Tag 27/1: Santiago nach Portocamiño A Pena

Santiago ist geschafft, aber weil ich ganze fünf Tage schneller war als geplant, geht der Weg für mich einfach weiter. Also nun auf zum nächsten Camino, hinaus Richtung Finisterre. Insgesamt warten noch rund 95 Kilometer, davon heute gleich 33. Ein ganz guter Einstieg also für jemanden, der offenbar nicht besonders talentiert darin ist, nach einer Ankunft einfach einmal still sitzen zu bleiben.

Die Nacht im Seminario war leider alles andere als erholsam. Trotz Einzelzimmer war es erstaunlich unruhig. Türen knallten, auf dem Flur war ständig Bewegung, und an Schlaf war nur sehr eingeschränkt zu denken. Um 5:30 Uhr stand ich schließlich auf, auch wenn ich eigentlich viel lieber liegen geblieben wäre. Aber die angekündigte Hitze saß mir schon morgens im Nacken, noch bevor sie überhaupt richtig da war. Also Füße versorgt, den Rucksack erst einmal eher provisorisch zusammengeworfen, alles zusammengesucht und nach unten marschiert. Dort wurde dann wieder ausgepackt, Wasser aufgefüllt und anschließend alles noch einmal richtig und halbwegs vernünftig verstaut. Um 6:20 Uhr ging es dann los – also praktisch schon verspätet, zumindest nach meinem derzeitigen Pilgermaßstab.

Zunächst musste ich einmal um den Ring herum, um überhaupt wieder auf den Weg zu kommen. Dabei entdeckte ich plötzlich Ecken von Santiago, die man auf den üblichen Wegen kaum oder gar nicht sieht.

Manche Orte kamen mir merkwürdig vertraut vor, fast so, als hätte ich sie eher aus Filmen im Kopf als aus dem echten Leben. Das hatte etwas Schönes. Überhaupt überraschte mich dieser neue Weg direkt positiv. Er ist gut ausgeschildert und, was ich fast noch bemerkenswerter fand, selbst beim Herausgehen aus Santiago unerwartet schön.

Es ging vorbei an alten Ruinen, die offenbar zu einer Art Ausgrabung gehören, was den Weg gleich zu Beginn mit einem Hauch Abenteuer und Vergangenheit versah. Danach führte die Strecke durch Wälder, bergauf, wieder bergab, insgesamt sehr lauschig und viel reizvoller, als ich es erwartet hätte. Asphalt gab es zwar auch, aber erfreulich wenig. Stattdessen viele gute Wege, viel Grün und wieder einmal das beruhigende Gefühl, dass man sich mit jedem Schritt weiter vom Stadtlärm entfernt. Rund 870 Höhenmeter kamen heute zusammen, aber das hat mich inzwischen kaum noch beeindruckt. Offenbar gewöhnt sich der Körper an Dinge, die man ihm vor ein paar Wochen noch nicht ohne Widerstand hätte zumuten dürfen.

Auch die Versorgung unterwegs war erfreulich gut. Ich werde auf diesem Weg also wohl weder verdursten noch verhungern, was bei mir ohnehin eine eher theoretische Gefahr darstellt. Irgendwann unterwegs fasste ich außerdem einen wichtigen und längst überfälligen Entschluss: Mein blaues Shirt wird wohl in Finisterre feierlich den Flammen übergeben. Das gute Stück ist inzwischen so voller Löcher und so durchgescheuert, dass man kaum noch von Kleidung sprechen kann. Es hat treu gedient, aber seine Zeit ist nun offenbar gekommen.

Unterwegs traf ich wieder neue Pilger, mit denen man schnell und angenehm ins Gespräch kam. Das macht diesen Weg direkt anders als die letzten Tage vor Santiago, die ja oft schon etwas voller und hektischer wirken. Trotzdem zog sich der Tag. Ab etwa zehn Uhr wurde es merklich heißer, und ich kam nicht mehr so leichtfüßig voran wie zuletzt. Für die 33 Kilometer brauchte ich heute rund sieben Stunden. Große Pausen habe ich dabei gar nicht gemacht, eher viele kleinere Unterbrechungen, meist nur zum Trinken, kurz Durchschnaufen und Weitermarschieren.

Kulinarisch war der Tag eher funktional als festlich. Bis zum Abend bestand die Ausbeute aus einem Stück Tarta de Santiago am Morgen und unterwegs aus einem Stück Tortilla. Das reicht erstaunlich lange, solange man in Bewegung bleibt und sich nicht zu viele Gedanken darüber macht, was man eigentlich gerade an Energie verbrennt. Dafür gab es unterwegs viele schöne Eindrücke. Orte wie Barca zum Beispiel gefielen mir wirklich gut. Der Weg hat heute überhaupt immer wieder mit kleinen, stillen Momenten überzeugt, eher durch Atmosphäre als durch große Sensationen.

In Negreira stand dann noch ein eher profanes, aber wichtiges Projekt an: Ich wollte meine Tape-Vorräte auffüllen. In der ersten Apotheke geriet dieses Vorhaben allerdings in die Mühlen der örtlichen Kleinstadtkommunikation. Die Apothekerin war mit der Kundin vor mir so ausgiebig in ein offenbar hochrelevantes Gespräch über die neuesten Entwicklungen der lokalen Gerüchteküche vertieft, dass ich zwischenzeitlich das Gefühl hatte, dort eher einer öffentlichen Sitzung als einem Verkaufsvorgang beizuwohnen. Es wurde erzählt, nachgefragt, kommentiert und weiter erzählt, und der Kauf zog sich in einer Geschwindigkeit dahin, die meine Geduld durchaus forderte.

Tape hatte sie am Ende sogar da – allerdings nur auf einer 10-Meter-Rolle. Was genau ich vier Tage vor dem Atlantik mit so viel Material anfangen soll, erschloss sich mir nicht. Vor vier Wochen hätte ich sie vermutlich begeistert genommen. Jetzt eher nicht.

Apotheke zwei hatte das gleiche Angebot, nur immerhin mit deutlich effizienterem Ablauf. In Apotheke drei wurde ich dann schließlich fündig und bekam genau die kleinere Packung, die ich gesucht hatte. Ein kleiner Sieg, aber auf dem Camino lernt man ja, auch solche Erfolge angemessen zu würdigen. Zu diesem Zeitpunkt lagen noch 12 Kilometer vor mir, und inzwischen war es Mittag.

Die letzten zwölf Kilometer gingen stetig bergauf, was bei der Hitze nicht gerade zur allgemeinen Erheiterung beitrug. Es war ermüdend, zäh und vor allem warm, aber irgendwann war auch das geschafft. Gegen 14:30 Uhr erreichte ich endlich mein Ziel in A Pena. Ich war ordentlich durchgeschwitzt, aber in einem Ausmaß, das sich mit einer Dusche noch gut verhandeln ließ. Jetzt bin ich gespannt auf das Community Dinner am Abend. Wieder viele neue Gesichter, neue Gespräche, neue Geschichten. Und genau das ist vielleicht das Schönste daran, dass der Weg nach Santiago für mich eben noch nicht zu Ende war.

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