Mal aufs Neue unbeschreiblich schön und tief bewegend. Das Pilgerbüro öffnete erst um 9 Uhr, also hatte ich Zeit und verbrachte diese einfach auf dem noch menschenleeren Platz. Ich war augenscheinlich der erste Pilger dort, genoss die absolute Ruhe und beobachtete, wie die Sonne langsam hinter der Kathedrale aufging.

Gegen 10 Uhr ging ich frühstücken und danach ins Pilgerbüro, um meine Urkunden abzuholen. Anschließend schloss ich meinen Rucksack ein und ging in die Kathedrale – erst zum Grab des Apostels und dann hinauf, um die Statue des Apostels zu umarmen. Auch wenn ich diese alten Rituale nun schon auf sechs Wegen erleben durfte, berührt mich diese schlichte Geste jedes Mal wieder. Danach besuchte ich den Pilgergottesdienst. Er war wieder sehr bewegend, und als dann auch noch der Botafumeiro geschwenkt wurde, war das aus der ersten Reihe ein echter Gänsehautmoment. Egal, wie oft man das schon miterlebt hat, es verliert einfach nichts von seiner Magie.

Nach dem Gottesdienst ging ich zum Seminario, um mein Quartier zu beziehen. Inzwischen war es draußen glühend heiß geworden. Im Quartier begann dann erst einmal der profane Teil des Pilgerlebens: Wäsche waschen, duschen, Sachen aufhängen. Bis ich damit fertig war, war es schon halb vier. An Schlaf war gar nicht mehr zu denken, obwohl mir ein kleines Nickerchen sicher gutgetan hätte. Stattdessen traf ich mich mit anderen Pilgern, wir besorgten noch etwas fürs Abendbrot, und ich nutzte die Gelegenheit, meine warmen Klamotten einzupacken und in der Gepäckaufbewahrung einzulagern. Die brauche ich jetzt definitiv nicht mehr.

Abends trafen wir uns alle noch zum gemeinsamen Kochen. Inzwischen bin ich wieder auf meinem Zimmer, und mein Rucksack ist bereits fertig gepackt. Denn für mich ist hier eben noch nicht Schluss. Morgen breche ich in Richtung Fisterra beziehungsweise Finisterre auf, noch einmal rund 100 Kilometer bis ans Meer. Ich war auf dem Norte fünf Tage schneller als geplant und nutze diese gewonnene Zeit nun einfach für diesen zusätzlichen Weg. Eigentlich wollte ich das ohnehin schon immer einmal machen, und fünf Tage in Santiago einfach nur herumzusitzen, wäre nun wirklich nicht mein Stil. Also geht der Weg morgen weiter.

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