Heute stand mit 26 Kilometern eigentlich ein eher kurzer Tag auf dem Plan. Also jedenfalls kurz nach Pilgermaßstäben, was ja bekanntlich bedeutet: lang genug, um morgens trotzdem keine Luftsprünge zu machen. Mein linker Fuß nervt wieder, und man merkt inzwischen deutlich, dass sowohl die Schuhe als auch die Einlagen ihr bestes Leben hinter sich haben. Vor allem der dritte Zeh meldete sich heute ziemlich deutlich zu Wort, und zwar nicht im freundlichen Plauderton.
Um fünf bin ich aufgestanden, nach einer erneut eher unruhigen Nacht. Dann die übliche Morgenroutine: Füße versorgen, Sachen sortieren, Rucksack schultern, los. Um sechs war ich auf dem Weg. Es war neblig, bewölkt und damit eigentlich fast ideales Pilgerwetter. Schatten gab es heute ohnehin nicht allzu viel, und bei voller Sonne wäre die Sache deutlich anstrengender geworden. So aber ließ es sich ordentlich laufen, auch wenn es wieder etwas mehr Asphalt gab als an den Vortagen.

Der Weg hatte ein, zwei ziemlich kernige Aufstiege eingebaut, wohl damit erst gar nicht der Eindruck entsteht, man bekäme hier irgendetwas geschenkt. Ansonsten war die Etappe aber gut machbar. Trotzdem fiel mir das Gehen im Verlauf des Tages zunehmend schwerer. Ich merke langsam sehr deutlich, dass die Kräfte nicht unendlich sind und der Körper inzwischen beginnt, die Gesamtrechnung dieser Reise vorzulegen. Er tut das nicht unfreundlich, aber doch bestimmt.




Bereits um 11:30 Uhr war ich in Olveiroa. Das ist einerseits erfreulich früh, andererseits auch genau die Art von Ankunft, bei der man kurz in Versuchung gerät, heldenhaft noch weiterzugehen. Da meine Füße aber ohnehin schmerzen und ich in Olveiroa ein Bett bekommen habe, entschied ich mich diesmal ganz vernünftig gegen jede zusätzliche Kilometerakrobatik. Man muss ja nicht aus Prinzip schlechte Entscheidungen treffen, nur weil man pilgert.
Die Herberge ist verhältnismäßig teuer, dafür sind die Duschen gut, und manchmal reicht das ja schon fast, um den Frieden mit der Welt wiederherzustellen. Mittags gab es einen Salat, danach legte ich mich nur kurz hin – und wachte erst um 18:30 Uhr wieder auf. Offenbar war da noch irgendwo ein gewisser Schlafbedarf offen, den mein Körper ohne weitere Rücksprache einfach eingezogen hat.
Später war ich noch mit zwei anderen Pilgern essen, bevor ich mich wieder hingelegt habe. Überhaupt sind im Moment viele Italiener unterwegs, darunter einige recht laute Exemplare. Das ist nicht weiter schlimm, aber es sorgt dafür, dass man die eigene Müdigkeit noch ein kleines bisschen bewusster wahrnimmt. Irgendwann möchte man dann einfach nur noch Ruhe, ein Bett und möglichst niemanden, der den ganzen Raum mit italienischer Lebensfreude beschallt.
Morgen geht es weiter nach A Amarela, noch etwa acht Kilometer vor Fisterra. Der Abstieg nach Cee wird allerdings noch einmal unerquicklich: fast 340 Höhenmeter auf nicht einmal drei Kilometern. Vermutlich werde ich das Stück wieder eher hinunterrennen als gehen, was erfahrungsgemäß zwar schnell ist, aber auch auf ganz eigene Weise anstrengend. Jetzt ist es auf jeden Fall Zeit zu schlafen. Der Atlantik wartet zwar, aber bitte nicht vor dem Weckerklingeln.

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